2007: Verkaufsstart des iPhone 1.0

Beim Anstehen kam's zur Rangelei

Bei seiner Ankunft vor zehn Jahren war das iPhone nur ein weiteres Mobiltelefon. Heute gilt es als der Wegbereiter der Smartphones und des mobilen Internets.

Peter Sennhauser (Text und Fotos), 29. Juni 2017

Es leuchtete auf. Mit leisem Pulsieren. Einfach so – ich hatte das Gerät noch nicht angefasst, erst den Deckel der edlen Kartonschachtel angehoben, da schaltete sich das iPhone 1.0 wie von Zauberhand ein und liess den angebissenen Apfel auf dem fast schon obszön grossen Display aufleuchten. Lichtsensor sei Dank. 

 

 

Erste Blicke durchs Schaufenster: Ein Mitarbeiter testet das Ausstellungs-iPhone.

 

 

Das war um 19.30 Uhr am 29. Juni 2007. Ich stand in der Küche meiner winzigen Wohnung in San Francisco und bemühte mich, die aufkommende Begeisterung niederzuringen. Journalisten sind objektiv, nicht begeistert.

 

Viel war geschrieben worden über das «Erlösungs-Phone». Zu viel – fast alle Experten der wichtigsten Fachpublikationen sahen in dem Apple-Telefon eine Revolution. Dabei hatten es vor dem offiziellen Verkaufsstart erst einige Auserwählte in der Hand halten dürfen. Ich gehörte nicht zu ihnen.

 

Ich habe in dreissig Jahren IT-Journalismus etliche neue Geräte kaum erwarten können: Der Palm Pilot etwa, die erste digitale Agenda mit Handschriftenerkennung seit Apples grandios gescheitertem Newton, begeisterte mich Ende der 90er-Jahre. Aber ich hätte mich nie irgendwo angestellt, um den zu kaufen.

 

 

In der Schlange

 

Für den beruflich bedingten iPhone-Kauf hatte ich jetzt als Anstehort nicht den Apple-Shop downtown gewählt, wo die ersten Camper sich schon am Vorabend des 28. Juni einrichteten, sondern einen AT&T-Shop ganz in meiner Nähe. Um Mitternacht schaute ich sicherheitshalber nochmals vorbei. Da lag niemand vor der Türe. Verkaufsstart war sowieso erst für 18 Uhr am 29. Juni angesagt.

 

 

Lange Schlangen vor dem Shop: Der Mann überbrückt die Wartezeit mit einem Buch.

 

 

Noch hatte ich gar leise Zweifel, dass sich überhaupt jemand anstellen würde. Auch wenn das für viele Amerikaner eine Art Volkssport zu sein scheint. Das iPhone war zwar ein neues Konzept. Aber US-Geeks standen damals voll auf Blackberry und dessen winzige Tastatur. Und wer wirklich Hightech nutzte, der besass einen Palm Treo. Wie ich.

 

Bei meiner Ankunft mit Klappstuhl gegen Mittag des Stichtags war ich aber dann doch bereits ein gutes Stück hinten in der Schlange. Jim, der Frontmann, gab zu Protokoll, dass er bei seinem Eintreffen geschockt gewesen sei, dass niemand vor ihm war: Er fürchtete, der Shop sei vielleicht geschlossen oder habe gar keine iPhones.

 

Diese Frage plagt die Wartenden während der kommenden rund sechs Stunden: wie viele Geräte der Shop ausgeben werde und wer wohl leer ausgehen würde. Neuankömmlinge zählen jeweils von vorne ab: Gerüchteweise hatte es im Vorfeld geheissen, kleinere Shops würden höchstens drei Dutzend iPhones bekommen.

 

 

Investmentbanker Jim hat sich an der Spitze der Schlange eingerichtet.

 

 

Nach einer kurzen Prügelei um einen Platz in den hinteren Teilen der Schlange gibt der Store-Manager «unseres» Shops prophylaktisch bekannt, dass sein Shop 40 iPhones mit acht Gigabyte und 20 mit vier Gigabyte Speicher habe.

 

Vier Gigabyte Speicher, keine Erweiterung? Kein UMTS (3G-Mobilfunk), kein auswechselbarer Akku: Für mich war zu diesem Zeitpunkt nicht nachvollziehbar, wie die technisch interessierte Welt ein derart unmodernes Gerät so hoch loben konnte.

 

Keinerlei Interesse am iPhone hat auch Juan, der vor mir in der Schlange steht. Er hatte sich im Internet als Miet-Schlangensteher anerboten und einen Kunden gefunden, der ihn mit 180 Dollar für fünf Stunden Warten entlöhnt. Seine Nachbarn witzeln, wenn der Typ nicht auftauche, könne er das iPhone noch immer an den Meistbietenden im hinteren Teil der Schlange verscherbeln. Zu diesem Zeitpunkt wissen wir bereits, dass die ersten iPhones auf Ebay zu einem Startgebot von 1200 Dollar aufgetaucht sind.

 

 

Mehr als gutes Design 

 

Kurz vor 18 Uhr fährt ein Motorrad vor, ein gut gekleideter junger Mann steigt ab und zahlt Juan seine 180 Dollar auf die Hand. Sorgfältig montiert er den Designerhelm auf dem Moped und richtet seine Frisur, als er sich in die Schlange stellt.

 

Ein Designstück ohne technische Neuerungen, das war das iPhone damals in meinen Augen. Der grosse Bildschirm sicher ein Hingucker, aber darauf zu tippen eher ein Kunststück. Dass Apple ein paar Dinge schon immer besser konnte als alle anderen – neue Bedienkonzepte antizipieren und weiterdenken –, das war mir zwar klar.

 

Aber wenigstens beim Öffnen der Verpackung hätte es mir dämmern können. Dass die Revolution des iPhones nicht im vollformatigen Bildschirm lag, sondern mehr noch in radikaleren Konzepten wie der Dateneingabe durch Sensoren: den Lichtsensor, aber auch den Beschleunigungssensor, das Mikrofon, die Kamera.

 

Heute weisen Smartphones ein Dutzend solcher Fühler auf und wissen deshalb, was ihr Besitzer gerade tut. Sie sind die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und ein gewaltiger Treiber des Internets der Dinge. Vor zehn Jahren läutete das iPhone diese Entwicklung ein. Obwohl es weniger Speicher mitbrachte als die meisten High-End-Mobiltelefone jener Zeit und noch kein 3G verstand. Und obwohl seine wahre Rolle den Menschen in der Schlange nicht bewusst war.

 

 

Das iPhone 1.0 mit dem grossen Display leuchtet in der Hand eines Kunden auf.

 

 

Jedenfalls nicht allen. Mein damaliger Chef sagt heute von seinem Tesla Model S: «Dieses Fahrzeug ist wie das iPhone der ersten Generation: Vieles wirkt nicht ganz ausgereift, mehr wie ein Konzept als eine definitive Version. Aber sobald du drinsitzt, spürst du: Das ist die Zukunft. So hätte es immer schon sein sollen. Wir werden nicht mehr zum alten Konzept des Autofahrens zurückkehren können.»

 

 

 

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