Wie eine fühlbare Tastatur das Leben von Marcel verändert
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Wie eine fühlbare Tastatur das Leben von Marcel verändert

Er leitet ein Videoproduktionsteam, bildet Lernende aus und hat einen Master in Marketing. Marcel Roesch ist seit frühester Kindheit fast blind, lässt sich davon in seinem Leben aber nicht einschränken. Nun hat er eine fühlbare Tastatur für Smartphones entwickelt. Eine Geschichte mit Hindernissen.

Wie viele Male muss ich nun drücken für das N? Ich habe Marcel Roeschs kleinen Prototypen an mein Handy montiert, das erinnert mich an frühere Zeiten, als Handys noch feste Tastaturen hatten. Lange ist es her und ich vermisse es ehrlich gesagt nicht. Doch einer von geschätzt 377’000 Menschen in der Schweiz, der die Tasten vermisst, ist Marcel Roesch. Er erkrankte mit drei Jahren an Krebs, seither erkennt der 40-Jährige nur noch Schemen, «etwa so, wie Sie sich selber im total beschlagenen Badezimmerspiegel sehen». «Eine Nachricht auf dem Smartphone zu tippen, dauert bei mir ewig», erklärt Marcel Roesch.

Marcel Roesch versucht im Zug eine für ihn emotional wichtige Sprachnachricht aufzunehmen. Was nicht gelingt.

Die Herausforderung

«Eine Nachricht auf dem Smartphone zu tippen, dauert bei mir ewig», erklärt Marcel Roesch. Für Sehbehinderte gibt es Zusatzgeräte für Smartphones, die den Text in Brailleschrift übersetzen. Da Marcel es praktischer findet wie Sehende mit einem einzigen Smartphone auszukommen, statt ein lästiges Zusatzgerät zu benutzen, entwickelte er selbst eine Handytastatur für Sehbehinderte – die das Zusatzgerät ersetzt. Schon bei der ersten Begegnung ist spürbar: Nichts wird Marcel davon abbringen, diese Tastatur umzusetzen, egal, wie schwierig es wird. Oder wie Marcel es formuliert: «Geit nid, gits nid.»

Die Idee

Vor vier Jahren wollte Marcel erstmals eine haptische Tastatur für sich in Amerika einkaufen. Die Firma, die sie herstellte, wurde dann jedoch von Blackberry verklagt und machte Konkurs. «Nach meinem Master im Januar 2019 war mir eine Woche langweilig. Dann erinnerte ich mich an die Tastatur und dachte, das kann doch wohl nicht sein, dass niemand mehr fühlbare Tastaturen für Sehbehinderte herstellt.»

Marcel Roesch sitzt in einem Meeting und muss seinem Team unbedingt eine Antwort geben. Doch er kann den Raum nicht verlassen.

Inzwischen ist seine Idee umgesetzt: Seine Tastatur wird auf der Rückseite des Smartphones befestigt und ist nach vorne und hinten klappbar. Die Tasten sind gleich wie bei einem Laptop. Das kleine Gerät ermöglicht allen, die sich eine haptische Tastatur wünschen oder fast blind sind, sich mitzuteilen. Sie ist gleich gross wie die Touch-Tastatur des Smartphones und wird per Bluetooth verbunden.

Die Firma

«Am 6. März 2019 hatte ich 1-Minute Zeit, um Swisscom meine Idee einer fühlbaren Tastatur zu präsentieren. Das kam gut an und ich erhielt 1000 Franken und gewisse Arbeitszeit, die ich in mein Projekt ‚haptische Tastatur‘ stecken konnte.» Diese Kurzpräsentation war der erste Schritt im internen Innovations-Förderungsprogramm der Swisscom: Kickbox. Es folgten Marktforschung, Evaluierung, Zwischenberichte und Coaching. «Dann gründete ich eine GmbH und habe seither mehr gelernt, als in allen Weiterbildungen zusammen.» So ist die Firma help2type entstanden.

Das Geld

Marcel durchlief danach die weiteren Schritte im internen Innovationsprogramm. «Ich musste einen Sponsoren finden, der bereit war, 10’000 Franken in mein Projekt zu investieren.» Durch den Kickbox-Prozess bereits an Bord war das Berner Unternehmen Creaholic, ein strategischer Innovationspartner von Swisscom. Creaholic hat die Innovationsarbeit geleistet, danach fand Marcel einen Sponsoren bei Swisscom, der die nötigen Finanzen einbrachte und er konnte weiterarbeiten. «Danach suchte ich externe Investoren. Einer sprach mich in Tenero auf dem Zeltplatz an, während ich in den Badehosen war. Der Zweite wurde mir während eines Drehs des Swisscom Filmteams vermittelt. Ohne Swisscom wäre mein Projekt nicht möglich gewesen.» Inzwischen sind verschiedene Schweizer Unternehmen und Stiftungen bei help2type involviert.

Scrivere messaggi con una tastiera touch è estremamente difficile per Marcel. Per questo ha sviluppato una tastiera tattile per cellulari.
Swisscom sostiene il progetto con risorse. help2type può contare sull’aiuto degli apprendisti, qui Jasmin (a sinistra) e Tim (a destra).
La nuova tastiera non renderà più facile solo la vita di Marcel, ma potenzialmente anche quella di milioni di persone ipovedenti.

Die Produktion

Irgendwann Ende 2019 begann die Produktion in China. Auch hierzu hat Marcel eine unglaubliche Geschichte parat. «Dazu kam es während einer Chinareise. Die Dolmetscherin hatte einen Jugendfreund, Jack, der Handys für Senioren herstellt. Sie fand, er wäre der Richtige, um eine solche Tastatur zu bauen. Als ich ihn treffen wollte, lag ich mit einer Lebensmittelvergiftung in einem chinesischen Spital. Wie alle anderen meiner Reisegruppe.»

Jack traf er dann doch noch. Dieser begutachtete den Prototypen und sagte: «Der war teuer, oder? Ich kanns besser, schneller und günstiger.» «So einfach war es dann aber doch nicht. Wir haben nämlich herausgefunden, dass ihnen ganz viele Skills in der Entwicklung fehlen. Darum verlagerte ich die Entwicklung zurück in die Schweiz zu Creaholic. Nach China schicken wir nun fixfertige technische Zeichnungen, die sie «nur» umsetzen müssen.»

Das Produkt

«Nach einer Woche Reise durch unzählige DHL-Zweigstellen, fand der Prototyp Ende Januar 2020 den Weg in meine Hände. Die Tastatur fühlt sich kompakt und hochwertig an. Genau so habe ich es mir vorgestellt: Glatte und doch nicht zu feine Oberfläche, wertige Fixation und gefühlte Qualität beim Anfassen.» Im Februar wurden die letzten Verbesserungswünsche nach China geschickt. Das Magnet war noch etwas schwach und eine Taste muss noch etwas verschoben werden. Der Prototyp wurde in China von Hand gefertigt.

Die Tastatur wird mit einem Magneten auf dem Smartphone befestigt. Die Vorder- und Rückseite ist mit Apple-Watch-Bändern verbunden.

Danach wurde die Produktion wegen Ausbruch des Corona-Virus unterbrochen. Dafür konnte in dieser Zeit die Software programmiert werden, der Software-Entwickler stand zwar unter Corona-Quarantäne, konnte aber trotzdem arbeiten. Doch die Software entpuppte sich als einer der Stolpersteine. Denn Tastaturanschläge übermitteln Codes. «Diese Codes sind bei den Betriebssystemen von IOS und Android leider nicht identisch. Wir mussten dafür pro Betriebssystem 104 Codes heraussuchen. Nun ist es für zukünftige Nutzer auf beiden Betriebssystemen möglich, das gesamte ABC, Zahlen, Sonderzeichen wie ä, ö, ü oder ein ç, é sowie jede Menge Symbole zu tippen.», so Marcel.

Ein lächelnder Marcel Roesch mit Handy mit help2type Tastatur.

«Reich werde ich bei diesem Projekt sicher nicht. Aber geit nid gits bi mir eifach nid.»

Über

Marcel Roesch ist 40 Jahre alt und lebt in Thun. Er leitet seit 2014 das interne Filmteam der Swisscom und bildet regelmässige Lernende aus. Er hat einen Master of Advanced Studies in Marketing und ist Geschäftsführer von help2type.

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