Fernsehen wird interaktiv

HbbTV: Der neue Teletext ist das neue Fernsehen

Er scheint beinahe aus der Zeit gefallen – und trotzdem ist Teletext in der Schweiz immer noch populär. Dabei steht sein Nachfolger längst bereit: HbbTV ist schneller und bietet mehr. Und er könnte sogar das Fernsehen als Ganzes verändern.

Roger Baur (Text), 3. Oktober 2017

Die Zukunft des Fernsehens ist rot. Diese Farbe ist auf den meisten Geräten das Eintrittsportal in eine neue Welt. Denn die rote Taste auf der Fernbedienung startet HbbTV. Auf den ersten Blick nichts anderes als ein angereicherter Teletext. Da gibt es etwa News mit Bildern und Videos. Doch HbbTV kann noch viel mehr. Die Technologie dahinter ist nämlich nicht einfach ein über das Fernsehbild gelegter Internetauftritt. «Hybrid broadcast broadband TV» mischt sich mit dem klassischen Fernsehsignal und kann darum auch direkt an dieses gekoppelt werden. Und genau diesem kleinen Detail messen Experten grosses Potential zu. Reisen wir dafür kurz in die Zukunft.


Oktober 2027. Die wenigen Zeitungen, die es noch gibt, sind voll von einem Thema. Sie betiteln es als «das grosse Sendersterben». In den wenigen klassischen Fernsehprogrammen, die es noch gibt, dominiert eine Retrowelle das Programm. Hemmungslos plündern die Macher die Archive und erinnern sich an die gute alte Zeit vor dem Siegeszug der Streaming-Dienste. Vor der Zeit, als YouTube, Netflix und Amazon den Fernsehmarkt vom Internet her aufrollten. Man hatte es schlicht verpasst, sich auf die neuen Sehgewohnheiten einer neuen Generation einzustellen. Viel zu spät stellte man fest, dass sich, wie einst bei den gedruckten Medien, dieses Verhalten von Jung auf Alt übertrug.


Soweit eine mögliche Zukunft. Doch die verfügt auch über eine Parallelwelt. Und dort sieht die Sache ganz anders aus.


Oktober 2027. «Es sitzen wieder alle um die Kiste», titeln die unterdessen gut etablierten Online-Newsportale. Und meinen damit: «Das neue Fernsehen kann man anfassen», wie es eine andere Site auf den Punkt bringt. Sie erzählen, so eine weitere Schlagzeile: «HbbTV: Wie eine europäische Erfindung alles veränderte.» Und zwar, indem Sender ganze Sendungen komplett interaktiv auf den Zuschauer zuschnitten. So ist es möglich zum Start von «Wer wird Live-Millionär» noch zu Beginn der Sendung gemütlich allein auf dem Sofa zu sitzen und schon nach sechzig Minuten von einem Millionenpublikum zum Millionengewinn bejubelt zu werden. Möglich macht es HbbTV, das fähig ist, ein Brücke von anonymen Medium hin zum einzelnen Zuschauer zu schlagen.

 

 

Die rote Taste auf der Fernbedienung startet HbbTV.

 

 

Reine Fantasie? Heute sind beide Zukunftsszenarien möglich. Fakt ist: Die klassische Fernsehnutzung sinkt, eine erste Generation wächst praktisch ohne den Konsum linearen Fernsehens auf. TV ist ihnen zu sperrig, zu unflexibel, zu unpersönlich. Nicht nur wegen der fixen Anfangszeiten – denn von YouTube sind sie es gewohnt, sich aktiv ins Programm einbringen zu können. Ihre Stars reden mit ihnen persönlich über die Kommentarfunktion und sie bieten in ihren Channels Videos im Video an. «Eine kleine Vertiefung zum Thema gefällig? Dann klick auf das eingeblendete Symbol». Fernsehen vermag das alles nicht.


Bis jetzt. Denn HbbTV kann das auch. Technisch gesehen ist alles möglich, was im Internet auch geht – schliesslich nutzt es mit HTML auch die gleiche technische Grundlage.

«HbbTV wird eines Tages genauso wichtig wie das klassische, lineare Fernsehen. Denn es gibt immer mehr Menschen, die mit fixen Startzeiten nichts mehr anfangen können.»

Guy Papstein, Design-Chef von Swisscom TV

Dass sich HbbTV seit seiner ersten Einführung im Jahr 2009 nicht durchsetzen konnte, lag hauptsächlich an der Technik. Viele TV-Geräte waren nicht schnell genug, um HbbTV ruckelfrei darzustellen. Auch viele Set-Top-Boxen waren für den digitalen Kabelempfang von HbbTV noch nicht gerüstet. Etwas anders verhält es sich bei rein IP-basierten TV-Produkten wie Swisscom TV. Weil hier auch das Signal auf Internettechnologie basiert, findet HbbTV ungehindert zum Zuschauer.

 

«Ich persönlich bin überzeugt, dass nun das grosse Zeitalter von HbbTV anbricht», erklärt Guy Papstein, Design-Chef von Swisscom TV. Er unterstützte die SRG bei der Neugestaltung ihrer HbbTV-Angebote. «Die Usability ist entscheidend für den Erfolg. Das war auch bei Teletext so. Er war zwar langsam, aber simpel. HbbTV ist superschnell – und nun, dank einer neuen Oberfläche, auch gleichsam intuitiv. Maximale Einfachheit stand für die neuen SRG-Angebote im Vordergrund.»

 

 

Weiterführende Informationen, Shopping, Videos, Werbung, Replay-TV: HbbTV bietet eine vielfältige Ergänzung zum linearen Fernsehen.  

 

 

HbbTV ist heute neben den SRG-Sendern auch bei ARD, ZDF, ORF und Arte verfügbar. Sie alle bieten meist angereicherten Teletext und einen Abruf von verpassten Sendungen. «Das ist natürlich erst der Anfang», erklärt Guy Papstein. «HbbTV steht heute dort, wo das Internet Anfang der 2000er stand: Es ist gut und sehr praktisch, hat aber noch grosses Entwicklungspotential.» Der Usability-Experte ist sogar überzeugt, dass «HbbTV eines Tages genauso wichtig ist, wie das klassische, lineare Fernsehen. Denn es gibt immer mehr Menschen, die mit fixen Startzeiten nichts mehr anfangen können. Sie wollen eine Sendung sehen, wann sie möchten. Und nicht, wenn der Sendungsverantwortliche es plant.». Bei Swisscom TV ist das mit Replay heute schon Usus.

Es ist möglich, dass schon während des Spots eines Online-Shops das beworbene Produkt per Knopfdruck bestellt werden kann.

Eine weitere Neuerung ermöglicht die HbbTV-Technologie im Werbeblock. Verschiedene internationale Anbieter haben begonnen, klassische Werbespots anzureichern und nutzen hierfür die HbbTV-Technologie. So ist es ab sofort möglich, dass schon während des Spots eines Online-Shop das beworbene Produkt per Knopfdruck bestellt werden kann. So könnten auch während der Werbung eines Autoherstellers auf Knopfdruck die detaillierten Preise oder ein vertiefendes Video des Innenraums angezeigt werden.


In der Schweiz arbeitet Werbevermarkter Admeira, ein Joint Venture von SRG, Ringier und Swisscom, an der Entwicklung dieser innovativen Werbeform, ein Pilot ist kürzlich gestartet.


Bleibt die Frage: Rettet HbbTV das Fernsehen? Oder doch nur die TV-Werbung? Die Antwort darauf ist simpel: Beides hängt zusammen. Denn klar ist: Der klassische Spot alleine kämpft genauso um Aufmerksamkeit wie das klassische Fernsehen an sich. Guy Papstein bringt es auf den Punkt: «Wenn mich etwas interessiert, dann empfinde ich es nicht als Werbung.» Wohin die Reise gehen könnte, zeigt RTL. Der Sender bietet in Deutschland bereits HbbTV an. Der grösste Privatsender Europas hält in seinem Angebot ein komplettes Videoportal bereit. Darauf zu finden sind Serien und Filme, die teilweise im klassischen Angebot nicht verfügbar sind.

 


Teletext: Quadratisch, praktisch und sehr analog

 

Eine grosse Geschichte beginnt manchmal mit einem hässlichen Wort. Im Fall von Teletext ist das die «Austastlücke«. Dieser schwarze, auf uralten Fernsehern manchmal gar sichtbare, Balken oberhalb des Fernsehbildes, war die Heimat des Teletexts. Über diese nicht genutzten Bildzeilen wurde er seit Anfang der 80er übertragen. Beschränkt auf 960 Zeichen pro Seite, ohne Chance auf Bild oder Grafik. Und doch ist dieses analogste aller elektronischen Medien bis heute ein Reichweitenschlager. Nach wie vor nutzen ihn immer noch rund 650’000 Schweizer täglich. Etabliert hat sich der Teletext nicht nur in der Schweiz, sondern auch in vielen anderen europäischen Ländern – in Deutschland etwa unter dem Namen Videotext. Nicht durchsetzen konnte er sich in den USA. Hier blieb es bei vereinzelten Tests bis Anfang der 90er-Jahre. Anders sieht es bei HbbTV aus: 2006 in Frankreich erfunden, wird es heute weltweit eingesetzt – in 25 Ländern von über 300 TV-Stationen.

 

 

 

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