Getarnte Handy-Antennen

Funkende Bäume

Mobilfunkantennen sind unbeliebt. Einerseits wegen ihrer Hässlichkeit, andererseits, weil ihre Strahlung als schädlich gilt. Daher werden die Antennen häufig getarnt – als Kunstwerk, Baum, Kirchenkreuz, Fahnenmast oder Kaktus.

Jörg Rothweiler (Text), aktualisiert am 1. November 2016

Kaum jemand möchte aufs Mobiltelefon verzichten. Doch wird irgendwo der Bau einer neuen Mobilfunkantenne geplant, ist Widerstand fast programmiert. Ging es dabei früher vor allem um die – bis heute wissenschaftlich nicht bewiesene – Gesundheitsgefährdung durch die Handystrahlung, melden Kritiker heute meist Bedenken wegen «Verschandelung der Landschaft, des Denkmalschutzes und/oder des Ortsbildes» an.

 

Daher werden Mobilfunkantennen oft optisch getarnt. Bei uns als Kamin, Dachkuppel oder schmückendes Dachelement – und im Ausland als Kunstwerke, Fahnenstangen, Kirchenkreuze, Wasserreservoirs, Silos oder «funkende Bäume».

 

 

Pinien von erhabener Grösse

 

Nachahmungen von Pinien sind in den USA seit 1992 im Einsatz und bis heute zur Tarnung von Mobilfunkantennen ausserordentlich beliebt. Dies, weil Pinien von Natur aus sehr gerade Stämme haben, die dicht mit Nadeln besetzten Äste gut nachgebaut werden können und aufgrund ihrer optischen Dichte die dahinter verborgenen Funkantennen gut kaschieren.

 

 

Fahnenmasten, die es «in sich» haben

 

Jonathan Kramer via celltowerphotos.com und dilettantearmy.com.

 

 

Nicht nur in Kalifornien, wo diese drei Bilder entstanden, werden Mobilfunkantennen gerne als überdimensionale Fahnenmasten getarnt. Interessantes Detail: Laut Gesetz müssen dauerhaft aufgehängte US-Flaggen «während der Dunkelheit ordentlich beleuchtet sein». Aus diesem Grund sind die Flaggenmasten mit Lampen versehen – weil sonst die Flagge jeweils vor Einbruch der Dunkelheit eingeholt und am nächsten Morgen wieder gehisst werden müsste.

 

 

1/5 Auffällig unauffällig: Wo keine Handy-Antenne das Umgebungsbild verschandeln soll, muss ein falscher Baum her. Die Herstellung eines funkenden Baumes dauert zwischen sechs und acht Wochen. Fotos: Robert Voit (2), Jonathan Kramer (1).

2/5 Je nach Region und Vegetation werden die Mobilfunkantennen auch als Palmen getarnt. Fotos: Robert Voit (2), Larson Camouflage (1).

3/5 Oder auch mal in falsche Kakteen eingebaut. Fotos: Douglas Yeo.

4/5 Ein direkter Draht zu Gott? In den USA gibt es Hunderte von Kirchenkreuzen, die modernste Mobilfunktechnologie in ihrem Inneren verbergen. Hier drei Beispiele aus Arizona. Fotos: theapricity.com, Betty Beaumond, Jonathan Kramer.

5/5 Funkende Bäume in England, Kalifornien und Südafrika (v. links). Fotos: waymarking.com, Jonathan Kramer, Robert Voit.

1/5 Auffällig unauffällig: Wo keine Handy-Antenne das Umgebungsbild verschandeln soll, muss ein falscher Baum her. Die Herstellung eines funkenden Baumes dauert zwischen sechs und acht Wochen. Fotos: Robert Voit (2), Jonathan Kramer (1).

 

 

Kunst, Silos und Halbwahrheiten

 

 

Eher auffallendes Kunstwerk als effiziente Tarnung ist die vom berühmten Architekturbüro Dekker/Perich/Sabatini entworfene Verkleidung der Antennenanlage in Albuquerque, New Mexico. Foto: Jonathan Kramer.

 

 

Handy-Antennen als Wassertank und Silo. Fotos: Larson Camouflage, Jonathan Kramer.

 

 

Weniger mit moderner Technologie in Zusammenhang dürfte man die als Wassertank getarnte Antennenanlage, welche von Larson Camouflage, einem der grössten Hersteller für optische Tarnungen weltweit entworfen wurde. Die bei Arvada, Colorado, stehende, leuchtend rote Scheune ist echt. Das daran angebaute, von einer Rundkuppel gekrönte Silo aber ist nur Tarnung für die darin installierte Antennenanlage.

 

 

Kakteen die niemals eingehen

 

Das in Tucson, Arizona, ansässige Unternehmen Larson Camouflage hat sich auf den Bau von als gigantische Kakteen getarnten Antennenanlagen spezialisiert. Foto: Jaycrew / Reddit

 

 

Die in den USA wachsenden Kakteen erreichen teils gigantische Ausmasse – und so verwundert es nicht, dass auch kakteenähnliche Gebilde als Tarnung für Handy-Antennen herhalten müssen. Beispielsweise stehen an den weltberühmten Fountain Hills in Arizona gleich mehrere funkende Kakteen. Und nicht nur die Mobilfunkanbieter, sondern auch die Polizei nutzt Camouflage-Gewächse für ihre Zwecke und integriert schon mal Überwachungskameras in die Kakteen.

 

 

Tropisches aus Stahl, Beton und Plastik

 

Palmen eignen sich bestens, um Mobilfunkantennen zu kaschieren. Foto: Larson Camouflage.

 

 

Schaut man bei einigen Palmen aber genauer hin, sieht man, welch seltsame Früchte sie tragen. Foto: Larson Camouflage.

 

Die Stämme der künstlichen Palmen werden aus Stahl respektive Stahlbeton gefertigt und je nach optischer Anforderung aufwendig oberflächenbehandelt und mit künstlichen Fruchtständen sowie den Aufnahmevorrichtungen für die Palmenblätter bestückt. Anschliessend werden die Kunststoffblätter und weitere Verzierungen angebracht. Ist die Antenne aufgerichtet wird die Antennentechnologie installiert.

 

 

 

Die Situation in der Schweiz

 

Laut einem Bundesgerichtsurteil von 2012 dürfen Gemeinden für den Bau von Mobilfunkantennen nur Einschränkungen für «ideelle» Immissionen festlegen – also solche, die nicht an die Strahlung, sondern an die optische Erkennbarkeit der Antenne geknüpft sind. Denn diese könne, befanden die Richter, negative Empfindungen provozieren.

Für «nicht als solche erkennbare» Antennen indes dürfen keine über die bereits im Bundesgesetz geregelten Immissionsgrenzwerte hinausreichenden Einschränkungen erlassen werden. Die Bundesrichter begründeten ihren Entscheid unter anderem damit, dass «es psychologisch einen grossen Unterschied macht, ob eine Mobilfunkantenne sichtbar oder unsichtbar ist». Und in der Tat zeigen Studien: Können Menschen eine (vermeintliche) Gefahrenquelle nicht als solche erkennen, verspüren sie in der Regel auch keine negativen Auswirkungen.


 

Artenvielfalt im Antennenwald

Nicht nur in den USA setzt man auf baumförmige Tarnungen für Mobilfunkantennen. Robert Voit, Dozent und Gastprofessor an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg, fotografiert seit 2003 funkende Bäume in aller Herren Länder. Die besten Bilder seiner künstlerischen Arbeit hat er im Buch «New Trees» zusammengestellt. Das Buch ist auf Deutsch im Steidl-Verlag erschienen.

 

 

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Stören Sie sich an Handy-Antennen? Sollen Antennen in Attrappen versteckt werden oder soll man sie sichtbar aufstellen?

 

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