Gewalt und Pornographie in sozialen Netzwerken
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Gewalt und Pornographie in sozialen Netzwerken

Ich erinnere mich an ein Abendessen mit zwei Freunden vor knapp 20 Jahren. Bei Bier und Burger und wir sprachen über die MMS-Technologie, die es neuerdings erlaubte, übers Handy (damals gab es noch keine Smartphones) Bilder und Kleinst-Videos zu empfangen. Wir waren uns einig: Erst wenn die Porno-Industrie dieses Feature entdeckt, wird es zum Trend. Und genauso kam es…

Michael In Albon

Medienkompetenzexperte Michael In Albon

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Für Swisscom Magazin schreibt er regelmässig zu aktuellen Medienkompetenzthemen.

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Die Kommunikation mittels Bildern ist äusserst beliebt. Das zeigen die Entwicklungen auf dem Feld der digitalen Medien: Laut JAMES-Studie 2020 sind die Social Media Plattformen, die auf Bild und Video setzen, weiterhin auf dem Vormarsch.

93 % der Schweizer Jugendlichen haben einen Instagram -Account, 91 % sind bei Snapchat, drei Viertel bei Tiktok. Twitter oder Facebook sind für unsere Kinder eher uninteressant. Videos vermögen sehr direkt zu emotionalisieren, und komplexe Sachverhalte können in der Bildersprache mitunter einfacher vermittelt werden. Nicht nur konsumieren Kinder und Jugendliche solche Inhalte, sie produzieren sie auch, wenngleich das Posten von Inhalten eine kleinere Rolle spielt. Gerade bei Lesefaulen (ja, die gibt es!) ist der Zugang über kurze, knackige Clips freilich die Form der Wahl.




Mitgliedschaft bei sozialen Netzwerken nach Geschlecht (JAMES-Studie 2020: ZHAW-Medienpsychologie)

Gewalt-Darstellungen und Pornografie machen auch keinen Halt vor Jugendlichen.

Die schiere Reichweite und der kostengünstige Zugang zu einer Vielzahl von Konsumenten weltweit zieht auch Inhaltsanbieter an, die sagen wir: in schmuddeligen Branchen tätig sind. So finden sich bei Instagram Accounts, die mit schönen Frauen weibeln und dann auch ziemlich schnell zur Sache kommen: Gratis-Zugänge zu Porno-Inhalten? Klicke hier! Aber auch Influencer, die ihre vermeintlichen körperlichen Vorzüge zum Besten geben, ohne ihnen den Pornographie-Stempel aufdrücken zu wollen, finden sich sehr leicht und freuen sich über jeden Follower. Der Streaming-Dienst Younow lässt es zu, jemanden jederzeit in seinem Zimmer zu beobachten.

Gewalt-Darstellungen im Netz finden andere Wege. Gerade Whatsapp und ähnliche Chat-Apps sind hier als Transportmittel zu nennen. Bei Jugendlichen hat sich eine neue Art der Mutprobe entwickelt: Wer wagt sich, eine Exekution eines realen Menschen zu schauen? Wer hat den Mut, bis zum Schluss einem Hund beim Sterben zuzusehen? Solche Inhalte werden innerhalb der Freunde und Schulkollegen geteilt. Und niemand gibt seinen Ekel oder seine Angst gerne zu, so lacht man gequält mit.

Augen auf und digitale Medien kompetent nutzen.

Wie oft kommt so was vor? Nicht so oft, wie die Kritiker unter uns meinen. Aber auch nicht so selten, als dass wir Eltern unsere Augen davor verschliessen dürften. Es ist verlorene Liebesmüh, zu versuchen, solche Anbieter auszusperren, sie kommen immer wieder zurück und finden immer Wege. Wir Eltern müssen unsere erzieherische Verantwortung übernehmen. Indem wir den Zugang zu den Sozialen-Netzwerken nicht etwa untersagen (auch unsere Kinder finden immer Wege…), aber auf solche Inhalte aufmerksam zu machen. Wir anerkennen, dass die Welt im Netz ein ziemlich gutes Abbild der realen Welt ist und wir wollen, dass unsere Kinder auch im Internet Selbstverantwortung leben. Das nennen wir kompetentes Nutzen der digitalen Medien.

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