Sprechende Maschinen

«Es tut mir leid, Dave ...»

Der Computer HAL aus «Space Odyssee 2001» kann es, und das «Knight Rider»-Auto K.I.T.T. ebenfalls: Sprechen wie ein Mensch. Doch redende Maschinen sind mehr als Science-Fiction. Immer mehr Alltagsgeräte können sprechen und verstehen.

Jörg Rothweiler (Text), 24. Mai 2016

Die meisten Smartphones, Tablets und PCs, aber auch viele Autos, Smart-TVs, Spielkonsolen, ja sogar Lichtschalter und Wasserhähne, gehorchen ihren Besitzern aufs Wort – wie gut erzogene Hunde. Andererseits gibt es auch Gebrauchsgegenstände, etwa Uhren, Spiegel und sogar WC-Papierrollen-Halter, die «reden» können.

 

Manche sprachgesteuerte respektive sprechende Geräte sorgen für eine bequemere Bedienung oder machen das Leben für Menschen mit Handicap leichter. Doch während solche Technologien einen grossen Nutzen haben, machen andere Sprach-Anwendungen in Maschinen wenig Sinn oder sind gar völliger Nonsens.

 

 

Der Computer HAL 9000 aus dem Film «Space Odyssee 2001» denkt und handelt selbstständig. Er hat einen Überlebensinstinkt und entschuldigt sich für sein Tun beim Astronauten Dave. 

 

 

1. Sprachsteuerung für Menschen mit Handicap

 

 

Dank technischer Hilfsmittel können heute viele Menschen mit Behinderung selbst Auto fahren. Denn Lenkung, Gas und Bremsen sind sehr gut mechatronisch steuerbar. Doch wie bedienen Behinderte den Blinker, den Scheibenwischer oder die Klimaanlage? Am besten via Sprache, dachte sich Andreas Zawatzky, Geschäftsführer von Mobilcenter Zawatzky.

 

 

Autofahren ist auch mittels Sprachbefehlen möglich.

 

 

Gemeinsam mit Wissenschaftlern des European Media Laboratory Heidelberg (EML) entwickelte er Center Voice, ein System, mit dem (fast) alle Sekundär- und Komfortfunktionen stimmgesteuert bedient werden können. Auch Konkurrent Paravan bietet seit kurzem ein ähnliches System an. Und in nicht allzu ferner Zukunft dürfte eine umfassende Sprachsteuerung im Auto wohl zur Normalität werden.

 

 

Statt mit Hand und Fuss wird mit dem CenterVoice-System das Auto per Sprache Auto gefahren.

 

 

Andere Systeme wie Easy by Voice von Insors sorgen dafür, dass man per Sprachbefehl im Haus Lampen einschalten, Rollläden und Türen öffnen oder Wasser aus dem Hahn sprudeln lassen kann. Oft benötigte Basisfunktionen (z. B. Abschalten aller Geräte am Abend) können dabei zu «Szenen» zusammengefasst und mit nur einem Kommando (z. B. «Gute Nacht, Haus!») gesteuert werden.

 

 

Farberkennung mit akustischer Ansage hilft Blinden beispielsweise, gleichfarbige Sockenpaare zu finden.  

 

 

2. Sprachsteuerung im Alltag


Viele andere Sprachsteuerungen sind längst in Alltagsgeräten verfügbar – also nicht hauptsächlich für Menschen mit Behinderung vorgesehen. So schaltet sich die LED-Deckenleuchte Voluma von Omnidomo ein, sobald sie Sprache respektive Geräusche detektiert – und nach 30 Sekunden wieder ab, falls es leise ist.

Einige Befehle mehr musste der Quadcopter FX-4V von Rayline lernen. Er kann via Headset sprachgesteuert fliegen und sogar programmierte Kunststücke ausführen.

 

 

Die Drohne FX-4V  kann per Sprache gesteuert werden.

 

 

Die Freisprecheinrichtung CC 9068 APP von Bury vereint Sprachsteuerung mit digitaler 30-Watt-Endstufe sowie Akkuladefunktion. Das Gerät ist ideal fürs Auto: Es liest SMS und E-Mails vor, erlaubt deren Beantwortung per Sprache. Zudem kann man damit mehrere Telefonate gleichzeitig führen, Anrufe halten, makeln oder eine Telefonkonferenz mit bis zu sieben Teilnehmern führen – sofern man sich dies am Steuer des Autos überhaupt zutraut.

 

 

Die Freisprecheinrichtung von Bury liest auf Geheiss E-Mails und SMS vor.  

 

 

3. Sprechende Gebrauchsgegenstände


Neben Geräten die auf uns hören, gibt es auch solche, die zu uns sprechen. Etwa das Telefon BDP 400 von Geemarc, das Menüpunkte, Zifferntasten sowie die Namen jedes als Kontakt gespeicherten Anrufers ansagt. Und auch Armbanduhren, Küchen- und Personenwaagen, Taschenrechner, Wecker oder sogar medizinische Geräte können «reden».

 


Breuer fertigt Fieberthermometer und Blutdruck- sowie Blutzucker-Messgeräte mit Sprachausgabe an. Caretec bietet mit dem Tape King ein sprechendes Rollmassband samt integrierter Wasserwaage und Neigungsmesser an. Eine Spezialität ist das Farberkennungsgerät ColorTest 2000. Dieses erkennt Hunderte verschiedene Farbnuancen und sagt sogar Werte wie Farbton, Helligkeit, Sättigung, Rot- Grün- und Blauanteil an. Dies hilft Blinden, ihre Wäsche zu sortieren, um etwa die Socken in gleichfarbigen Paaren anziehen zu können.  


Sprechende medizinische Messgeräte wie dieses Fieberthermometer geben ihre Messwerte akustisch weiter.

 

 

 

 

Sprachsteuerung: Wer hört mit?


Datenschützer begegnen Geräten mit Sprachsteuerung eher skeptisch. Denn viele der ans Internet gekoppelten Devices senden Sprachbefehle zur Analyse an einen Server ihres Herstellers, wo diese verarbeitet und teils über Jahre gespeichert werden. Zwar können Nutzer den Suchverlauf deaktivieren und vorhandene Einträge vom Server löschen. Doch manche Sprachhelfer lauschen bei entsprechender Einstellung dauerhaft, um jederzeit auf Kommandos reagieren zu können.

Für Furore sorgte vor gut einem Jahr die Meldung, dass Samsungs Smart-TVs Sprachbefehle aufzeichnen und unverschlüsselt an einen Drittanbieter übermitteln. Seither empfiehlt Samsung, man solle bei aktivierter Sprachsteuerung «keine persönlichen Dinge» erzählen. Bei nicht mit dem Internet verbundenen Geräten sind derartige Vorsichtsmassnahmen natürlich nicht nötig.


 

 

4. Quasselnde Witzbolde


Wesentlich sinnbefreiter sind sprechende Witzbolde. Zwar ist es erheiternd, wenn der Aschenbecher hustet und röchelt, die WC-Papierrolle bei Zug am Papier «Na – endlich fertig?» oder «Hey, nicht so ziehen!» brüllt, die Kaffeetasse «Guten Morgen, Schatz!» säuselt und das Paket beim Öffnen «Happy birthday» singt. Von intelligenten sprechenden Maschinen sind diese Abspielgeräte jedoch weit entfernt.

 


Mehr als eine aufgezeichnete Grussbotschaft kann die sprechende Kaffeetasse nicht von sich geben.  

 

 

Und wenn der Funkschlüssel des Autos lauter stöhnt als Meg Ryan in der weltberühmten Orgasmus-Szene in «Harry und Sally» oder der Stifthalter in Form eines gebückten Männleins mit rauchiger Stimme «Mehr!!!» stammelt, sobald ein Stift in seinen Allerwertesten gesteckt wird, ist Schamesröte garantiert – und man wünscht sich, sprechende Alltagsgegenstände wären immer noch reine Science-Fiction.

 

 

Auch im sprechenden Toilettenpapier-Halter ist nicht viel Intelligenz versteckt.  

 

 

 

Die Faszination von sprechenden Maschinen


Von sprechenden Maschinen, die nicht nur einzelne Wörter sagen oder bestimmte Befehle verstehen, sondern reden können wie ein Mensch, geht eine grosse Faszination aus. Die zeigt zum Beispiel das sprechende Auto: Die US-Fernsehserie um Michael Knight (David Hasselhoff) und dessen sprechenden Pontiac K.I.T.T. erlangte Kultstatus. Zwischen 1982 und 1986 wurden 90 Folgen der in mehr als 170 Ländern rund um den Globus ausgestrahlten Serie produziert.


Reden mit der TV-Box

Die neuste Generation von Swisscom TV 2.0 verfügt über eine Sprachsuchfunktion.

 

 

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