Kolumne: Kathrin Buholzer

Bitte nicht anklicken!

Kathrin Buholzer, 13. Oktober 2016

«Hereinspaziert meine Damen und Herren, kommen Sie und besuchen Sie unser Schreckenskabinett! Rovena, die Schlangendame mit dem biegsamen Körper, der dicke Raul mit den zwei Köpfen, der kleine Jean-Louis und Mathilda, die Frau ohne Gesicht, lassen Sie erschaudern. Bonjour Mesdames et Messieurs, hereinspaziert! Sie werden es nicht bereuen.»

 

Jahrelang hat eine sonore Stimme auf dem Rummelplatz in St. Tropez diese Attraktionen im kleinen braunen Zelt hinter dem Auto-Scooter, angekündigt. Mit einer Mischung aus Abscheu, Ekel und Neugier sind wir Kinder immer um dieses Zelt herumgeschlichen und haben uns gefragt, wie die Frau ohne Gesicht und der Mann mit dem Elefantenkörper wohl aussehen.

«Nein, für so etwas zahlen wir kein Geld, wir ergötzen uns nicht am Leid von anderen Menschen!»

«Nein, für so etwas zahlen wir kein Geld, wir ergötzen uns nicht am Leid von anderen Menschen.» Das war immer das Credo meiner Eltern. Reingehen durften wir also nicht. So blieb es jahrelang nur bei der Neugier und dem Versuch, vielleicht doch mal einen Blick auf die «Rummelplatz-Attraktionen» zu erhaschen.

 

Irgendwann mal haben wir dann doch unser Taschengeld zusammengelegt und uns ein Ticket fürs «Gruselkabinett» – so der Titel dieser Attraktion – gekauft. Die Eltern waren natürlich nicht dabei, dafür wir mittendrin. Auch wenn wir wussten, dass wir mit dem Geld besser noch eine Zuckerwatte gekauft hätten, glotzten wir uns durch die «Menschen-Show».

Diese Zirkus-Shows sind zum Glück längst ausgestorben, doch leider haben sie dem Clickbaiting Platz gemacht, das heute in den meisten Online-Zeitungen an der Tagesordnung ist.

Genau so schnell wie wir drin waren, waren wir auch wieder draussen. Erschrocken sind wir nicht unbedingt von dem, was wir dort sahen, sondern viel mehr von unserem eigenen Voyeurismus. Diese Zirkus-Shows sind zum Glück längst ausgestorben, doch leider haben sie einer neuen Art von «Hereinspaziert-und-schau-was-ich-dir-Unglaubliches-zu-zeigen-habe» Platz gemacht: Clickbaiting nennt sich das heute und ist in den meisten Online-Zeitungen und Magazinen an der Tagesordnung.

 

Das Rezept ist ganz einfach, ähnlich wie früher bei der Menschen-Show: Such dir ein paar Leute mit einem traurigen Schicksal (die Geschichte kann auch schon uralt sein, spielt keine Rolle), nimm ein ganz schreckliches oder trauriges Bild und schreib eine knackige Überschrift dazu, wie zum Beispiel: «Was dieser Junge alles ertragen musste, ist unglaublich, bis etwas ganz Wunderbares passierte ...»

Die Leute werden sich darüber aufregen, die Geschichte noch mehr weiterverbreiten und den Online-Magazinen damit wunderbare Klickzahlen generieren.

Oder: «Was die Mutter hier macht, wird dieses Kind sein Leben lang nicht vergessen ...» Du kannst dir sicher sein, dass die Leute dir die Bude ... äähm, die Webseite einrennen werden. Am allerbesten ist es, wenn du noch ein verwackeltes Video einbindest, auf dem man das überfahrene Pony, den Zusammenstoss mit dem Zug oder die ohnmächtige Grossmutter hinter dem Haus sieht.

Es ist wie bei der «Menschen-Show» auf dem Rummelplatz: Den Kopf schütteln, aber trotzdem reingehen.

Die Leute sind ganz wild darauf, sie werden den Artikel liken und mit einem «OMG-Smiley» auf ihren Facebook-Profilen und in ihren Lieblingsgruppen teilen. Sie werden schreiben, wie schrecklich doch diese Bilder sind und dass man das arme Kind doch den Eltern wegnehmen müsste. Sie werden sich darüber aufregen, die Geschichte noch mehr weiterverbreiten und den Online¬-Magazinen damit wunderbare Klickzahlen generieren. Es ist wie bei der «Menschen-Show» auf dem Rummelplatz: Den Kopf schütteln, aber trotzdem reingehen.

 

Ich bin auch reingegangen, damals mit etwa 15 Jahren. Und ich schäme mich noch heute dafür. Ich habe auch schon diese Videos und Artikel geklickt – die Neugier hat schon einige Male über die Vernunft gesiegt. Und ich bin nicht unbedingt stolz drauf. Denn genau damit verhelfen wir den Online-Zeitungen zu noch mehr Klicks und suggerieren ihnen: «Oh ja, das gefällt uns! Wir wollen mehr davon!»

 

Es darf nicht sein, dass Menschen auf der Strasse nicht mehr Hilfe holen oder den Hilfskräften im Weg stehen, weil sie Handyvideos drehen.


Es darf nicht sein, dass Zeitungen diese «Einzelschicksals-Videos» dann in ihre Artikel einbinden, um die Klickzahlen nach oben zu treiben und dadurch höhere Werbeeinnahmen generieren, sprich mehr Kohle verdienen können.

 

Also: Am besten gar nicht in die «Menschen-Vorführ-Show» reingehen. Oder anders gesagt:


Bitte nicht anklicken!

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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