Serie: Wer hat's erfunden?

Videotex – das legendäre Schwiizernet

Chats, Spiele, E-Banking und sogar Online-Shopping: 1984 lancierten die PTT nach fünf Jahren Entwicklung eine Art Schweizer Internet. Doch die Zeit war noch nicht reif – zum Glück für das richtige Internet.

Roger Baur (Text), 19. April 2016

Es kam mit der Post. Sieben Kilo schwer, 30 Zentimeter hoch, gut einen halben Meter tief, mit Schwarzweiss-Bildschirm und begleitet vom Geruch nach frischem Hartplastik. Zwar war damit keine Textverarbeitung möglich und ein Diskettenlaufwerk fehlte ebenfalls – dafür aber war alles Weitere bereits vorinstalliert und ein Modem integriert.

 

 

Online-Computer und Telefon in einem: Das erste PTT-Videotex-Terminal gabs nur zur Miete – für 14 Franken monatlich.  

 

 

Auf Knopfdruck ging es via Telefonleitung ab auf die Datenautobahn – oder besser gesagt: Auf die Daten-Quartierstrasse durch eine kryptisch langsame Welt mit den grafischen Möglichkeiten des heutigen Teletext.

 

Anbieter wie Beate Uhse beschränkten sich auf Kurzgeschichten oder Gezeichnetes – zum Preis von zwei Franken pro Minute.

 

Shopping und Banking

 

Doch im Unterschied zum Teletext bot Videotex ein elektronisches Telefonbuch, Chat-Plattformen, eine Art E-Mail, Online-Shopping bei Jelmoli und ein Telebanking, das sich vom heutigen E-Banking nur unwesentlich unterschied.

 

Veranstaltungskalender waren in Videotex ebenso vorhanden wie eine Art E-Mail.  

 

 

Die damals noch voll staatlichen PTT-Betriebe duldeten sogar kostenpflichtige Fragespiele oder Erotikangebote. Wobei die auf 1,2 Kbit/s beschränkte Technik weder Filme noch Fotos übertragen konnte. Anbieter wie Beate Uhse beschränkten sich darum auf Kurzgeschichten oder Gezeichnetes – zum Preis von zwei Franken pro Minute.

 

Teurer Wegbereiter fürs Internet

 

Doch selbst der SBB-Fahrplan schlug mit 20 Rappen pro Minute zu Buche – zusätzlich zu den verschiedenen und von Jahr zu Jahr stark schwankenden Nutzungsgebühren, die sich zusätzlich auf bis zu 28 Rappen pro Minute summierten.

Das World Wide Web nutzte in seinen Anfängen viele der Verbindungsleitungen und Systeme, die für Videotex vorgesehen waren.

Das konnte nicht gutgehen. Anfang der 90er-Jahre kämpfte Videotex ums Überleben und wurde gar zum Politikum. Hatten die PTT also ein Datennetz aufgebaut, das nun keiner brauchte? Fast sah es so aus. Bis das Internet kam. Denn das World Wide Web nutzte in seinen Anfängen ausgerechnet viele der Verbindungsleitungen und Systeme, die eigentlich für Videotex vorgesehen waren.

Videotex selbst ging 1995 in private Hände über. Die neuen Besitzer führten es unter dem Namen «Swiss Online» weiter und vermarkteten es später in Kombination mit einem Internetanschluss. Noch fünf Jahre lang sollte das einstige Videotex vor allem fürs Banking die erste Adresse bleiben. Doch am 30. September 2000 hatte es seine Schuldigkeit getan. Wer noch über ein Terminal verfüge, könne es mit der Post zur Entsorgung zurücksenden – das war seine letzte Botschaft.

 
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