Serie: Wer hat's erfunden?

Vom Handbetrieb befreit

1959 wurden in der Schweiz die letzten handbetriebenen Telefonzentralen abgestellt und der weltweit erste vollautomatische Telefondienst eingeführt – und das bis in die entlegensten Dörfer.

Sarah Hefti (Text), mfk/pttarchiv (Bilder) 17. Mai 2016

Wir schreiben den 3. Dezember 1959: Ben Hur läuft in den Kinosälen der ganzen Welt und in Grossbritannien erobert Cliff Richards mit The Shadows die Charts. Und die Schweiz wird an diesem Donnerstag vor allen anderen Ländern der Welt mit einem vollautomatischen Telefonbetrieb ausgerüstet.

 

 

1959 wurde in Scuol die letzte automatische Telefonzentrale der Schweiz in Betrieb genommen. Foto: PTT-Archiv.  

 


«Ein gewaltiges Werk findet damit seinen glücklichen Abschluss», freut sich die PTT in ihrem damaligen Geschäftsbericht. Und weiter: «Die Schweiz ist das erste Land, das über einen vollautomatischen Telefondienst bis ins entlegenste Dorf verfügt». Mit dem «entlegenen Dorf» ist übrigens Scuol im Unterengadin gemeint. Am besagten Tag wird dort die letzte handbetriebene Telefonzentrale abgestellt.

Wurden die freundlichen Telefonistinnen Opfer der Automatisierung?

Hinter der Vollautomatisierung steht ein gewaltiger Aufwand: 2,7 Milliarden Schweizer Franken investierte die PTT allein zwischen 1939 und 1959. Die ersten rund 1600 vollautomatischen Anschlüsse wurden schon 1922 in der Zentrale Zürich-Hottingen in Betrieb genommen. Damals beschränkte sich die Automatisierung allerdings auf auf Ortsgespräche – der Fernverkehr wurde noch jahrelang durch eine Telefonistin vermittelt.

 

 

Telefonistinnen aus der Anfangszeit der Telefonie. Foto: Museum für Kommunikation.  

 


Apropos Telefonistin: Was passierte eigentlich mit den vielen freundlichen Damen, die sich durch den Kabelsalat kämpften und die Verbindungen von Hand einrichteten? Wurden sie Opfer der Automatisierung? Mitnichten, wie die PTT 1959 stolz verkündete: «Mit besonderer Genugtuung erfüllt uns, dass sämtliche Telefonistinnen, die infolge der Automatisierung vom Handbetrieb befreit wurden, in anderen Diensten weiterbeschäftigt werden konnten».


Etwas länger zog sich die flächendeckende Einführung des Selbstwähldienstes übrigens fern der Schweizer Grenze hin. In ländlichen Gebieten Ostdeutschlands gar bis in die 1980er Jahre.

 

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