Surfen dank Maschendraht und Ballons

Wenn das Internet vom Himmel kommt

Immer und überall im Internet surfen zu können, ist in unseren Kreisen eine Selbstverständlichkeit. In vielen Teilen der Erde haben die Leute keinen oder erschwerten Zugriff aufs Internet – was aussergewöhnliche Projekte hervorbrachte. Eine Liste.

Christoph Widmer (Text), 27. März 2018

Stellen Sie sich vor, eine Stunde Internet koste 150 Franken, also ein Achtel eines durchschnittlichen Wochengehalts. Was hierzulande nach Wucher klingt, ist in Kuba Realität: Einheimische blättern für eine Stunde Surfen in öffentlichen WLAN-Hotspots 1 «Peso convertible» hin, das durchschnittliche Einkommen liegt bei rund 8 Pesos convertible pro Woche. Auch das kubanische Mobilfunknetz ist extrem teuer – und private Internetanschlüsse eine Seltenheit.


Aus diesem Grund schlossen sich tausende Havanner im «SNet» – dem Street Net – zusammen: Mit leistungsstarken Antennen und Ethernet-Kabeln, welche die Mitglieder über den Dächern Havannas verlegt haben, verbanden sie ihre Rechner über privat betriebene WLAN-Router. Diese dienen als Knotenpunkte, die wiederum an sogenannten «Pilares» – WLAN-Richtfunkmasten – angeschlossen sind.

 

 

Facebookito und selbstgebastelte Netzwerke

 

Die Mitglieder nutzen das Netzwerk, um zu chatten, gamen und Daten auszutauschen. Im SNet gibt es sogar «Facebookito», eine Art Facebook-Klon, eine eigene Suchmaschine namens Look.me und ein Wikipedia, dass von Mitgliedern mit Internetzugang ständig nachgetragen wird. So lange keine verbotenen Inhalte verbreitet werden, duldet die Regierung das private Netz. Wer gegen die Regeln verstösst, wird von den Usern blockiert oder ganz herausgeschmissen.


Daten und Informationen so zu beschaffen, wie wir es über das Internet tun, ist andernorts keine Selbstverständlichkeit. Das SNet in Havanna ist nur ein Beispiel dafür; auch in anderen Teilen der Welt schufen Menschen eigene Netzwerke und Internetzugänge – oder erhielten eindrückliche Hilfe.

 


Katalonien: «Guifi» als Protest gegen Internetprovider


Zur Jahrtausendwende war es den Internetanbietern in Katalonien zu teuer, Leitungen in den ländlichen Regionen zu verlegen. Aus Protest gründeten die Bewohner «Guifi». Wie das kubanische SNet war Guifi zuerst ein sogenanntes Meshnet: ein privates Netzwerk, in dem jeder Nutzer per Funk oder Kabel mit jedem anderen verbunden ist. 2011 kam dann die Internetanbindung. Heute zählt Guifi über 34'000 aktive Knoten und gilt damit als eines des grössten Meshnets überhaupt. Sogar lokale Krankenhäuser sind Teil des Netzwerks, das auch interne Radiosender betreibt.

 

 

In Katalonien entstand mit «Guifi» eines der weltweit grössten Mashnets. Bild: Lluis tgn

 

 

Detroit: Dank Hilfsinitiative ins Netz


Durch die wirtschaftlichen Rückschläge, die Detroit über die Jahre erlitt, haben 40 Prozent der Bevölkerung immer noch keinen Internetzugang. Deswegen hat das «Detroit Community Technology Project» – kurz DCTP – den Ausbau des Internets in Detroiter Nachbarschaften zum Ziel. Der Zusammenschluss von Gemeindemitgliedern und Non-Profit-Organisationen bildet dafür auch Einheimische zu Netzwerk-Spezialisten aus, die für die Installation und den Betrieb des Internets verantwortlich sind. Gleichzeitig soll ein Intranet zwischen den Gemeinden als Forum und Kommunikations-Tool für Notfälle dienen.

 

 

In Detroit wurden Nachbarn zu Netzwerk-Spezialisten. Bild: ©DCTP.

 

 

Kalifornien: Internet über Fernsehfrequenzen


Auch im Bundesstaat Kalifornien hat die Internetversorgung Grenzen. Betroffen sind vor allem die in Reservaten lebenden Stammesgemeinschaften. Eine Vereinigung von 19 Indianerstämmen brachte daher die «Tribal Digital Initiative» hervor. Durch das Projekt sollen möglichst viele Mitglieder der Gruppe Breitbandinternet erhalten. Dafür greifen sie unter anderem auf sogenannte Whitespaces zurück – analoge Fernsehfrequenzen, die nicht mehr genutzt werden. Diese funktionieren wie WiFi-Extender, welche die Netzabdeckung erweitern sollen.

 

 

«Tribal Digital Initiative» im Indianerreservat in Kalifornien. Bild: Tribal Digital Village / Facebook.

 

 

Afghanistan: ein Netzwerk aus Maschendraht und Autobatterien


Die afghanische Stadt Dschalalabad fiel immer wieder Terroranschlägen zum Opfer – an funktionierendes Internet war lange Zeit nicht zu denken. Aus diesem Grund setzten Bewohner auf freiwilliger Basis das «FabFi»-Projekt um. Ziel war es, ein WLAN-Netzwerk über der ganzen Stadt aufzuspannen – und zwar mit möglichst geringem Aufwand und Materialien vor Ort. Dafür konstruierten die Projektverantwortlichen aus Holz, Maschendrahtteilen und Öldosen Antennen, die mit WLAN-Routern verbunden wurden und Signale über grosse Distanzen verschicken können. Betrieben werden die Antennen mit Strom aus dem regulären Netz – oder nötigenfalls mit Autobatterien. 45 dieser Knotenpunkte decken heute ganz Dschalalabad ab. Jeder einzelne kostete nicht mehr als 75 Dollar.

 

 

Maschendraht dient als Internet-Antenne. Bild: Facebook.

 

 

Peru und Puerto Rico: WLAN aus der Luft


Als letztes Jahr Überschwemmungen in Peru für Chaos sorgten, blieb auch das Internet in Teilen des Landes auf der Strecke. Zu diesem Zeitpunkt testeten der Google-Mutterkonzern Alphabet und der Telko Telefónica in Puerto Rico gerade ihr «Project Loon»: Luftballons in 20 Kilometern Höhe, die als schwebende Hotspots dienen. Aus dem Test wurde ein richtiger Einsatz: Alphabet und Telefónica liessen die Ballons in Puerto Rico steigen und manövrierten sie mit einem neu entwickelten Navigationssystem nach Peru, wo mehrere Zehntausend Peruaner wieder mit Internet versorgt wurden. Auch die Bewohner Puerto Ricos erhielten dank den Ballons wieder Netzzugang , nachdem Hurrikan Maria die Insel unlängst verwüstet hatte.

 

 

Video: Youtube/Project Loon

 

Netz-Optimierung

Swisscom investiert seit Jahren im Schnitt rund 1.75 Mia. Franken in den Netzausbau. Bis Ende 2021 soll das Breitband-Festnetz in jeder Schweizer Gemeinde modernisiert werden. Zudem wird auch das Mobilfunknetz ständig optimiert, pro Jahr werden 200 bis 300 Mobilfunkantennen neu- und umgebaut. Präzise Informationen zur verfügbaren Leistung an jeder Adresse finden Sie im Verfügbarkeits-Checker. Mehr zum Swisscom Netz finden Sie auf swisscom.ch/netz

 

 

 

 

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