Digitalisierung krempelt das Musikbusiness um

Blockchain wird musikalisch

Ungerechte Musikerbezahlung, fehlende Kontrolle über die eigenen Songs und komplizierte Lizenzverwaltung? Die Blockchain-Technologie soll Schluss machen mit den Missständen im Musikgeschäft. Musikerfreundliche Online-Dienste stehen in den Startlöchern.

Urs Binder (Text), 28. März 2017

35 Dollar für eine Million Songs: Der kanadische Songwriter Eddie Schwartz monierte laut einem Artikel auf Fortune.com, er habe Ende des 20. Jahrhunderts mit einem Song, der 1 Million Mal verkauft wurde, vielleicht 45'000 Dollar an Tantiemen eingenommen. Während ein Streaming-Service ihm heute gerade mal 0,000035 Dollar pro Stream zahle, macht dies umgerechnet 35 Dollar für die gleiche Menge Songs. Ein anständiges Mitteklasseeinkommen schrumpfe so auf den Wert einer Pizza zusammen.

 

 

Je Streaming, desto weniger

 

Musiker mögen die Musikindustrie nicht wirklich. Viele Künstler finden, Sie würden von der Industrie über den Tisch gezogen und mit mickrigen Brosamen abgespeist, während die Manager dick absahnen. Oft dauert es zudem eine kleine Ewigkeit, bis endlich das Honorar für das neueste Album eintrifft. Und Streaming-Services wie Spotify oder Apple Music sind selbst bei der Musikindustrie nur bedingt beliebt, denn die Entschädigungsanteile pro gestreamten Titel sind ziemlich weit hinter dem Komma angesiedelt.

Die Blockchain-Technologie ist ideal, wenn eine Band ihre Songs direkt und ohne Gebühren an die Fans verkaufen möchte.

Schwartz' Fazit: Es sei höchste Zeit, dass das ganze Musikbusiness gemeinsam ein gesundes, nachhaltiges und reibungsloses Ökosystem für den Musikvertrieb entwickle, von dem alle Teilnehmer der Wertschöpfungskette gerecht profitieren. Vom Musiker über die Tontechnikerin und den Cover-Gestalter bis zum Manager.

 

 

Blockchain-basiertes Bezahlsystem am Beispiel von Rightsshare.  

 

 

Die Blockchain soll’s richten

 

Blockchain-Technologie verspricht, gleich mehrere Probleme der traditionellen Musikindustrie zu lösen. Erstmals 2008 theoretisch beschrieben, ist die Blockchain der Allgemeinheit bis heute vor allem als Basis der Kryptowährung Bitcoin bekannt. Man kann damit Zahlungstransaktionen erledigen, und zwar dezentralisiert direkt vom Käufer zum Verkäufer ohne Umweg über eine Bank, einen Zahlungsdienst – oder einen Musikverlag. Ideal, wenn eine Band ihre Songs direkt und ohne Gebühren an die Fans verkaufen möchte.

Der Natur der Blockchain gemäss sind die Smart Contracts fälschungssicher abgelegt.

Jede Transaktion wird als Datenblock in einer verteilten Datenbank gespeichert. Alle Blockchain-Varianten – neben Bitcoin gibt es zum Beispiel Ethereum – setzen dabei auf kryptografische Verfahren und garantieren so, dass die Blöcke eindeutig dem Absender und Empfänger zugeordnet sind und nicht nachträglich manipuliert werden können.

 

Neuere Blockchains wie Ethereum bieten darüber hinaus zusätzliche Möglichkeiten: In der Blockchain lassen sich auch «Smart Contracts» erfassen. Dabei handelt es sich um Software, die vertragliche Regelungen abbilden und automatisch abwickeln kann. Ein Beispiel aus dem Musikbusiness ist die Verwaltung von Copyright-Lizenzen. Der Natur der Blockchain gemäss sind die Smart Contracts fälschungssicher abgelegt. Auch extern gelagerte Daten wie der Songtext, die Cover Art oder die ganze Audiodatei, welche die Kapazität der Blockchain sprengen würden, lassen sich aufgrund eines Hashwerts eindeutig einem Datenblock zuordnen.

 

 

Die Band 22Hertz setzt auf Blockchain. Foto: 22Hertz.com

 

Die Industrial-Band 22Hertz ist bereits 2015 auf den Blockchain-Zug aufgesprungen. Das kanadische Copyright-Registrationsverfahren war ihr nämlich zu teuer und bot zu wenig: Es kostet allein 50 Dollar, nur schon den Titel eines Songs zu registrieren. Damit wäre das Copyright für die Lyrics und die Musik noch nicht gesichert. Bandleader Ralf Muller hat deshalb über den Service proofofexistence den Hashwert der Single «Get the Hell Out» samt aller zugehörigen Daten generiert und diesen in der Bitcoin-Blockchain gespeichert.

 

 

Blockchain-Plattformen für die Musik

 

Das hemdsärmelige Verfahren von 22Hertz deckt natürlich nicht alle Bedürfnisse ab und bedingt eine gewisse Technikaffinität. Doch es stehen bereits mehrere Blockchain-basierte Plattformen in den Startlöchern, die ein einfacheres Handling bieten wollen. Eine davon ist UjoMusic, ins Leben gerufen von der New Yorker Blockchain-Schmiede Consensys. Ein erster Beta-Test ging 2016 mit dem Titel «Tiny Human» der britischen Singer/Songwriterin Imogen Heap über die Bühne, die sich auch sonst stark für eine Reform des Musikbusiness engagiert. Noch 2017 will UjoMusic offiziell an den Start gehen.

Das Stream-to-Own-Modell ist «demokratischer Kapitalismus». Es soll den Künstlern rund zweieinhalbmal so viel Einkünfte wie bei anderen Streaming-Services einbringen.

Auch Rightsshare mit Sitz in Amsterdam bietet eine Plattform für die Rechteverwaltung auf Blockchain-Basis an und hat vergangenen Oktober den EDM-DJ Hardwell als «ersten DJ in der Blockchain» propagiert.

 

Gerechteres Streaming hat sich der kooperative Streaming-Dienst Resonate auf die Fahnen geschrieben, hinter dem ebenfalls eine Blockchain steckt. Dieses funktioniert nach dem Stream-to-Own-Modell: Es kostet fast nichts, einen Titel einmal anzuhören. Danach wird es sukzessive teurer – fünfmal anhören kostet um die 7 Cent. Wenn man den Song neunmal gehört hat, besitzt man ihn. Das kostet laut den Machern von Resonate insgesamt etwas weniger als ein iTunes-Download.

 

Für jährlich 5 Euro wird man Mitglied, kann den Service nutzen, an Entscheidungen mitwirken und am Profit teilhaben. Das sei «demokratischer Kapitalismus» und bringe den Künstlern rund zweieinhalbmal so viel Einkünfte wie bei anderen Streaming-Services. Ganz grosse Stars sind allerdings noch nicht dabei. Die aktuell 907 Musiker und 132 Labels sind zumeist im elektronischen, experimentellen und alternativen Umfeld angesiedelt.

 

 

Resonate funktioniert nach dem Stream to Own»-Modell. Video: Vimeo/resonate.is

 

 

 

Hyperledger mit Swisscom

Blockchain hat das Potenzial, ganze Wirtschaftszweige zu revolutionieren. Das globale Hyperledger-Projekt hat zum Ziel, einen Blockchain-Standard für geschäftliche Anwendungen zu schaffen. Bisher haben sich über hundert Unternehmen zum Blockchain-Konsortium zusammengeschlossen. Swisscom ist als erstes Schweizer Unternehmen dabei und öffnet damit der Schweizer Wirtschaft die Tür zu Kooperationen und Prototypen.

 

 

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