PTT-Dienstnummern

Drei Ziffern vernetzten die Welt

Vor der Erfindung des Internets erfüllten die dreistelligen Dienstnummern der PTT, was heute Smartphone und Apps leisten. Ein Blick in die Vergangenheit lässt einen leicht nostalgisch zurück.

Mario Wittenwiler (Text), 7. Dezember 2017

Versetzen Sie sich in die Zeit vor Internet und Smartphone: Das Telefon mit Wählscheibe hing an der Wand – oder in der Telefonkabine. Für Auskünfte wählte man eine der dreistelligen PTT-Dienstnummern. Und erfuhr dabei mehr als Telefonnummern und Adressen: Öfters mussten die Telefonistinnen beispielsweise einem Hilfesuchenden den Weg durch die Stadt weisen. Dafür hatten sie stets eine Stadtkarte ihres Standortes zur Hand. 1997 wurden aus den Bundesbetrieben PTT die Swisscom und Die Post. Das Oral-History- Projekt des PTT-Archivs dokumentiert diesen Wandel. Seit 2014 werden dafür jährlich rund 10 bis 15 Zeitzeugen interviewt.

 

 

Die oberste Telefonistin der Schweiz


Die PTT-Kurznummern wurden 1921 eingeführt. Damals war die nationale Auskunftsnummer «11» noch zweistellig. Als «111» wurde sie in den 1980ern mit jährlich 90 Millionen Anrufern zu einem nationalen Symbol. Für Gespräche ausserhalb der Landesgrenzen wurde man vom Fernamt 114 verbunden. Je nach Gesprächsdauer eine teure Angelegenheit. Zum Beispiel drei Minuten USA 52 Franken! Über die Taxauskunft 115 erfuhr man hinterher, wie viel Haushaltsgeld man gerade vertelefoniert hatte.

 

 

 

 

Die gebürtige Herisauerin Marlies Stark absolvierte in St. Gallen eine Lehre zur Telefonistin und trat 1962 in den Dienst der PTT ein. «Drei Jahre später war ich bereits Vorgesetzte», erinnert sie sich. Später führte sie in Bern als «oberste Telefonistin der Schweiz» ein Heer von rund 5000 Mitarbeitenden. Anekdotisch erzählt sie die Geschichte, als sie einmal an einem privaten Fest einen ehemaligen Anrufer nur an der Stimme respektive am holländischen Akzent erkannte – und zwar anhand eines Telefongesprächs, das fünf Jahre zurücklag. Während der Olympischen Sommerspiele 1972 in München schaffte es die Appenzellerin in die zehnköpfige Schweizer Delegation – der Telefonistinnen. Marlies Stark: «Als 1997 aus der PTT die Swisscom wurde, ging ich, gerade mal 53-jährig, in Frühpension.»

 

 

Die Chef-Telefonistin Marlies Stark (Mitte) mit weiteren Telefonistinnen bei der Arbeit im Jahr 1965. Bild: zVg.   

 

 

«Portrait der perfekten Telefonistin» (1965). Bis in die 1990er-Jahre war der Lehrgang der Telefonistin nur für Frauen vorgesehen. Mit Werbebroschüren machte die PTT auf die Vorzüge dieses Berufs aufmerksam. Bild: PTT-Archiv, Tele-168_0004:01_1965.  

 

 

Amazon auf Analog


Beim Auftragsdienst konnte man unter der Nummer 145 persönliche Bestellungen aufgeben. «Wenn beispielsweise im Restaurant Bären das Bier ausgegangen war, die Brauerei aber schon geschlossen hatte, riefen wir im Auftrag des Restaurants am nächsten Morgen dort an und gaben die Bestellung auf. Das nannte man lagernde Telefonmeldung. War man nicht daheim, konnte der Auftrag erteilt werden, dass die Anrufe zum Auskunftsdienst umgeleitet werden – eine Art outgesourcte Combox.

 

Die Schweiz war in sogenannte «Kreistelefondirektionen» eingeteilt. Bei einem Wohnortswechsel beispielsweise von Luzern nach Zürich konnte man bei diesem Dienst über die Nummer 113 eine neue Telefonnummer beantragen. «Die Arbeit bei der Kreistelefondirektion wurde sehr oft von blinden oder sehbehinderten Personen ausgeführt», erinnert sich Barbara Beyeler. Die Seeländerin arbeitete ab 1973 als Telefonistin bei der PTT und ist noch heute bei der Nachfolgefirma Swisscom: «Wenn ich mit einem Anrufer telefonierte, hätte ich mir oft gewünscht, zu sehen, was er gerade macht: Vielleicht lag er in der Badewanne oder im Bett?».

 


«Es hanget!»

 

«Während der Telefonistenausbildung liefen wir Quartierstrassen in Zürich ab, damit wir uns als telefonische Wegweiser besser zurechtfanden», weiss Ines Siciliano zu berichten. Die Zürcherin fing 1965 bei der Nummer «11» an und wechselte 1972 ins Fernamt. «Weil ich computeraffin war, durfte ich 1995 beim Start von ‹the blue window› – später bluewin – dabei sein und die ersten technischen Auskünfte geben.» 2008 beendete sie nach über 40-jähriger Tätigkeit für die PTT und ihre Folgefirmen die Berufslaufbahn.

 

 

Telefonistin Ines Siciliano, 1967. Bild: zVg.  

 

Heute organisiert sie gemeinsam mit drei ehemaligen Kolleginnen Telefonistinnentreffen: «Da kommen bis zu 100 Personen zusammen», sagt sie und lacht. Auf der von ihr entwickelten Website tel-treff.ch lässt sie an den Erfahrungen teilhaben.

 

 

1/7 «Ihr Telefon ist mehr als ein Telefon»: Die Broschüre von 1976 zeigt, was damals alles in einem Telefon steckte. Illustrationen: Hans Moser.

2/7 Übers Telefon konnte man die aktuellsten Nachrichten ebenso abhören ...

3/7 ... wie den neusten Wetterbericht. Illustrationen: Hans Moser.

4/7 Bevor es das Internet gab, erfuhr man aktuelle Börsenkurse am Telefon. Illustrationen: Hans Moser.

5/7 Für Notrufe ist das Telefon auch heute noch die Nummer 1. Illustrationen: Hans Moser.

6/7 Als die zweistelligen Dienstnummern nicht mehr ausreichten, wurden dreistellige Dienstnummern eingeführt. Illustrationen: Hans Moser.

7/7 Sogar Radio wurde damals über das Festnetztelefon gehört. Illustrationen: Hans Moser.

1/7 «Ihr Telefon ist mehr als ein Telefon»: Die Broschüre von 1976 zeigt, was damals alles in einem Telefon steckte. Illustrationen: Hans Moser.

 

 

Man erfährt beispielsweise, welche internen Codes die Telefonistinnen verwendeten: «Es hanget!», rief jeweils die «Oberaufsicht», wenn ein Anrufer in der Warteschlange steckte. Bei Verbindungen, welche über die neutrale Schweiz liefen, wie bei Anrufen von Russland nach Israel, kamen ihr, die fliessend Englisch, Französisch und Spanisch spricht, ein paar Brocken Russisch zugute. «Auch eine Verbindung nach Rumänien klappte einmal erst, als ich auf Russisch nach dem Genossen – Towarischtsch – Soundso verlangte!» Während des Libanonkriegs hörte sie gar einmal im Hintergrund Maschinengewehrsalven.

 

 

Angesehener Beruf


Bereits 1958 wurde eine Taxe von 20 Rappen pro Auskunft eingeführt. Die Telefonistin konnte diese selbst mit einem Impuls verrechnen – allerdings nur, wenn sie eine befriedigende Auskunft zu geben wusste. Sogar die einstige Cheftelefonistin Marlies Stark bekundete mit der durch Zeit- und Spardruck veränderten Beziehung zwischen Anrufer und Telefonistin Mühe: «Wenn der Beruf noch der gleiche wäre wie damals, würde ich ihn wieder wählen. So wie er sich entwickelt hat, aber eher nicht.»

 

 

Telefonbuch 1959/1960: Die Dienstnummern wurden jeweils auf den ersten Seiten der Telefonbücher aufgeführt. Bild: PTT-Archiv, P-260-1_1959-1960:5.

 

 

Astrid Leupi absolvierte nach dem für die Ausbildung obligaten Welschlandaufenthalt die «111-Lehre», wie sie sagt. «Der Telefonistenberuf war früher sehr angesehen und auch gut bezahlt», erklärt die Aargauerin. Durch die vielseitigen Auskunftsdienste habe sie sich ein enormes Allgemeinwissen angeeignet und sei immer auf dem aktuellen Stand gewesen, was kulturell gerade laufe. Mit den heutigen Arbeitsbedingungen bei Callcentern sei das nicht zu vergleichen. Einen etwas ernüchternden Einblick in den Telefonistenberuf der 1980er-Jahre liefert hingegen die Sendung «SRF Wissen» vom 6. März 1980.

 

«Damals arbeiteten noch keine Männer bei uns», erklärt Marlies Stark. Die wenigen, die später dazustiessen, seien meistens nicht lange geblieben. Der unregelmässige Dienst mit Abend- und Nachtschichten sei schon belastend gewesen. «Und dann war das bei 30 Telefonistinnen im selben Raum manchmal schon ein ziemliches Geschnatter. Aber daran konnte man sich gewöhnen», sagt Marlies Stark. Bei der PTT ausgebildete Telefonistinnen seien in der Privatwirtschaft sehr gefragt gewesen und oft abgeworben worden.

 

 

Wenige Dinosaurier-Nummern überlebten


Erinnern Sie sich an den Telefonalarm? Per Kettentelefon rief jeder Schüler – oder das Mami oder der Papi – das nächste Gspänli auf der Liste an. Um mitzuteilen, dass die Lehrerin krank ist oder das Diktat ausfällt. Das gab es auch im grösseren Rahmen: Für die sogenannten «regionalen Meldungen» standen bei der PTT die Telefonnummern 180 bis 189 zur Verfügung. Dort konnte der Sportverein informieren, ob die geplante Wanderung am Wochenende nun stattfindet – oder ins Wasser fällt. Und der Bauer im Berner Seeland auch mal, dass seine Erdbeeren nun reif sind. Informationen über Ausstellungen regionaler Bedeutung erhielt man über die Nummer 188.

 

Erstaunlicherweise ist dieser Dienst trotz E-Mail und WhatsApp immer noch in Betrieb. Allerdings nicht mehr als dreistellige Nummer: Über 0900 801 600 kann man aber noch immer seine ganz persönliche niederschwellige Nachricht hinterlegen. Überlebt haben bis heute auch der Wetterdienst 162, die Verkehrsauskunft 163 sowie Auskünfte über Sport und Lotto über Nummer 164 sowie die Sprechende Uhr Nummer 161. Bis heute wehren sie sich erfolgreich gegen digitale Konkurrenten wie die freundliche «Siri».  

 

 

Noch 1978 wurden die Anpassungen im Telefonbuch von Hand gemacht. Bild: PTT-Archiv, P-78-15_1978.  

 

 

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