Kolumne

Kinder im Internet schützen? Ja, aber vor wem?

Bernhard Imboden, 11. Dezember 2015

Kürzlich wohnte ich einem Elternabend der 5. Klasse meiner Tochter bei. Das Thema «Kinder und digitale Medien» liegt mir als selbsternannten Digitalphilosophen am Herzen. Manchmal auch auf dem Magen.

Wie schütze ich mein Kind im Haifischbecken Internet? Wie lange darf es darin baden, ohne digitale Schwimmhäute zu bekommen? Welche Direktiven gelten in anderen Familien? Ich freute mich auf eine lebhafte Diskussion.

Im Medienzimmer fand ich zu meiner Verblüffung keine Computer vor, sondern die Kulisse für ein Theater. Dabei sind es für mich längst nicht mehr Bretter, welche die Welt bedeuten, sondern Twitter, Facebook, Instagram & Co. Die Stühle im Raum füllten sich nur wenig. Wo bin ich hier gelandet und warum? Ich war sauer, verbummelte ich wegen diesem Anlass immerhin ein Europa-League-Spiel «meines» FC Sion. Rasch lotete ich allfällige Fluchtmöglichkeiten aus, bevor ich mich brav wie ein Messdiener hinsetzte.

Jedes Kind, das honigsüss auf Facebook gestellt wird, könnte schon morgen breit von einem Werbeplakat grinsen.

Vieles, was ich zu hören bekam, wusste ich bereits. Es gab aber auch Raum für neue Erkenntnisse. Am Ende des Abends schlurfte ich mit folgenden Merksätzen nach Hause:

Erstens: Das Smartphone ist kein «Hüetimeitschi». Wenn zukünftig ein anderes Kind um unser WLAN-Passwort bettelt, damit es mit meiner Tochter im gleichen Zimmer chatten kann, verfrachte ich beide umgehend auf den Spielplatz.

Zweitens: Auch eine 11-Jährige hat das Recht auf Privatsphäre. Ich muss damit aufhören, Philip Maloney nachzueifern und heimlich ihr Handy auszuspionieren.

Drittens: Stattdessen werde ich vermehrt Erfahrungen mit ihr austauschen, um sie vor Fremden, Kriminellen und Pädophilen zu schützen. So werde ich ihr unter anderem empfehlen, das Schiessen und Versenden von Nacktbildern einschlägigen Politikern zu überlassen.

Wir wurden bestens sensibilisiert, Kinder gegen Gefahren von aussen zu schützen. Was aber ist mit Gefahren von innen? Sind es nicht oft die Eltern selber, die ihre Kinder auf Social Media wirksam in Szene setzen? Ein paar Tage nach dem Elternabend druckte der «Blick am Abend» einen Tweet von mir ab. Ungefragt. In aller Deutlichkeit wurde mir vor Augen geführt, dass unsere eigenen digitalen Inhalte nirgendwo geschützt sind. Jedes Kind, das honigsüss auf Facebook gestellt wird, könnte schon morgen breit von einem Werbeplakat grinsen. Ungefragt.

 

Am Elternabend habe ich es folglich versäumt, eine wichtige Frage zu stellen: Wer schützt eigentlich die Kinder vor ihren Eltern? Vielleicht frage ich mal bei den Cracks nach, die dem Abend fern geblieben sind.

 

 

 

Bernhard Imboden

Als Marketing Writer/Texter bei Swisscom schreibt Bernhard Imboden über Erlebnisse in der digitalen Welt aus Sicht eines Kommunikationsprofis. Er ist Heimweh-Walliser, Vater und Fan des FC Sion. Nebenbei engagiert er sich im Vorstand von ProRaris für seltene Krankheiten.

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