Medizin und Prävention 2.0

Vernetzte Gesundheit

Durch den technischen Fortschritt wird die Überwachung der Stoffwechselparameter in den Alltag integriert und eröffnet neue medizinische Möglichkeiten.

Laurent Seematter, 1. Dezember 2015

Noch nie war es so einfach wie heute, zu Fuss zurückgelegte Strecken, unsere Herzfrequenz oder die Anzahl der verbrauchten Kalorien zu messen. Heute ist es nicht mehr nur Profisportlern vorbehalten, ihre körperliche Leistung streng zu überwachen. Es reicht, ein mit Sensoren bestücktes und dem Smartphone verbundenes Armband zu tragen, um alle gewünschten Daten zu erhalten.

 

Gary Wolf ist der kalifornische Gründer der «Quantified Self»-Bewegung und der gleichnamigen sozialen Plattform, auf der Applikationen zur Verfügung gestellt werden, mit denen jeder seine physiologischen Daten messen, analysieren und mit Freunden in sozialen Netzwerken teilen kann.

«Selbstreflexion und Selbstquantifizierung haben enorme Auswirkungen auf unsere Fähigkeit, uns zu verändern.»

Gary Wolf, Gründer der «Quantified Self»-Bewegung

In einem Interview mit dem RTS-Gesundheitsmagazin 36.9° erklärt er, dass die Selbstüberwachung der körperlichen Leistungsfähigkeit nicht einfach nur das obsessive Sammeln statistischer Daten bezweckt: «Selbstreflexion und Selbstquantifizierung haben enorme Auswirkungen auf unsere Fähigkeit, uns zu verändern».

 

 

Der vernetzte Trainingsanzug von SenseCore ist mit Sensoren ausgerüstet, die verschiedene Körperwerte während des Trainings messen.

 

 

Gemeinsam mehr bewegen


In diesem Sinne hat Swisscom eine Initiative gestartet, um die Swisscom-Mitarbeitenden zu motivieren, sich mehr zu bewegen. Die Teilnehmer werden mit einem Fitbit-Schrittzähler ausgestattet und bilden konkurrierende Teams mit festgesetzten Aktivitätszielen. «Unsere Absicht war es, den Mitarbeitenden ein Hilfsmittel an die Hand zu geben, um gesundheitsbewusster zu werden», erklärt Stefano Santinelli, Leiter des Bereichs e-Health bei Swisscom. Doch was geschieht mit den gesammelten Daten? Sie werden zentral auf den Servern des Fitbit-Herstellers in den Vereinigten Staaten gespeichert, ohne dass Swisscom darauf Zugriff hat.

Fragen rund um die Privatsphäre und Verwertung dieser Fülle an Informationen zu den Sportgewohnheiten der Millionen von Benutzern sind ein sehr heikles Thema. Digitalisierungskritiker geben zu bedenken, dass strenge Kontrollen fehlen und Krankenversicherungsgesellschaften so die Daten nutzen könnten, um sich ihre Versicherten nach Belieben auszuwählen. Ebenso könnten Unternehmen die Daten für die zielgenaue Ausrichtung von Marketingkampagnen nutzen.

 

 

Eine präzisere Medizin

 

Die neuen Messtechnologien kommen insbesondere in Verbindung mit besonders komplexen Anwendungen in sogenannten intelligenten Kleidungsstücken zum Einsatz. Das Schweizer Zentrum für Elektronik und Mikrotechnik (CSEM) in Neuenburg hat im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) Trainingskleidung entwickelt, in die sensorische Fasern eingewebt werden, um Herzaktivität, Atmung, Körpertemperatur und Blutdruck zu messen. Mithilfe solcher kontinuierlich erfassten Daten kann man aus der Ferne den Stoffwechsel von Personen überwachen, die extremen Bedingungen ausgesetzt sind (Astronauten, Feuerwehrleute), oder besonders schutzbedürftige Personen (Senioren, Menschen mit chronischen Erkrankungen vor oder nach einer Operation) unter Beobachtung halten.

Ein intelligenter Verband kann den Wundheilungsprozess in Echtzeit verfolgen und das Pflegepersonal im Falle einer Infektion informieren.

Ein weiteres Beispiel ist der intelligente Verband. Mithilfe seiner besonderen Glasfasern, die physiologische Daten wie den pH-, Zucker- oder Laktatwert sowie Entzündungsproteine in Wunden messen können, kann ein solcher Verband den Wundheilungsprozess in Echtzeit verfolgen und das Pflegepersonal im Falle einer Infektion informieren, damit sofort mit der erforderlichen Behandlung begonnen werden kann.

Schon heute können Diabetiker die Überwachung ihres Insulinspiegels einer elektronischen Sonde anvertrauen, die sie vor Hypoglykämien warnt. Sie gewinnen dadurch an Lebensqualität, da sie die Zahl der Insulininjektionen möglichst gering halten können. Durch das Sammeln von immer mehr Daten in Echtzeit können wir die Präventionsarbeit verbessern und in immer früheren Erkrankungsstadien bereits einzugreifen. Auch in Zukunft wird die Prävention bei der Optimierung von Behandlungen eine wichtige Rolle spielen, indem sie die Verabreichung und Dosierung von Medikamenten immer präziser macht.

 

Weitere Informationen

Webseite der «Quantified Self»-Bewegung:

Quantified Self

 

 

 

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