Vernetzter Alltag

Das Internet der Dinge ist Realität

Im Internet of Things sind Geräte und Maschinen miteinander vernetzt und kommunizieren ohne Zutun des Menschen. Solche Anwendungen sind schon heute verfügbar und werden sich in Zukunft stark verbreiten. Die Technologie soll unser Leben vereinfachen, sie ruft aber auch Datenschützer auf den Plan.

Hansjörg Honegger (Text), 9. Dezember 2015

Der Bagger in Sibirien meldet sich, wenn ihm die Kälte nicht bekommt. Das Müesli schlägt Alarm, wenn der Käufer allergisch ist. Der Parkplatz gibt grünes Licht, wenn er nicht besetzt ist. Internet der Dinge nennt sich diese Technologie, die unser Leben in den nächsten Jahren umkrempeln wird – «vereinfachen», sagen die Befürworter, «entmündigen», sagen die Gegner.

Internet der Dinge, Internet of Things (IoT) oder M2M (Machine to Machine) sind verschiedene Umschreibungen für dieselbe Sache: Maschinen oder Dinge sind untereinander vernetzt, ohne dass ein Mensch dazwischengeschaltet ist. Diese Maschinen tauschen Informationen aus und reagieren dann entsprechend den Anweisungen: Wenn du diese Information bekommst, tue dies. Im Moment geben noch Menschen diese Anweisungen. Aber die Wissenschaft forscht schon heute an selbstlernenden Maschinen, die ihr Verhalten entsprechend der Situation selbst verändern können.

Bis in fünf Jahren sollen bereits 50 Milliarden Geräte weltweit am Internet der Dinge hängen.

 

Voraussetzung für ein IoT-Netzwerk ist, dass die angeschlossenen Maschinen miteinander kommunizieren können, also ans Internet angeschlossen sind. Zu diesem Zweck werden sie mit einer SIM-Karte ausgerüstet, ähnlich jener, die im Handy steckt. Schon heute sind weltweit rund 10 Milliarden Geräte auf diese Weise ausgerüstet. Doch das ist erst der Anfang: Bis in fünf Jahren sollen bereits 50 Milliarden Geräte weltweit am Internet der Dinge hängen, so die Schätzungen.

 

 

Das selbst bestellende Bierfass

 

Nur: Was bringt uns dieses Internet der Dinge? Bereits heute sind in der Schweiz zahlreiche Projekte umgesetzt. Zum Beispiel Bier: ein Grundnahrungsmittel für Männer. Wenn es einmal ausgeht, sinkt die Stimmung auf den Nullpunkt. Feldschlösschen hat für dieses Problem eine Lösung parat und bietet in Zusammenarbeit mit Swisscom das selbst bestellende Bierfass. Eingebaute Sensoren registrieren sowohl den Füllstand des Fasses als auch die Menge des Konsums. Ist eine kritische Marke erreicht, ordert das Fass automatisch Nachschub beim Lieferanten.

 

Während die Gäste die Aussicht und vielleicht auch ein kühles Bier geniessen ...

 

... sorgt das selbst füllende Bierfass, dass der Nachschub nicht ausgeht.

 

Es geht aber auch ernsthafter (obwohl die Biertrinker ihr Hobby durchaus mit Bierernst anpacken). Notfall-Armbanduhren für Demenzkranke melden beispielsweise, wenn die betreffende Person einen bestimmten Rayon verlässt. Angehörige oder Nachbarn werden dann automatisch alarmiert und können nach dem Rechten sehen. Noch raffinierter ist die IoT-Technologie in Autos. Bereits heute registrieren Sensoren einen Unfall und lösen automatisch Alarm aus und übermitteln dazu die genauen Koordinaten des Unfalls. Selbstfahrende Autos, an denen zurzeit diverse Hersteller forschen – zum Beispiel Google, Amazon und Swisscom –, treiben das auf die Spitze: Sie werden permanent und selbstständig mit anderen Autos, Verkehrsleitsystemen und dem öffentlichen Verkehr kommunizieren.

Bereits heute weisen vernetzte Parkfelder beim Schloss Lenzburg den Automobilisten den Weg. Die Sensoren stellen fest, ob ein Parkplatz belegt ist, und melden der Anzeigetafel beim Parkhaus Berufsschule in Echtzeit, wie viele Parkplätze noch frei sind. So werden vergebliche Fahrten zu den 84 Parkplätzen beim Schloss vermieden. Swisscom und die Stadt Lenzburg stemmten dieses Pilotprojekt gemeinsam.

 

 

Pannendienst und Prävention

 

Wenn Dinge im falschen Moment kaputtgehen, ist das ärgerlich. Oder gefährlich. Ein wichtiger Einsatz des IoT ist deshalb die Überwachung von Maschinen. Bleibt beispielsweise eines der dreirädrigen Elektrofahrzeuge, mit denen die Pöstler ihrer Arbeit nachgehen, unterwegs stehen, muss es mit einem Abschleppfahrzeug und mit viel Aufwand geborgen werden. Deshalb überwachen Sensoren den Zustand des Fahrzeugs. Wenn sich eine Panne ankündigt – es ist bei Fahrzeugen ähnlich wie beim Menschen: erst kommt der Husten, dann die Grippe –, meldet das Fahrzeug, dass es ihm nicht so gut geht. Folglich wird es automatisch in die Reparatur beordert.

Selbstfahrende Autos werden permanent und selbstständig mit anderen Autos, Verkehrsleitsystemen und dem öffentlichen Verkehr kommunizieren.

Dort können die Techniker online auf den Statusbericht zugreifen und wissen sofort, wo die Gebresten sitzen. Dies funktioniert dank dem Internet unabhängig von der Entfernung. So überwacht das Baumaschinen-Unternehmen Liebherr seine Riesenmaschinen weltweit mit Sensoren – zentral und vom warmen Büro aus. Ein vernetzter Truck in Sibirien kann etwa melden, wenn ihm die Minustemperaturen zu schaffen machen. Klar, zur Reparatur muss – im Moment noch – ein Techniker die warme Jacke anziehen und den Weg unter die Füsse nehmen. Immerhin hat er dank der Statusmeldung sicher die richtigen Ersatzteile mit dabei.

 

Nur Fiktion oder irgendwann Realität? Die TV-Serie «Minority Report» führt die Geschichte des gleichnamigen Films weiter.

 

Das Internet der Dinge steht erst ganz am Anfang der Entwicklung. So sollen in Zukunft Lebensmittel automatisch warnen, wenn der Käufer allergisch ist gegen einen Inhaltsstoff. Infusionen werden die Abgabe von Medikamenten automatisch mit der Krankenakte abgleichen, und im Schaufenster erscheint beim Vorbeischlendern personalisierte Werbung.

Wie weit kann man den Anbietern vertrauen, wie transparent können die Daten genutzt werden, und wie viel Einfluss hat man auf die Verwendung der eigenen Daten?

Der Film «Minority Report» lässt grüssen. Solche Zukunftsvisionen rufen die Datenschützer auf den Plan. Denn damit diese neuen Möglichkeiten Wirklichkeit werden, müssen wir als Konsumenten, Bürger und Patienten bereit sein, mitzumachen. Unsere Handys werden viel mehr sein als nur Kommunikationsmittel. Sie werden die Drehscheibe unseres Lebens sein. Wie weit kann man den Anbietern vertrauen, wie transparent können die Daten genutzt werden, und wie viel Einfluss hat man auf die Verwendung der eigenen Daten? Diese Fragen werden uns in den nächsten Jahren vermehrt beschäftigen. Denn das Internet der Dinge ist keine Zukunftsmusik. Vieles ist bereits Realität und vereinfacht uns heute schon das Leben. Wie weit wir gehen wollen, entscheiden – zumindest in absehbarer Zukunft – immer noch wir Menschen und nicht die Maschinen.

 

 
M2M und IoT bei Swisscom

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