«Die Zukunft des Bankings liegt in digitalen Ökosystemen»

Wohin steuert der Finanzplatz? Clemens Eckert von Swisscom spricht im Interview über den «Core Banking Radar», die Abkehr von reinen Monolithen-Lösungen – und erklärt, warum die Banken der Zukunft in Ökosystemen denken und handeln müssen.

Februar 2026, Text Matthias Mehl, Smart Media Agency          4 Min.

Herr Eckert, worum handelt es sich beim «Core Banking Radar» genau, den Swisscom in Zusammenarbeit mit dem Business Engineering Institute St. Gallen (BEI) publiziert? 

Als ich 2016 die Verantwortung für das Core Banking bei Swisscom übernahm, stellte ich mir eine  
fundamentale Frage: Wie unterscheiden sich die Banking-Systeme auf dem Schweizer Markt eigentlich im Detail? Und fast noch wichtiger: Welche völlig neuen Systeme könnten zukünftig in den Markt eintreten? Schnell wurde klar, dass niemand diese Fragen wirklich abschliessend beantworten konnte. Deshalb habe ich noch im selben Jahr den «Core Banking Radar» (CBR) ins Leben gerufen. Dieser sollte die fehlende Transparenz schaffen und die Potenziale für die Branche aufzeigen. Dieser Anspruch stellte uns allerdings vor ein Problem. 

Welches war das?

Wir verfügen als Swisscom zwar über enormes Know-how hinsichtlich Banken-IT, aber die Hersteller sind mit vergleichbaren Detailinformationen zu ihren Systemen natürlich zurückhaltend. Mit dem Business Engineering Institute St. Gallen haben wir den idealen, unabhängigen Partner gefunden, um den Core Banking Radar (CBR) zu realisieren. Die wissenschaftliche Nähe zur Universität St. Gallen und ihre Neutralität sind hierfür enorm wertvoll. Im Kern handelt es sich beim CBR um einen hochgradig transparenten Vergleichsansatz, bei dem wir fast 200 Kriterien analysieren. Es geht uns aber nicht um ein simples Ranking von «gut» oder «schlecht». Vielmehr zeigen wir auf, welche Aspekte für welche Bankentypen entscheidend sind, und führen auch «Proof of Concepts» durch. Letztlich möchten wir dadurch wichtige Impulse zur Schaffung einer idealen Plattform liefern, die sowohl die CIOs als auch die Business Units der Banken überzeugt.

Die Befragung zeigt auf, was Expertinnen und Experten von einer «Next Generation Banking Plattform» für 2030 und darüber hinaus erwarten. Wie sehen diese Erwartungen genau aus?

Banking wird in der Zukunft immer integrierter und gleichzeitig «unsichtbarer». Ein spannendes Thema sind hier auch die «E-ID» und die damit verbundenen Wallets. Die Verwaltung der digitalen Identität ist eine Kernkompetenz, die Banken unbedingt integrieren sollten. Die Expertinnen und Experten erwarten zudem, dass Banken sich immer stärker in umfassende Ökosysteme eingliedern, um dort ihre Services punktgenau zu erbringen. Es geht also weg vom isolierten Banking hin zur gemeinschaftlichen Dienstleistung mit Drittanbietern.

Können Sie ein konkretes Beispiel für eine solche Integration in ein Ökosystem nennen? 

Nehmen wir etwa das Ökosystem «Wohnen und Hauskauf». Heute ist der Immobilienerwerb oftmals ein fragmentierter Prozess. Eine Next-Gen-Plattform würde es hingegen ermöglichen, dass Banken direkt mit Immobilienportalen kooperieren und ihre Services dort nahtlos einbetten. Der Kunde findet sein Traumhaus und erhält im selben Moment die passende Hypothek oder Depotlösung angezeigt. Durch solche Zusatzservices im Wertschöpfungsnetzwerk steigern Banken die Attraktivität ihrer angestammten Produkte massiv. Das ist die klare Anforderung der Fachleute: Die Plattform muss solche Vernetzungen unterstützen, KI-fähig sein und gleichzeitig höchste Sicherheitsstandards garantieren.

«Früher haben wir Architekturen durch Monolithen ersetzt – nun kehren wir zu modularen Systemen und Microservices zurück.»

Dr. Clemens Eckert, Head of Banking Solutions

Was muss eine Bank technologisch aufgleisen, damit diese Visionen Realität werden können? 

Das Fundament ist eine strategisch kluge und graduell richtige Öffnung – also Open Banking, das technologisch präzise auf den jeweiligen Service abgestimmt ist. Hinzu kommen die Fähigkeit zur versierten Zusammenarbeit mit Netzwerkpartnern und eine konsequente Modularisierung der Plattform. Wir müssen weg von starren Strukturen hin zu einer Flexibilität, die schnelle Anpassungen von Business-Modellen erlaubt. Technisch bedeutet das: Ein strategischer «Integration Layer» ist unverzichtbar, denn er erlaubt die flexible Anbindung von Umsystemen an einen performanten, schlankeren Kern. Und ganz entscheidend ist zudem die Fähigkeit, Daten konsequent und durchgängig in Echtzeit zu verarbeiten. 

Was hat Sie am aktuellen Report am meisten überrascht? 

Tatsächlich zwei Dinge. Zum einen sind die Fachleute erstaunlich zurückhaltend, was die Revolution am Kundenkanal angeht. Mehr als die Hälfte glaubt, dass sich im Frontend wenig ändern wird – das digitale Banking bleibt für sie vorerst das gewohnte Bild auf dem Mobiltelefon oder am PC. Und zum anderen sehen wir, dass die Expertinnen und Experten im Backend grosse Erwartungen hegen: Über 77 Prozent der Befragten gehen von einer Echtzeitverarbeitung aus. Das ist eine gewaltige Challenge für den Finanzmarkt. Wir sprechen heute oft von «T plus 2» – also zwei Tagen, bis eine Aktie nach dem Kauf im Kundenportfolio landet. Wirkliche Echtzeit kennen wir aktuell nur von der Blockchain mit Kryptowährungen. Diese unmittelbare Transaktion auch in klassischere Bereiche zu verlagern, käme tatsächlich einem Paradigmenwechsel gleich.

Im Report wird die Abkehr von monolithischen Systemen hin zu offenen, modularen Ecosystem-Plattformen thematisiert. Wie ordnen Sie die Tragweite dieser Veränderung ein?

Man muss das differenziert betrachten. Technologisch gleicht es einem schwingenden Pendel: Vor 20 Jahren haben wir alte Architekturen durch Monolithen ersetzt, um Komplexität zu reduzieren. Heute schwingt das Pendel zurück zu modularen Systemen und Microservices. Dieser moderne Ansatz ist der Schlüssel zur Vernetzung. Denken Sie an «Embedded Finance»: Das automatische Bezahlen bei Uber, «Buy Now, Pay Later»-Optionen wie bei Klarna direkt am Point-of-Sale oder Geo-Location-Trigger für Reiseversicherungen. Wenn Sie im Ausland landen und per SMS gefragt werden, ob Sie für zwei Franken pro Tag einen Versicherungsschutz aktivieren wollen – das ist Banking im Ökosystem. Diese Tragweite ist enorm, weil die Bank dort stattfindet, wo der Kunde gerade ein Bedürfnis hat.

Welche Learnings und Massnahmen leitet Swisscom konkret aus dem Report ab?

Wir sind heute der grösste Provider für Banken-IT und entwickeln den Finanzplatz Schweiz gemeinsam mit Banken und Fintechs aktiv weiter. Ein Meilenstein besteht darin, dass wir im Jahr 2026 die modernste integrierte Finnova.neo-Plattform anbieten werden – und das sowohl auf Basis von AWS für maximale Skalierbarkeit als auch in der Swisscom Private Cloud für absolute Schweizer Datensouveränität. Mit über 1000 Fachleuten für Bank-IT sind wir der stabile und innovative Partner, den der Markt braucht. Wir verstehen uns dabei als smarter Vordenker beim Thema «Next Generation Banking Platform», aber wir agieren nicht «mit der Brechstange». Denn wir wissen, dass sich bewährte Systeme wie Avaloq und Finnova ebenfalls exzellent weiterentwickeln. Unser Job ist es daher, diese Welten sicher und zukunftsfähig zu verbinden. 

Welche Themen werden Ihre Kunden künftig besonders beschäftigen?

Die zentrale Frage lautet: Wer macht am Ende das Rennen in der Gunst der Kundschaft? Dabei werden drei Faktoren dominieren: Erstens die massiv steigenden Anforderungen an den Datenschutz und die Resilienz der Systeme. Zweitens die Integration von KI in die Wertschöpfung. Und drittens die hohe Kostensensitivität der Banken. Die Kunst wird darin bestehen, Innovation zu liefern, die nicht nur technologisch brillant, sondern auch wirtschaftlich effizient und absolut sicher ist.

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