Visual Effects im Film

«Das Wetter wird oft aufgebessert»

Wie real ist die Realität in Filmen? Visual-Effects-Experte Miklos Kozary über die Möglichkeiten der digitalen Nachbearbeitung.

Philippe Zweifel (Text), Daniel Brühlmann (Fotos), 30. September 2015

Wie oft kommen digitale Retuschen heute in Filmen vor?
 

Praktisch alle Filme werden heute digital nachbearbeitet. Die Spanne reicht von einzelnen kleineren Retuschen bis hin zu mehreren Tausend Shots mit komplexen 3-D-Elementen, etwa in Marvel-Filmen wie «Ironman».

 

Kommt die digitale Nachbearbeitung auch bei Alltagsszenen zum Einsatz?

 

Auch bei Spielfilmen, die keine spektakulären Visual Effects beinhalten, wird fast immer eine digitale Farbkorrektur durchgeführt. Ausserdem werden Filmequipment, Crew oder Passanten, die aus Versehen ins Bild geraten, digital entfernt. Dasselbe gilt für Hochhäuser in einem Mittelalterfilm. 

 

 

Für einen Werbespot von Greenpeace wurde eine Aufnahme einer Autobahn verändert.  

 

 

Zuerst werden Strasse und Umgebung digital ramponiert, dazu Autos eingefügt.

 

 

Danach werden die Autos auf alt gemacht und das Schild eingefügt.

 

 

Wie siehts mit dem Wetter aus?

 

Ja, auch das wird oft aufgebessert. Genauso wie Gesichter, sogenannte «Beauty-Retuschen»: Das Entfernen von Pickeln und anderen Hautunreinheiten, Falten etc. ist heutzutage ohne weiteres möglich, ist aber vor allem bei Nahaufnahmen recht kompliziert. Ein einfacher Unschärfefilter reicht da nicht aus, es kommen aufwendigere Techniken zum Einsatz wie etwa der Ersatz kompletter Hautpartien. In vielen grossen Hollywood-Produktionen werden solche Methoden eingesetzt, angeblich werden sie von namhaften Schauspielern zur Erhaltung ihres Images vertraglich verlangt. Wie viel schliesslich manipuliert wurde, bleibt dann das Geheimnis des Studios und wird nur selten publiziert. Hier ein Beispiel aus dem Film «X-Men 3»: 

 

 

Machen grössere Filmstudios solche Retuschen selber?

 

Das machen unabhängige Firmen, die von den Filmstudios oder Produktionen beauftragt werden. Grosse Namen im Bereich Visual Effects sind ILM (Industrial Light & Magic), Double Negative oder MPC in London. Für Beauty-Retuschen berühmt ist die Firma Lola VFX.

 

 

Weil Dällebach Kari mit einer Hasenscharte auf die Welt kam ...

 

 

... musste dem Baby digital eine Missbildung konstruiert werden.

 

 

Im Film ist nicht zu sehen, dass die Hasenscharte unecht ist. 

 

Ihr Studio hat den «Dällebach Kari» retuschiert – was war da die grösste Herausforderung?

 

Wir haben einige Umgebungen retuschiert (Kabel und Schilder entfernt, Personen umplatziert), aber auch komplette Gebäude und Hintergründe ersetzt. Ausserdem haben wir beim Baby die Hasenscharte digital eingesetzt, was die grösste Herausforderung war. Hier musste in einer Nahaufnahme auf höchsten Realismus geachtet werden, denn schon kleinste Fehler hätten den Zuschauer irritiert. Digitale Effekte sollen meiner Meinung nach helfen, die Geschichte zu erzählen, und möglichst unsichtbar bleiben. 

 

Wie sieht die Zusammenarbeit aus? Sitzt der Regisseur neben einem und sagt, dieser Pickel oder dieses Haus müsse weg?

 

Nachdem der Schnitt erfolgt ist, werden die Shots durchnummeriert und vom Visual-Effects-Supervisor in eine Liste oder eine Datenbank eingefügt. Nach Absprache mit Regisseur und anderen Beteiligten wird festgelegt, welche Arbeiten am jeweiligen Shot gemacht werden müssen. Diese werden in die Liste eingetragen, die dann an die VFX-Firmen weitergeleitet wird, um Offerten einzuholen und um später als Referenz zu dienen.

 

Wie laufen solche Nachbearbeitungen technisch genau ab?

 

Die Shots werden digital in Form von Bildsequenzen an die VFX-Firmen geschickt, wo die Bearbeitung erfolgt. Für Retuschen werden spezialisierte Programme benutzt, die auf die Verarbeitung von Bewegtbildern ausgelegt sind. Für viele digitale Effekte müssen aber Bilder oder Elemente von Grund auf generiert werden. Dies erfolgt mithilfe von 3-D-Programmen wie etwa «Maya». Der Ablauf ist vergleichbar mit einer Fabrik, wo es für jeden Einzelschritt einen Spezialisten gibt, der seine Arbeit dann an den nächsten weitergibt. Unter Umständen arbeiten mehrere Dutzend Leute an einem Shot, bis er dann auf der Kinoleinwand erscheint.

 

 

Detailarbeit: Miklos Kozary bei der digitalen Retusche.

 

 

Wie muss man sich den Zeitaufwand vorstellen?

 

Das ist sehr unterschiedlich. Der Aufwand reicht von wenigen Stunden pro Shot (für sehr einfache Retuschen) bis hin zu mehreren Monaten für sehr aufwendige Sequenzen mit komplexen 3-D-Elementen.

 

Lassen sich nur digital aufgenommene Filme bearbeiten – oder geht das auch bei analogen?

 

Analog, also auf Film, wird mittlerweile fast nichts mehr aufgenommen. Mittlerweile wird zu 99 Prozent digital gefilmt. Früher wurden dafür die Filme mit einer speziellen Maschine eingescannt, um eine digitale Verarbeitung überhaupt erst möglich zu machen. 

 

Gucken wir in die Zukunft: Kann man dereinst eine miese schauspielerische Leistung am Computer verbessern?

 

Das ist theoretisch heute bereits möglich, aber immer noch sehr aufwendig. Jennifer Connelly wurde im Film «Blood Diamond» eine Computerträne reinmontiert. Und komplette Face Replacements wurden etwa im Film «Social Network» eingesetzt.

 

 

Zur Person

 

Miklos Kozary ist CEO und Visual-Effects-Supervisor bei Elefant Studios. Die Zürcher Firma ist spezialisiert auf Visual Effects für Filme, 3-D-Animationen in Werbespots sowie Color Grading.

Retuschen im Film:  

Beispiele aus Filmen, die von Elefant Studios bearbeitet wurden:

«Dällebach Kari»

 

«Unscheinbare» Effekte aus weiteren Filmen

 

Face Replacement in «Social Network»

 

 

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Sind digitale Retuschen eine Bereicherung für Filme oder stören sie?

 

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