Kolumne: Michael In Albon

Ferien: Willkommen auf Inter-Island-net

Heutzutage ist gutes WLAN etwas vom Wichtigsten in den Ferien. Michael In Albon fragt sich, wie man die ständige Erreichbarkeit und Familienferien kombinieren kann.

Michael In Albon, 15. Juni 2017

«Besuchen Sie das Ferienresort ‹Inter-Island-net› und geniessen Sie das Beste zweier Welten! Erleben Sie die schönsten Sonnenuntergänge, und das bei voller WLAN-Abdeckung. Bleiben Sie weg und jederzeit in Kontakt mit Ihren Freundinnen und Freunden zuhause.»  

 

So ungefähr träumen heutzutage unsere Teenager von Ferien. Der WLAN-Zugang bildet dann einen Anker zu den eigenen Freunden, bei denen man tausendmal lieber wäre, als jetzt mit Papa ein Museum zu besuchen oder mit Mama eine Kirche zu besichtigen. Argh, wie öde, dabei sitzen meine BFFs [Best friends forever, Anmerkung meines Göttibubs] jetzt gerade im Strandbad und chillen ab. «Aber wenigstens bin ich part of it, weil ich ihre Insta-Posts verfolge und kommentiere.»

Wenn das Smartphone und die sozialen Medien einen Strich durch die Rechnung machen, was bringen dann noch gemeinsame Ferien?

Familienferien heissen nicht ohne Grund so: Die Familie soll ihre Verbundenheit zelebrieren, ausserhalb des alltäglichen Trotts, den Reizen einer neuen Umgebung folgend. Und wenn das Smartphone und die sozialen Medien dem hehren Plan mit Pieps und Klingelings einen Strich durch die Rechnung machen, was bringen dann noch gemeinsame Ferien?  

Die digitalen Medien unterstellen uns, dass wir in der Freizeit gleichzeitig auch arbeiten können.

Generell geht es um Fokus. Um Achtsamkeit. Selbst Frauen können nur eine Sache aufs Mal tun, auch wenn der Volksmund ihnen die Fähigkeit des Multitasking zuschreibt. Unser Gehirn kann sich immer nur auf einen Gedanken konzentrieren. Freilich, wir können mehr oder weniger schnell vom einen Thema zum anderen wechseln und wieder zurück. Aber dennoch: Man muss sich entscheiden, wem (oder was) man seine Aufmerksamkeit schenkt.

 

Die digitalen Medien unterstellen uns, dass wir in der Freizeit gleichzeitig auch arbeiten können. Oder dass wir im Ausgang in der Bar auch noch mit Freunden am anderen Ende der Stadt quasseln können. Oder dass wir den Tisch abräumen und zugleich Chat-Nachrichten absetzen können. Fakt ist: Wir könnenʼs nicht.

 

Die Orientierung auf einem Strassennetz mit nichtlateinischen Schriftzeichen überfordert einige von uns, wenn wir nicht das Handy zücken können.

Gerade in den Ferien soll jeder seine Insel der Entspannung finden. Das gilt für den übermüdeten Vater und die gestresste Mutter ebenso wie für die pubertierende Tochter und den von der Frauenwelt begehrten Sohn. Wenn Ferien ihren Zweck erfüllen sollen, dann müssen sie für jeden was hergeben.

 

Und jetzt kommt der schwierige Teil: Das Smartphone zuhause zu lassen, wird diesem Ziel nicht gerecht. Schlechte Laune wird sich breitmachen. Das Foto von Papas Sonnenallergie wird fehlen, und die Orientierung auf einem Strassennetz mit nichtlateinischen Schriftzeichen überfordert einige von uns, wenn wir nicht das Handy zücken können.

 

Die Smartphones dürfen also mit auf die Reise. Zugleich müssen sie in ihre Schranken gewiesen werden. Mehr als im Alltag. Denn der Fokus soll auf seinen Liebsten sein. Dass dazwischen ein Game gespielt werden kann, dass man einmal pro Tag mit seinem Schatz telefonieren kann, dass man Oma die ersten Eindrücke mit «aussagekräftigen» Schnappschüssen übermittelt, das muss alles Platz haben. So zumindest werde ich es dieses Jahr mit meinen Kindern versuchen. Auch wenn sie noch keine Freundin haben. Hoffʼ ich wenigstens.

 

 

 

 

Medienkompetenz-Experte

 

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25'000 Personen teilnehmen. Informationen zu Medienerziehung bei Swisscom gibt es unter Medienstark.

 

Nutzungsbedingungen

Vielen Dank für Ihren Beitrag. Wir publizieren Leserkommentare von Montag bis Freitag.