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Der Tag, an dem das Internet kam

Wann eigentlich begann der Siegeszug des Internets? In der Schweiz lässt sich das fast auf den Tag genau sagen: Am 16. September 1996. Und das hat einen einfachen Grund.

Roger Baur (Text), 16. September 2016

Es war ein trüber Montag. Und ein kühler dazu: Nur mit Mühe kletterten die Temperaturen über die 10-Grad-Marke. Eigentlich ein Septembertag zum Vergessen. Tatsächlich aber ging dieser Tag in die Schweizer Internet-Geschichte ein. Denn es war so etwas wie der Tag Null des breiten Internets. Es war der Tag, an dem das Netz von den Händen der Nerds an die Allgemeinheit überging.

 

 

Web-Surfen war ein Luxus

 

Denn am 16. September 1996 wurde das Internet einfach und bezahlbar. Um das zu verstehen, muss man zuerst einmal wissen, wie es davor war. Das weltweite Netz war bis dahin ein Luxusgut, das sich vor allem Freaks und Firmen leisteten. Dabei war der damals übliche Stundentarif von 5 bis 10 Franken und die zusätzliche Monatsgebühr von 40 bis 100 Franken nicht einmal das grösste Problem.

 

 

War bis 1996 das meistgenutzte Schweizer Online-Medium: der kryptische Videotex.

 

 

Viel mehr zu Buche schlug die Telefonverbindung, die für den Zugang damals noch unabdingbar war. Und die hatte es in sich: Trotz einer Preissenkung im Sommer 1996 schlug ein Ferngespräch – also eine Verbindung ausserhalb der eigenen Vorwahlzone – mit 12,5 Rappen (von 17 bis 19 und ab 21 Uhr) beziehungsweise mit 25 Rappen pro Minute (während den übrigen Zeiten) zu Buche. Eine Stunde täglich im Web zu surfen konnte sich monatlich auf über 500 Franken summerien. Dies galt vor allem für die Bewohner auf dem Lande, da viele Internetprovider nur Zugangsnummern in grossen Städten anboten.

 

 

1/4 Nicht überladen: Der «Blick» ging als eine der ersten grossen Zeitungen online.

2/4 Auch die SRG war bereits 1996 mit einer Seite für SF DRS (heute SRF) im Netz.Damals noch ohne News, dafür mit mehreren Links.

3/4 Die Website er inzwischen eingestellten Zeitschrift «Facts» zeigte bereits viel Werbung und wurde gemäss Eigenwerbung «prämiert». Falls Bilder nicht geladen werden konnten gab es davon auch eine sogenannte «Nur-Text-Version».

4/4 Der US-amerikanische Internetanbieter brachte seine Dienste auch in die Schweiz und ermöglichte es für Privatpersonen, eine E-Mail-Adresse einzurichten und auf einfache Weise ins Internet zu gelangen.

1/4 Nicht überladen: Der «Blick» ging als eine der ersten grossen Zeitungen online.

 

 

The Blue Window bringt günstiges Internet

 

 

«The blue Window»: Die Vorgänger-Website von bluewin.ch kam mit dem damals typischen augenschmerzenden Knallblau daher.  

 

 

Das änderte sich schlagartig am 16. September 1996. Denn an diesem Tag öffnete «The Blue Window». Das «blaue Fenster» war eine Tochterfirma der Telecom PTT, der Vorgängerin der heutigen Swisscom, in Kooperation mit einem weiteren Unternehmen und Schweizer Verlagshäusern. Das Spezielle: The Blue Window bot schweizweit einen Internetzugang zum lokalen Telefontarif an – sprich für 3,3 Rappen im Nieder- und 6,6 Rappen im Hochtarif. Hinzu kam eine vergleichsweise günstige monatliche Grundgebühr von 25 Franken, in der 20 Stunden Surfzeit ohne weiteren Aufpreis inbegriffen waren.

 

 

Nie zuvor war es einfacher, einen Internetzugang einzurichten: Starter-Kit von The blue Window.

 

 

Doch das war nicht alles. Denn die Installation eines Internetzugangs war bis im September 1996 alles andere als einfach. Mehrere Programme verteilt auf noch mehr Disketten mussten installiert und teilweise miteinander verknüpft werden. The Blue Window lieferte das alles auf einer einzigen CD: Es genügte ein Klick für die Installation aller nötigen Programme. Damit wurde das Internet neben dem günstigen Preis auch erstmals Grossmuttertauglich. Ein Effekt, der durchaus auch statistisch messbar wurde: Im Frühling 1997 mass das Bundesamt für Statistik erstmals, wie viele Schweizer über einen Internetanschluss verfügten und kam auf knapp 7 %. Ein Jahr später surfte bereits jeder Sechste, im Jahr 2000 jeder Dritte – der Rest ist Geschichte.

 

 

Als E-Mailen noch eine echte Herausforderung war: Per BBS-Mailboxen tauschten sich die Web-Pioniere aus.  

 

 

Ab diesem Tag stieg die Geschwindigkeit permanent, während der Preis stetig sank: Bereits drei Jahre später zahlte kaum noch einer eine Grundgebühr für den Zugang via Telefonmodem. Anbieter wie Swisscom mit Freeway oder Sunrise mit Freesurf dominierten den Markt. Und als ab dem Jahr 2000 mit ADSL übers Telefonnetz und dem «Kabelinternet» über das einstige TV-Kabelnetz auch sukzessive Breitbandanschlüsse auf den Markt kamen, war das Internet definitiv nicht mehr zu stoppen.

 

Mit dem Siegeszug des Internets verschwanden dann auch all diejenigen Online-Dienste, die bis im Sommer 1996 die Nase vorn hatten. Videotext etwa kam zu den besten Zeiten auf mehrere 100'000 Schweizer Anwender, im regionalen Markt dominierten von Freaks betriebene und untereinander vernetzte BBS-Mailboxen und von den USA kommend warb CompuServe um die Modems der Schweizer Kunden. Sie alle sind inzwischen Geschichte – The Blue Window aber nicht ganz: Die Marke wurde Anfang der 2000er-Jahre in Swisscom integriert und lebt heute noch als Newsportal Bluewin.ch sowie in unzähligen E-Mail-Adressen weiter.

 

 

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