Home-Office kommt bei den Schweizern gut an

Arbeiten im trauten Heim – Glück allein?

Wer ein oder zwei Tage pro Woche zu Hause statt im Büro arbeitet, spart sich den Arbeitsweg und ist produktiver. Einige Erfahrungsberichte.

Claire Martin (Text), Mark Henley (Fotos), 24. Juni 2016

«Im Büro wird man ständig unterbrochen. Entweder kommt jemand rein, das Telefon klingelt oder es findet eine Sitzung statt. Der Grossteil meiner Arbeit besteht im Verfassen von Texten. Das geht am besten ganz in Ruhe bei mir zu Hause.» Die gebürtige Amerikanerin Colleen Monney ist als Marketingmitarbeiterin für die Hotelfachschule in Glion an der Waadtländer Riviera tätig. Sie wohnt in Estavayer-le-Lac und arbeitet zwei Tage pro Woche zu Hause, wo sie sich mit dem Intranet der Schule verbinden kann.

 

 

Colleen Monney schätzt die zwei Tage Home-Office sehr.

«Home-Office eignet sich gut für Jobs, bei denen das Resultat zählt und nicht die Stunden, die man im Büro verbracht hat.»

Colleen Monney, Marketingmitarbeiterin

«Ich bin weiter weggezogen und schlug meinem Chef daher Home-Office vor. Er war einverstanden. Der Arbeitsweg vom neuen Wohnort wäre zu lang gewesen und ich hätte sonst kündigen müssen», erzählt die junge Mutter von zwei Kindern. «Home-Office eignet sich gut für Jobs, bei denen das Resultat zählt und nicht die Stunden, die man im Büro verbracht hat. Dass ich nur noch ein Tag pro Woche im Geschäft bin, ist überhaupt kein Problem.»

 

 

Alle nötigen Arbeitsinstrumente sind online verfügbar
 

Per Internet können Unternehmen und Mitarbeitende seit einigen Jahren jederzeit und überall auf alle benötigten Arbeitsinstrumente zugreifen – auch von zu Hause aus. Zwei Klicks in Skype oder Google Hangouts, und die Videokonferenz steht. Eine Gratisanmeldung bei Dropbox und das ganze Team kann auf Dokumente zugreifen. Für die Echtzeit-kommunikation gibt es Chat-Programme wie den Facebook-Messenger. Und das Projektmanagement lässt sich mithilfe von Programmen wie Basecamp erledigen.

 


Auch öffentliche Orte wie Hotellobbys können so zum Arbeitsplatz werden.  

 

 

Blaise Reymondin ist seit 2012 freischaffend als Fachmann für digitale Kommunikation tätig und meint: «Mehrere Studien haben gezeigt, dass das Open-Space-Prinzip die Produktivität steigert. Mit den heutigen Technologien hat man die nötigen Informationen ortsunabhängig stets zur Hand. Ich habe mir zu Hause einen Arbeitsplatz eingerichtet, aber ein externes Umfeld beflügelt mich noch mehr. Ich mag die Atmosphäre von Hotellobbys. Man kann dort einen Kaffee trinken und ein bis zwei Stunden voll konzentriert arbeiten.»

«Zu Hause arbeitet man viel produktiver.»

Blaise Reymondin, Fachmann für digitale Kommunikation

 

Coworking-Space Les Voisins in Genf.   

 

 

Coworking-Spaces sind im Trend

Das Coworking ist eine weitere Form von Home-Office, die sich wachsender Beliebtheit erfreut. Auch Regen Lab, ein 2001 von Antoine Turzi gegründetes Biotechunternehmen, das neue Zelltherapien für die Behandlung von Arthrose entwickelt, setzt auf diese Arbeitsform.

«Ich finde Home-Office eine gute Sache, aber mir gefällt die Vorstellung nicht, dass unsere Mitarbeitenden daheim arbeiten.»

Carlo Turzi, stellvertretender Geschäftsführer von Regen Lab

Der Produktspezialist Marc Moghbel nutzt den Coworking-Space Les Voisins in Genf. «Ich bin immer unterwegs. Wenn ich für Meetings nach Genf muss, kann ich gleich in der Stadt bleiben und mir Wege sparen, das schätze ich sehr. Ich möchte nicht in meiner Wohnung in Aubonne arbeiten. Es würde mir schwerfallen, dort effizient zu sein.»

Carlo Turzi, stellvertretender Geschäftsführer von Regen Lab und Sohn des Gründers, fügt hinzu: «Les Voisins dient uns sehr, es ist gleich beim Bahnhof und nahe beim Spitalzentrum gelegen, mit dem wir zusammenarbeiten. Ich finde Home-Office eine gute Sache, aber mir gefällt die Vorstellung nicht, dass unsere Mitarbeitenden daheim arbeiten. Mir ist es lieber, sie tun dies in einem spezifischen Rahmen, der die übliche Infrastruktur sowie eine Büroatmosphäre bietet.»

 

 

Gemäss der Sotomo-Studie «Vernetzte Schweiz 2016» würden 45 % der Befragten mit langem Arbeitsweg gerne mehr zu Hause arbeiten.

 

 

Auch die Grossunternehmen fördern Home-Office

 

Bei den grossen Schweizer Arbeitgebern scheint Home-Office gut anzukommen. Sieben Unternehmen – Microsoft Schweiz, die Mobiliar, die Post, die SBB, Swisscom, die SRG und Witzig The Office Company – haben 2015 eine gemeinsame Charta der internationalen Initiative Work Smart unterzeichnet. Gemäss der Idee der Charta sind Mitarbeitende von Unternehmen, die Ziele definieren statt physische Präsenz zu verlangen, produktiver und kreativer. Zudem lässt sich der Pendlerstrom zu Stosszeiten laut einer Studie im Auftrag von Work Smart um 13 % reduzieren.

 

 

Die Gewerkschaften warnen

Doch die Gewerkschaften dämpfen die Begeisterung. Die Unia weist darauf hin, dass die flexibilisierte Arbeit, die auf Vertrauen beruht und auf Distanz ausgeübt wird, zum Stressfaktor werden kann. Ein solcher Arbeitsrahmen kann erhöhten Druck und Überlastung nach sich ziehen. Die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben verwischen, und oft werden stillschweigend Überstunden geleistet.

 

 

Home-Office nimmt zu
 

Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Deloitte vom vergangenen Februar arbeitet über ein Viertel (28 %) der Schweizer Bevölkerung regelmässig von zu Hause aus. Gleichzeitig entstehen immer mehr Coworking-Spaces. Waren es 2014 noch um die dreissig, ist ihre Zahl inzwischen auf etwa fünfzig angestiegen und dürfte gemäss Deloitte weiter wachsen.

 

Deloitte-Studie unter Arbeitsplatz der Zukunft

 

 

 

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