Kolumne

Schlumpfenkaraoke aus dem Kinderzimmer

Kathrin Buholzer, 3. März 2016

Habt ihr Kinder? Dann werdet ihr bestimmt auch immer mal wieder mit Dingen konfrontiert, die wir nicht oder nicht mehr so ganz verstehen. Je älter der Nachwuchs wird, umso mehr solcher «Kopfschüttel-Momente» gibt es nämlich.

 

Zum Beispiel wegen ihrer Kleider- oder Musikvorlieben, den Schwärmereien für gewisse YouTube-Stars oder dem ständigen «Ich muss noch rasch ein Foto für Snapchat machen.»

Vielleicht hört ihr dann aus ihrem Kinderzimmer merkwürdige Musik. Songs, die so klingen, als hätte sie Papa Schlumpf persönlich aufgenommen.

Snapchat, das ist diese Social-Media-App, die irgendwie nur die Teenies wirklich verstehen. Oder fragt mal einen Erwachsenen, ob er euch die App mit dem gelben Hintergrund und dem weissen Gespenst genau erklären kann. Eben!

 

Falls eure Kinder demnächst wieder «snapchatten» oder sagen, dass sie Hausaufgaben machen, steht mal leise vor ihrer Zimmertür. Vielleicht hört ihr dann aus ihrem Kinderzimmer merkwürdige Musik. Songs, die so klingen, als hätte sie Papa Schlumpf persönlich aufgenommen.

Dann wundert euch nicht. Gut möglich, dass eure Kids der App Musical.ly verfallen sind.

 

 

 

So sieht das aus, wenn Musical.ly-User ihre Lippen bewegen. Video: Youtube/TopClips247

Musical.ly hat mehr mit Selbstdarstellung als mit Singen zu tun. Eine Art Karaoke, nur ohne Gesang. 

«Oh! Etwas mit Musik und Singen, das hört sich doch gar nicht so schlecht an. Wenigstens mal etwas Vernünftiges», werdet ihr jetzt vielleicht denken. Nun, Musical.ly hat eigentlich mehr mit Selbstdarstellung als mit Singen zu tun. Man singt nämlich nicht, sondern bewegt nur die Lippen und versucht sich dabei optimal in Szene zu setzen.

Eine Art Karaoke, nur eben ohne Gesang. Und das Schlimmste daran: Die meisten Songs, die man auswählen kann, klingen wie Mickey Mouse, die Schlümpfe und die Chipmunks zusammen, sprich: Die Stimmen sind dermassen hochgepitcht, dass alle, die das Erwachsenenalter erreicht haben, ganz schnell das Weite suchen. «Wenn ihr es gut macht, dann habt ihr schnell mal ein paar Hunderttausend Follower oder mehr.»

«Hä? Und was genau soll daran jetzt lustig sein?», werdet ihr euch vielleicht fragen. Die Lippen bewegen, den Kopf wild hin und her schütteln, dazu ein paar coole Moves machen und das Ganze dann mit der Musical.ly-App hochladen, das ist alles?

Jawohl, das ist alles. Und wenn ihr es gut macht, dann habt ihr schnell mal ein paar Hunderttausend Follower oder mehr. Denn auch hier gilt: Sammle möglichst schnell, möglichst viele Fans. Dann bist du wer, und alle finden dich toll. Es gibt bereits einige Musical.ly-Millionäre, also Kinder und Teenager, die mehr als eine Million Follower haben.

 

Und so singen und grooven sie sich tagein tagaus durch die Kinderzimmer, machen Duckfaces, verdrehen die Augen, wippen mit den Köpfen, machen ein paar sexy Moves und bewegen möglichst synchron ihre Lippen zu Jason Derulo und Co. Und eigentlich möchten alle nur eins: Berühmt werden. Und zwar möglichst schnell.

 

Ja, es gibt auch ein paar Erwachsene, die sich mehr oder weniger peinlich auf Musical.ly selber darstellen. Manche sogar zusammen mit ihren pubertierenden Teenagern. Meine Töchter haben mir letztens ganz ungläubig und voller Entsetzen ein paar Musical.ly-Muttis jenseits der 40-er Grenze gezeigt.

«Oh mein Gott, schau mal Mama! Gell, das würdest du niemals tun?» Nein, da müssen sie sich keine Sorgen machen. Ich bleib beim altmodischen Twitter und bei Facebook. Singen tu ich – wenn schon – nur in der Badewanne oder im Auto. Dann aber richtig, mit Stimme und so.

 

Und ganz laut.

 

 

 

Kathrin Buholzer

Für Storys beobachtet die Journalistin, Betreiberin der Elternseite elternplanet.ch und Mutter von 2 Kindern unsere alltäglichen Überforderungen im Umgang mit den neuen Medien und den digitalen Möglichkeiten.

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