Open Science

Geteiltes Wissen ist doppeltes Wissen

Der Max-Plank-Forscher und Biologe Kamran Safi will, dass Forschung öffentlich wird. Die Datenbank «Movebank» ist ein wichtiger Schritt zu Open Data in der biologischen Grundlagenforschung.

Reda El Arbi (Text), Markus Lamprecht (Fotos), 9. März 2016

Rund um den Planeten werden Daten über Tierbewegungen gesammelt. Jeder einzelne Datensatz ist ein kleiner Schatz – sowohl vom Grad der Information her, als auch umgerechnet in Geld. Der Aufwand, um mit seinem Team und eigenem Equipment an solche Informationen zu kommen, ist für Forscher hoch. Normalerweise hüten Wissenschaftler ihre Datenbeute deshalb wie Kleinode.

 

Das Max-Planck-Institut in Radolfzell geht nun aber neue Wege mit den Projekten «Movebank» und «Icarus». Damit soll Wissen über die Tierwelt zusammengetragen und für alle Forscher frei zugänglich werden. Wir sprachen mit Kamran Safi über die Demokratisierung von Wissen.

 

 

Ländliche Idylle weltweit vernetzt: Der Biologe Kamran Safi auf dem Dach des Instituts.

 

 

Herr Safi, was genau ist Movebank?

Wir haben eine weltweite Datenbank für Wanderungs- und Bewegungsdaten von Tieren aufgebaut. Jeder Forscher kann darauf seine Forschungsdaten ablegen und sie für andere zugänglich machen. Herkömmliche Forschung ist teurer und schwerfälliger, weil jeder Forscher seine eigenen Daten erheben muss.

 

Die Forschung wird billiger?

Nehmen wir zum Beispiel die Bewegung von Störchen von Europa nach Afrika: Jedes Tier muss mit einem Sender versehen werden, jeder vermisste oder tote Storch muss gesucht und eingesammelt werden. Wenn die Daten nur einem Team zur Verfügung stehen, wird das enorm teuer. Wenn aber die Daten nicht mehr so eifersüchtig gehütet werden, können andere Teams mit neuen Fragestellungen den Datensatz nutzen und somit neues Wissen generieren.

 

 

 
Beispiel 1: Wie Flughunde aufforsten
 

Mehrere Zehntausend Flughunde haben sich mitten in Accra, der Hauptstadt Ghanas, auf ein paar Bäumen niedergelassen. Zwei Forscher der Universität Konstanz und des Max-Planck-Instituts Radolfzell fangen einzelne Tiere mit dem Hochnetz, untersuchen sie, nehmen Blut, Gen-Proben, und bestücken zwanzig von ihnen mit Sendern. Ziehen die Tiere weiter, liefern die Sender Daten, die Rückschlüsse darauf zulassen, wo die früchtefressenden Flughunde mit ihrem Kot, in dem sich Fruchtsamen befinden, zur Aufforstung dieses Teils von Afrika beitragen.

 

 

 

1/6 Graugänse ziehen durch ganz Europa. Wohin, zeichnen Forscher mittels Loggern auf. Diese kleinen Sender speichern die Flug- und Bewegungsdaten der Tiere.

2/6 Diese Logger können so programmiert werden, dass sie während des Flugs ständig Geotags setzen.

3/6 Nicht ohne seinen Tee– wertet Kamran Safi die Datensätze aus, steht seine Tasse selten ausserhalb der Greifdistanz.

4/6 Portrait der bekannten Findelgänse vom Max-Planck-Institut! Sie wurden von Hand aufgezogen und lernten Fliegen von einem Ultraleicht-Flugzeug.

5/6 Eingetaucht in die Welt von Movebank: Kamran Safi vor den Monitoren, auf denen die Daten visualisiert werden.

6/6 Das einzige Weiss an einem kühlen Wintermorgen: Forscher Kamran Safi bei den Balistaren im Max-Planck-Institut in Radolfzell.

1/6 Graugänse ziehen durch ganz Europa. Wohin, zeichnen Forscher mittels Loggern auf. Diese kleinen Sender speichern die Flug- und Bewegungsdaten der Tiere.

 

 

Ist das Wissen, das aus einem Datensatz generiert werden kann, nicht limitiert?

Durch kombinierte Datensätze können auch grosse, globale Fragen gestellt werden. Es kann neues Wissen aus den verschiedenen Daten gewonnen werden, wenn man sie verbindet. Ein einzelner Forscher könnte solche Datenmengen mit seinem Team weder erheben noch finanzieren. Mit Daten, die uns Forschungsteams aus der ganzen Welt zur Verfügung gestellt haben, zeigen wir weltweit Vogelbewegungen. In der visuellen Darstellung stellt jeder bewegende Punkt ein einzelnes Tier dar, das mit einem Sender bestückt wurde. Für ein isoliertes Forschungsteam wäre diese Arbeit niemals möglich.

 

 

 

«Wenn man den Wissenszuwachs in den Mittelpunkt stellt, sind geteilte Daten der einzige Weg, denn so entsteht etwas Neues, das mehr ist als die Summe der Einzelteile.»

Kamran Safi, Max-Plank-Forscher und Biologe

 

Beispiel 2: Wie Fledermäuse jagen

In der kleinen Ortschaft Gamboa in Panama ist die Abenddämmerung hereingebrochen. Kleine Gruppen von Molossus molossus (lat., Grosse Samtfledermaus), einer insektenfressenden Fledermausart, klettern aus ihren Verstecken in den Hausdächern, um sich auf den Weg in ihre Jagdgebiete zu machen. Doch ihr Flug wird jäh unterbrochen: Wissenschaftler vom Smithsonian Tropical Research Institute und Max-Planck Radolfzell fangen die wenige Gramm leichten Tiere ein und versehen sie mit Kleinstsendern. Die Daten werden verraten, ob und wie das Jagen der Tiere sozial organisiert ist, und welchen evolutionären Vorteil das bringt.

 

 

 

Wissenschaftler müssen meist hart um Finanzierung  kämpfen. Ist es da nicht verständlich, dass man alles aus seinen eigenen Daten herausholen will, ohne diese allen zur Verfügung zu stellen?

Die meisten Fördergelder stammen von der öffentlichen Hand oder werden von privaten Stiftungen zur Erlangung von Wissen für das Gemeinwohl vergeben. So gesehen gehören die Daten der Öffentlichkeit. Ich bin sogar der Meinung, dass wir Daten, die wir zum Beispiel in Afrika oder Asien erheben, den Universitäten und Instituten in diesen Ländern frei zur Verfügung stellen müssen. Und: Wer sagt schon, dass die richtigen Leute für ein bestimmtes Problem nur an den Unis zu finden sind?

 

Wie wirkt sich das auf die wissenschaftliche Reputation der Einzelnen aus?

In der Administration der wissenschaftlichen Welt ist vieles noch verknöchert. Das Wissenschaftssystem ist sehr auf die Einzelperson ausgerichtet, in der Geldvergabe wie auch in der Art und Weise, wie Anerkennung vermessen und vergeben wird. Die grossen Durchbrüche werden aber zunehmend von Kooperationen zwischen grossen Gruppen gemacht. Zum Beispiel die Entdeckung der Gravitationswellen: Einstein hat sie allein postuliert, aber es brauchte die Zusammenarbeit von 1000 Wissenschaftlern, um sie nachzuweisen.

 

Wie sieht die Zukunft aus?

Es wird mehr technischen Fortschritt geben, der den Wert der Daten in den Hintergrund rücken wird. Damit werden Kreativität und Qualität der Forschungsfragen ins Zentrum gestellt – Stichwort Open Science. Wir werden in sehr naher Zukunft das neue Trackingsystem Icarus zur Verfolgung von Tieren in freier Wildbahn auf der ISS starten. Damit werden wir in der Lage sein, mehr und kleinere Tiere an bisher nur schwer zugänglichen Orten zu begleiten, deren Bewegungen zu studieren, erfahren, wie sie in ihren Umwelten funktionieren, woher sie kommen, wohin sie gehen, woran sie sterben.

 

 

Kamran Safi

Dr. Kamran Safi hat an der Universität Zürich über Fledermäuse und die Rolle von Information in der Entstehung von Sozialität promoviert. Er leitet die Arbeitsgruppe der Computational Ecology am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell.

 

Mehr Informationen zur Datenbank gibt es auf Movebank.org

 

Sehen Sie sich das Video zum Projekt Icarus an.

 

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Forschung ist teuer: Sollen die Daten den Forschern öffentlich gemacht werden oder verspielt sich damit Europa seinen Vorsprung im weltweiten Kampf um Wissen?

 

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