Kolumne: Kathrin Buholzer

Die 24-Stunden-Überwachung

Sie versprechen vermeintliche Sicherheit und können gegenseitiges Vertrauen nicht ersetzen: GPS-Tracker für Kinder. Kolumnistin Kathrin Buholzer hält nichts von digitalen Überwachungsmethoden.

Kathrin Buholzer (Text), Milan Hofstetter (Illustration), 18. Mai 2017

Früher hatte ich mal so ein kleines, lustiges Ding, das man am Schlüsselbund befestigen konnte. Man musste nur pfeifen, und schon gab es einen Alarm-Ton von sich, so dass man hörte, wo der Schlüssel liegen geblieben war.
Theoretisch.

 

Meistens lag der Schlüssel irgendwo in einer Schublade, unter einem Kissen, in der Sporttasche, im Wäschekorb oder steckte noch draussen an der Türe – und man konnte pfeifen, bis einem die Luft ausging. Alarm hörte man keinen.

 

Ich wähnte mich also nur ganz kurz in Sicherheit und merkte schnell: Ich muss mir einfach merken, wo ich meine Schlüssel hinlege, sie gut im Auge behalten oder sie immer am gleichen Ort versorgen.

Ich habe immer gedacht: Schlüssel zu verlieren ist der grösste Horror, den man sich nur vorstellen kann. Bis wir Kinder bekamen.

Warum ich euch das erzähle? Schon der Gedanke, dass ich meine unzähligen Schlüssel (unter anderem auch von Schulhäusern, einem Jugendtreff, einem Kursraum) verlieren könnte, trieb mir den Schweiss auf die Stirn. Ich habe immer gedacht: Schlüssel zu verlieren ist der grösste Horror, den man sich nur vorstellen kann. Bis wir Kinder bekamen.

 

Wer selber welche hat, der weiss: Ein paar Sekunden im Einkaufszentrum nicht aufgepasst – und Schwupp, weg sind sie. Da fühlt man sich, als hätte einem jemand den Boden unter den Füssen weggezogen, das Herz rast, man ist kurz vor dem Hyperventilieren und einer Ohnmacht nahe. Man stellt sich die schlimmsten Szenarien vor: Die Kinder verschleppt in einem schwarzen Lieferwagen oder eingesperrt in einer einsamen Hütte. In den allermeisten Fällen stehen sie aber dann beim Spielzeugregal, bei den Süssigkeiten oder beim Kundendienst, wo sie von einer netten Mitarbeiterin getröstet werden.

 

Wer seine Kinder dort abholt, wird nicht selten mit Blicken des Todes gestraft. Blicke die sagen wollen: «He Sie! Sind sie noch bei Trost, Ihr Kind einfach so aus den Augen zu verlieren?»

 

Bei grösseren Veranstaltungen mit vielen Menschen war die Angst, das Kind zu verlieren, jeweils noch grösser. Was also tun? Diese Veranstaltungen entweder meiden, das Kind die ganze Zeit angeschnallt im Kinderwagen lassen (viel Spass, wenn man ein sehr lebendiges, aufgewecktes, aktives Kindlein hat!), ihm ein kleines, hübsches «Safety-Armbändchen» mit der Handynummer der Eltern am Handgelenk befestigen oder die Nummer einfach auf den Arm des Kindes kritzeln?

Wir waren jeweils schon ein bisschen besorgt, dass nichts passiert, aber wir waren nicht panisch.

Als die Kinder etwas grösser waren, haben wir ihnen jeweils vor dem Besuch einer Veranstaltung oder eines Stadtbummels gebetsmühlenartig eingeschärft, dass sie:
a.) bei Mama und Papa bleiben sollen.
b.) uns die Hand geben sollen.
c.) nur so weit von uns weggehen dürfen, dass sie uns noch im Blickfeld haben.
d.) falls sie uns plötzlich aus den Augen verlieren, sofort zu Punkt XY gehen und dort warten sollen.

 

Wir waren jeweils schon ein bisschen besorgt, dass nichts passiert, aber wir waren nicht panisch. Wir haben sie nicht überbehütet, sondern ganz einfach mit ihnen Regeln besprochen und uns gemeinsam mit den Kindern auf die Situation vorbereitet. Das klappte ganz wunderbar. Kein Kind ging je längere Zeit verloren, wir wussten stets, wo sie waren und wir konnten so gegenseitiges Vertrauen aufbauen.

 

Trotzdem kann man als Eltern die Angst nicht ganz beiseiteschieben. Und genau mit dieser Angst und Unsicherheit wird heutzutage das grosse Geschäft gemacht: GPS-Tracker heisst das Zauberwort. Es gibt sie als kleine, quadratische Geräte, als Armbanduhr in peppigen Farben. Die Eltern haben die volle Kontrolle und können jederzeit schauen, wo sich ihr Kind gerade aufhält. Ein Ortungssystem kann jederzeit den Standort des Kindes bestimmen und dieses kann sogar im Notfall einen Alarmknopf drücken, der Benachrichtigungen aussendet.

 

Die Frage ist einfach, ob man als Eltern in der realen Beaufsichtigung nicht nachlässiger wird. Man weiss ja: Der GPS-Tracker ist eingeschaltet, alles ist in Ordnung. Ich muss ja nicht aktiv nachschauen, ob das Kind noch dort ist, wo ich es das letzte Mal gesehen habe.

Es wird vielleicht angezeigt, dass sich das Kind noch immer an der Dorfbühlstrasse befindet, dabei ist es schon längstens im Kindergarten angekommen.

So sicher kann man sich aber dann doch nicht immer sein. Wenn man in geschlossenen Räumen, zum Beispiel an einer Messe, in einem Supermarkt oder auch an einem Strassenfest sein Kind aus den Augen verliert, ist das GPS-Tracking oft zu wenig genau und funktioniert nicht einwandfrei. Es wird vielleicht angezeigt, dass sich das Kind noch immer an der Dorfbühlstrasse befindet, dabei ist es schon längstens im Kindergarten angekommen und die Eltern telefonieren schon panisch mit der Kindergärtnerin. Zu viel Überwachung kann paranoid machen. Und wer wirklich ein Kind entführen will, der wird wohl als erstes den Rucksack, die Schultasche oder die Uhr entsorgen.

 

Wichtig ist es, die Kinder immer wieder zu sensibilisieren, dass sie sich an die Abmachungen halten, dass sie sich vorher melden, wenn sie schnell zu einer Kollegin oder einem Nachbarskind gehen wollen. Kinder müssen auch ein Gespür für Zeit entwickeln, wissen, wann sie zu Hause sein müssen. Das funktioniert am besten mit einer normalen Uhr.

 

Es gibt einige Dinge, die ich mir wohl heute kaufen würde, wären meine Kinder noch klein. Ein GPS-Tracker gehört aber definitiv nicht dazu.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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