Schweizer Uhrenindustrie

Phone-Watch oder Smartwatch?

Über die jüngsten Produkteinführungen der Elektronikriesen wurde schon viel geschrieben. Auch bei den Schweizer Uhrenherstellern hat es bereits viel Aufregung darum gegeben. Aber stellen die neuen Smartwatches wirklich eine Bedrohung für unsere Branche dar?

Laurent Seematter (Text), 4. November 2015

In einem Interview mit dem Magazin «L'Hebdo» im März dieses Jahres erklärte Jens Krauss, Direktor Systems am Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrum für Elektronik und Mikrotechnologie (CSEM) in Neuenburg (siehe rechte Spalte), dass man zwischen funktional unabhängigen intelligenten Uhren und den «Phone-Watches» unterscheiden müsse, die vor Kurzem von den Elektronikkonzernen auf den Markt gebracht wurden. Letztere seien seiner Meinung nach lediglich Fortsetzungen des Smartphones, die aufgrund der vielen möglichen Anwendungen in Interaktion mit dem Telefon allerdings eine sehr begrenzte Akkulaufzeit aufweisen. Die Tatsache, dass damit auch personenbezogene Daten, beispielsweise über die Gesundheit des Trägers, gesammelt werden können, werfe zudem zahlreiche Datenschutzfragen auf.

 

 

Jens Krauss, Direktor Systems am Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrum für Elektronik und Mikrotechnologie (CSEM) in Neuenburg.

 

 

Krauss gibt ferner zu bedenken, dass die Schweizer Uhrenindustrie bereits seit vielen Jahren intelligente Uhren anbiete. Man denke nur an Modelle wie die Tissot T-Touch (seit 1999), die Swatch Acces oder die Limmex, eine Uhr, die es in Notfällen ermöglicht, unmittelbar mit einer Person seiner Wahl verbunden zu werden und zu sprechen. Im Kern der Debatte steht die Frage, ob letztlich die «Phone-Watch» mit ihren zahlreichen vom Smartphone abgeleiteten Anwendungen oder die intelligente Schweizer Uhr mit einer längeren Betriebszeit und wenigen, dafür aber wirklich sinnvollen Funktionen die Nutzer überzeugen wird. Denn obwohl Apple keine Zahlen nennt, soll der kalifornische Konzern laut der Agentur Bloomberg von den geplanten 30 bis 40 Millionen Apple Watches bisher nur 1,9 Millionen abgesetzt haben.

«Die Schweizer Uhrenindustrie bietet schon seit vielen Jahren intelligente Uhren an.»

Jens Krauss, Direktor Systems am CSEM

Während die Begeisterung für Smartwatches sich also noch in Grenzen zu halten scheint, verstärken die Schweizer Uhrmacher ihre Bemühungen, vernetzte Modelle zu entwickeln, die sich von den neuen Konkurrenten abheben. Abgesehen von TAG Heuer, wo man auf eine Kooperation mit Google setzt, planen die anderen grossen Namen der Schweizer Uhrenindustrie, auf die im CSEM und anderen schweizerischen Entwicklungszentren gebündelten Kompetenzen zurückzugreifen. Die Marke Swatch, die mit der Touch Zero One bereits eine auf Sportler zugeschnittene Uhr auf den Markt gebracht hat, bringt in China nun ein Modell heraus, mit dem die Nutzer in Warenhäusern mobil bezahlen können. 

 

 

Swatch Touch Zero One (links) und die Apple Watch. Die intelligenten Schweizer Uhren heben sich durch ihre längere Akkulaufzeit von den Smartwatches ab, die vor allem Funktionen der Smartphones übernehmen.



Takahiro Hamaguchi, Leiter der Entwicklungsabteilung der Neuenburger Vaucher Manufacture Fleurier SA, entwickelt laut Swissinfo eine neuartige Technologie, um die Energie des mechanischen Werks der automatischen Uhr in Strom umzuwandeln, mit dem die elektronische Schnittstelle versorgt wird: «Das Problem der kurzen Akkulaufzeit bei Smartwatches wäre dadurch gelöst». Das Know-how der Schweizer Uhrenindustrie wird zweifellos auch in der Zukunft noch eine wichtige Rolle spielen.

In der Zwischenzeit werden Technik-Fans und andere potenzielle Käufer weiterhin Reviews lesen und Nutzerforen durchstöbern, bevor sie ihre Wahl treffen. Und mit Sicherheit werden auf den Bestenlisten auch intelligente Uhren mit dem Label «Swiss made» nicht fehlen!

 

 

Schweizer Forschungszentrum für Elektronik und Mikrotechnologie (CSEM)

Das CSEM ist ein Zentrum für angewandte Forschung mit Sitz in Neuenburg, das sich unter anderem der Wearables-Forschung widmet. Das CSEM arbeitet eng mit der Schweizer Uhrenindustrie zusammen.

www.csem.ch

 

 

 

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