Kolumne

Status ist alles

Reda El Arbi, 22. Februar 2016

Das neue iPhone kommt bald, das siebte inzwischen. Und natürlich hab ich mir Gedanken darüber gemacht, es zu kaufen. Weil … ja, wieso eigentlich?

Mit meinem alten (das letzte neue) kann ich alles, was ich brauche. Eigentlich hätte ich schon mit dem vorherigen Modell alles gekonnt. Schliesslich sind seither die Jobanforderungen nicht gestiegen, die Menge an Daten, Mails und Telefonaten kann das neue (alte) oder das neueste iPhone nicht schneller bewältigen als die Generation davor. Denn: Meine Nutzungsgewohnheiten begrenzen meine Produktivität, nicht etwa die Technik. Trotzdem ist da der Reiz, das Neueste unbedingt besitzen zu müssen.

Früher waren es die Uhren. Man hätte eine Plastikuhr für 25 Franken kaufen können, die einem verlässlich die Zeit verrät und vielleicht nach drei Jahren den Geist aufgibt. Stattdessen kauft man sich eine 5000-fränkige Uhr, die drei Zeitzonen anzeigt (man geht nach Spanien in die Ferien, und bei der Reise nach Asien will man sie nicht mitnehmen, sie könnte ja geklaut werden), mit der man bis 30 Meter tauchen kann (also könnte, wenn man würde) und die so schwer ist, dass man wegen der schiefen Haltung noch die Kosten für den Physiotherapeuten dazurechnen muss.

Früher waren Autos der Inbegriff von Status. Heute denkt man bei einem teuren Sportwagen nur noch «Der hats aber nötig!»

«Aber das ist Qualitätsarbeit! Die hält ein ganzes Leben!» Nun ja, für 5000 Franken könnte ich mir 200 billige Uhren kaufen, die insgesamt eine Lebenszeit von 600 Jahren aufwiesen. Also, es geht nicht um Qualität, es geht um Status.

 

 

 

 

Nachdem ich mir bewusst geworden bin, dass ich auch nicht immun gegen Statussymbole bin, hab ich mich in meinem Umfeld umgesehen. So einfach ist das gar nicht, in einem urbanen, mitteleuropäischen Umfeld noch Statussymbole zu haben. Zum Beispiel Autos: Früher waren sie der Inbegriff von Status. Heute denkt man bei einem teuren Sportwagen nur noch «Der hats aber nötig ... ». Bei einem Motorrad denkt man nicht «Wow!», sondern «Midlife-Crisis». Und bei Uhren dasselbe. Je teurer, desto kleiner das Selbstwertgefühl des Trägers. Diese Beurteilung ist eine Folge der ganzen psychologischen Weisheit, mit der wir uns von Facebook und TV berieseln lassen.

Bis vor Kurzem waren Reisen in fremde Länder noch ein Statement über den eigenen Wert. Dieser Lebensstil hatte die letzten 50 Jahre sogar einen eigenen Begriff: «Jetset». Nun kann man aber mit Billigstfluglinien für den Preis einer Tasse Kaffee von Stadt zu Stadt hoppen, was der Exklusivität Abbruch tut. Und fliegt man nach Übersee, rümpfen die Freunde die Nase über den unnötigen ökologischen Fussabdruck, den man in der Natur hinterlässt. Zu Recht, übrigens.

Das nahende oder überstandene Burnout ist ein Zeichen von Status. Man trägt Stress wie eine noble Uniform, die dem Umfeld klar macht, wie überaus gefragt die eigene Person ist.

Was wirklich noch Status bedeutet, ist Zeit. Nicht wie früher, als man mit viel Freizeit beweisen konnte, dass man reich ist. Sondern man muss über möglichst wenig Zeit verfügen. Wer keine Zeit hat, ist wichtig. Das nahende oder überstandene Burnout ist ein Zeichen von Status. Man trägt Stress wie eine noble Uniform, die dem Umfeld klar macht, wie überaus gefragt die eigene Person ist.

Nur: Vieles davon ist Show. Wären wir wirklich alle so ausgelastet und wichtig, hätten wir mit unserem Einsatz bereits alle anstehenden Probleme des Planeten gelöst. Wir tun so, als ob wir ungeheuer beschäftigt wären und messen unserer Leistung, ohne die die Welt kein bisschen ärmer wäre, einen hohen Wert zu.

Und genau dazu brauchen wir das neue Smartphone. Schliesslich müssen wir unsere Mails alle zehn Minuten checken und sollten dazu auch das neueste Equipment haben, das unserem Status gerecht wird. Auch wenn wir damit nur Spam löschen und auf Facebook-Likes für unsere Kinder- oder Katzenföteli warten.

 

 

 

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