Kolumne: Kathrin Buholzer

Liebe Telefonkabine

Kathrin Buholzer, 1. September 2016

Was ich dich schon lange fragen wollte:
Gibt es eigentlich noch Leute, die dich benutzen?
Sag schon. Gibt es die tatsächlich?

Wenn ja, sind das die Smartphone-Verweigerer? Oder die Smartphone-Junkies, die ihren Ersatz-Akku zu Hause vergessen haben und dich nur als «Notnagel» benutzen, weil es halt nicht anders geht?

 

Es muss schwer für dich sein, denn früher wurdest du umschwärmt und es bildeten sich lange Schlangen vor deiner Tür. Zum Beispiel in den Sommerferien. Besonders ab 21 Uhr, wenn der ganze Campingplatz vom günstigeren Tarif profitieren wollte und man sich schon eine halbe Stunde vorher einen Platz in der Kolonne sichern musste.

 

Wie die heutigen Hardcore Fans: Schlange stehen und warten für ein Telefon ...


Man stand dann als Nummer 17 hinter einem Italiener und einem Deutschen und rechnete heimlich aus, wie lange es ungefähr dauern wird, bis man endlich an die Reihe kommt:
«Also wenn jeder nur 3 Minuten telefonieren würde (was ja recht unwahrscheinlich ist) dann ... Oh, mein Gott, dann stehe ich hier ja fast eine Stunde!»

 

Damit man nach einem Telefonat nicht gleich komplett pleite war, liess man sich von seinem Schatz jeweils zurückrufen – und das dauerte meist ein kleines bisschen: «Wie geht schon wieder die Vorwahl für Frankreich? Wart, ich muss schnell was zum Schreiben holen ...»
Die bösen Blicke der Wartenden hab ich heute noch in Erinnerung.

 

 

 

 

Du warst unsere letzte Rettung, wenn wir den letzten Zug verpasst haben oder wenn unser Date nicht am abgemachten Ort erschienen ist. Wir haben dann einfach die Eltern des Angebeteten angerufen und erklärt, wo wir jetzt warten und dass sie das doch bitte Andi, Reto oder Dänu weiterleiten, falls die ebenfalls anrufen und nach uns fragen würden. Es war etwa ähnlich kompliziert wie heute, wenn man mit jemandem via WhatsApp abmachen will ...

Du wurdest oft als Fumoir missbraucht, vor allem im Winter, wenn es saukalt war.

Wir waren froh um dich, wenn es nach einem Konzert geregnet hat und wir wieder mal den Schirm vergessen haben. Da haben wir uns einfach in eine Kabine gequetscht und gewartet bis der Zug kam. Manchmal haben wir auch geknutscht und so. Aber nur kurz. Denn meistens stank es bei dir drin ziemlich übel. Nach Schweiss oder nach kaltem Zigarettenrauch zum Beispiel. Du wurdest nämlich auch oft als Fumoir missbraucht, vor allem im Winter, wenn es saukalt war.

 

Oder auch als Toilette. Aber daran erinnerst du dich sicherlich noch Bestens. Deshalb haben wir auch immer zuerst die Türen geöffnet und kurz reingeschnüffelt. In die Kabine, in der es am wenigstens stank, haben wir uns dann reingewagt.

 

Immer dann, wenn man dringend eine Telefonnummer gebraucht hat, war natürlich die entsprechende Seite in den dicken, schweren Telefonbüchern rausgerissen. Oder irgend so ein Spassvogel hat mit schwarzem Filzstift obszöne Wörter und Witzchen über die Seiten gekritzelt.


Im Sommer war’s mörderisch da drin. Locker über 40 Grad, es bestand immer die Gefahr zu kollabieren, das Sommerkleidchen klebte nach ein paar Sekunden am Körper und eigentlich konnte man nur telefonieren, wenn man die Türe offen liess. Und den Telefonhörer getraute ich mich nie an mein Ohr zu halten, aus hygienischen Gründen ...

Die ganz Mutigen tippten wahllos eine Nummer irgend einer Telefonkabine in der Schweiz ein, in der Hoffnung, dass jemand den Hörer abnimmt.

Einige von uns haben auch immer wieder das lustige Telefonspielchen gespielt. Erinnerst du dich? An einer Party haben die ganz Mutigen wahllos eine Nummer irgend einer Telefonkabine in der Schweiz eingetippt. Natürlich haben immer alle gehofft, dass jemand zufälligerweise in der Nähe ist und den Hörer abnimmt. Am Lustigsten waren die Nachtschwärmer, die schon ein paar Bierchen intus hatten, gar nicht verstehen konnten, warum jetzt plötzlich das Telefon klingelt und das dann auch lautstark und lallend zum Ausdruck gebracht haben.

 

Ja, wir hatten viel Spass mit dir damals. Auch dann noch, als man nicht mehr mit Kleingeld, sondern mit Taxkarten bezahlen konnte. Ein paar ganz Verrückte haben die sogar gesammelt, und die Karten mit den ganz speziellen Sujets auf dem Schulhof teuer verkauft. Seit meiner Smartphone-Zeit hab ich dich leider nur noch einmal besucht. Du weisst sicherlich auch warum?
Genau, der Akku war leer.

 

So, und jetzt wünsche dir noch einen schönen Lebensabend. Mach es dir ein bisschen gemütlich, hast ja lange genug schuften müssen. Und wenn du dann vielleicht irgendwann endgültig von dieser Erde gehen musst, dann sei nicht traurig:
Du wirst immer in unserer Erinnerung und in unseren Herzen bleiben.
Alles Gute.

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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