Kolumne: Reda El Arbi

Die Filterblase

Schränken Soziale Medien und das Internet unseren Horizont ein? Mitnichten, sagt Autor Reda El Arbi, und plädiert für mehr Selbstverantwortung.

Reda El Arbi, 6. Dezember 2016

«Facebook zeigt nur gefilterte Inhalte und hat so die Wahlen in den USA beeinflusst», hiess es in den letzten Wochen. Oder: «Google zeigt nur Sachen, die nach Auswertung der Daten zu dem User passen.»

 

«Das Magazin» stellte sogar den Mann vor, der den «Big-Data-Zauber» erfunden haben soll, mit dem Trump zum Präsidenten gemacht wurde. Zitat: «Der Psychologe Michal Kosinski hat eine Methode entwickelt, um Menschen anhand ihres Verhaltens auf Facebook minutiös zu analysieren. Und verhalf so Donald Trump mit zum Sieg.» Die Firma, Big-Data-Unternehmen Cambridge Analytica, die den Algorithmus zur Wählerbeeinflussung verkauft, hat inzwischen Aufträge aus aller Welt.

 

Kurz: Die sozialen Medien und die vernetzten Suchmaschinen würden unsere Wahrnehmung in nachteiliger Weise beeinflussen und wir seien Opfer einer grossen Theateraufführung. Wir seien den Bildern, in der uns diese Internetgiganten als Geisel hielten, ausgeliefert. Der Vorwurf von Gehirnwäsche und Einflussnahme steht im Raum.

Wer daraus ein Weltbild oder eine Wahlentscheidung ableitet, hat kein Problem mit Facebook oder Google, sondern eins mit seiner Medienkompetenz.

Das ist natürlich Schwachsinn. Eine sauberere Analyse im Blog des WDR entzaubert aber das Märchen vom Datenschlüssel zur Macht. Um nur ein Beispiel zu zitieren: «Wenn die Dienstleistung von Cambridge Analytica aber so gut ist, wie das Unternehmen behauptet – warum ist Ted Cruz dann nicht der neue Präsident? Schliesslich konnte er zu einer Zeit auf die Analyseergebnisse zurückgreifen, zu der Donald Trump es noch nicht tat. Vielleicht liegt es auch daran, dass Cambridge Analytica seine Versprechen nicht erfüllen konnte – und deshalb von Ted Cruz‘ Wahlkampfteam mitten in der Kampagne fallengelassen wurde.»

 

Klar, die Algorithmen der Suchmaschinen und des Facebook-Feeds passen sich den präsentierten Inhalten unserer bisherigen Nutzung des Angebots an. Facebook zeigt uns häufiger Themen und Inhalte, die wir bereits geliked haben. Google schaut, für was wir uns bisher interessierten und präsentiert Suchergebnisse in diesem Themenbereich. Das ist als Dienstleistung gedacht, um in den Milliarden Inhalten eine Auswahl zu treffen, die uns am Ehesten entspricht.

Warum soll ich als Waffengegner unbedingt an eine Waffenmesse? Jep. Ich habe Waffenbilder gepostet.
Und nicht mal das funktioniert, wenn man sich mal die Werbeanzeigen anschaut, die aufgrund ähnlicher Analysen eingespielt werden. Oder warum soll ich als Waffengegner unbedingt an eine Waffenmesse? Jep. Ich habe Waffenbilder gepostet.

 

Wer sich daraus aber ein Weltbild oder eine Wahlentscheidung ableitet, hat kein Problem mit Facebook oder Google, sondern eins mit seiner Medienkompetenz. Diese Plattformen haben nicht die Aufgabe, uns zu zeigen, wie die Welt aussieht. Sie sind Dienstleistungsplattformen, deren Angebot uns Unterhalten oder das Leben angenehmer machen sollen. Es sind keine journalistischen Plattformen und Titel.

Wer nur ein Format liest, muss sich nicht beschweren, wenn er ein einseitiges Bild der Welt entwickelt.

Früher hatte man meist eine Zeitung abonniert, schaute vielleicht im TV eine Nachrichtensendung. Und je nach Wahl des Mediums bekam man auch eine bestimmte Weltsicht in die Stube geliefert. Man hielt sich trotzdem für umfassend informiert.

 

Heute hat man Zugriff auf alle Medien dieser Welt. Bewusste Mediennutzer lesen nicht mehr eine Zeitung, sind nicht mehr einem Titel treu, sondern informieren sich zu den einzelnen Themen auf den verschiedensten Plattformen. Wer nur ein Format liest, muss sich nicht beschweren, wenn er ein einseitiges Bild der Welt entwickelt.

Sobald wir uns auch mit Menschen mit abweichenden politischen Meinungen vernetzen, erweitert sich der Horizont.

Noch schlimmer, wenn man sich sein Weltverständnis gemäss seiner eigenen Facebook-Wall zusammenzimmert. Das zeigt, wie fest man sich selbst in eine Blase hüllt. Wenn man nur mit Menschen verkehrt, die sowieso der gleichen Meinung sind, kann Facebook nichts dafür. Sobald wir uns auch mit Menschen aus anderen sozialen Schichten, mit abweichenden politischen Meinungen und mit anderen Lebensumständen vernetzen, erweitert sich auch der Horizont.

 

Zu behaupten, die Schuld einer einseitigen Weltsicht liege bei Anbietern im Web, entmündigt den User. Wer sich sein Weltbild aus diesen Plattformen bildet, ist selbst schuld.

 

Information ist eine Holschuld. Von privaten Unternehmen zu erwarten, dass sie ein umfassendes, ausgewogenes Weltbild transportieren, ist naiv und unangemessen.

 

Wir sind selbst für unser Weltbild verantwortlich.

 

Netzfunde

In seinem virtuellen Fundbüro stellt Autor und Blogger Reda El Arbi Schätze aus, die er täglich im Social Web findet.

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