Kolumne

Von wegen cool

Stefan Nünlist, 27. August 2015

Es war einer dieser schon fast beängstigend heissen Sommertage. Meine spontan kennengelernte Zugsbegleitung verabschiedete sich in Bern mit der beiläufigen Bemerkung: «So! Jetzt gehen Sie sicher ins Büro, dort haben Sie dann mehr Platz, und kühler ist es auch.»

Es war nicht die Bemerkung selbst, die mich stutzig machte. Sondern die Tatsache, dass sie nicht als Frage formuliert war. Es schien also für eine fremde Person völlig selbstverständlich zu sein, dass man als Swisscom-Manager ein grosses, klimatisiertes Büro belegt. Punkt. Vielleicht, so malte ich mir aus, stellt man sich dann vor, wie ich morgens in meinem weichen Ledersessel versinke und mir von Fräulein Müller ein eisgekühltes Wasser bringen lasse. Tja, 15 Minuten und 35 Grad Innentemperatur später erschien mir das wie ein Traum. Ich blickte mich um im Grossraumbüro, wo ich mir einen der freien Tische ergattert hatte. Neben mir hatte sich an diesem Tag eine Lernende hingesetzt, gegenüber erspähte ich meine Assistentin. Sie kühlte sich ihre Stirn gerade mit einer kalten Mineralwasserflasche aus dem Automaten. Der übrigens auch mir durstlöschend zur Seite steht – wenn ich ihn mit einem Franken und 30 Rappen darum bitte.

Um es vorwegzunehmen: Bei Swisscom hat kaum einer ein eigenes Büro, und die wenigsten Räume sind klimatisiert. Selbst unser CEO verzichtet auf ein cooles Einzelzimmer und schwitzt gemeinsam mit der übrigen Belegschaft. Und das ist nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr gesund. Es ist eine oft vergessene, menschliche Kehrseite des flexiblen und ortsunabhängigen Arbeitens. Räume schaffen Grenzen, zementieren Hierarchien, schliessen aus. Wenn wir aber anfangen, uns zu durchmischen und zu öffnen, dann erschaffen wir uns ganz neue Perspektiven. Das iPhone war massgeblich geprägt von Beobachtungen auf dem Spielplatz. Facebook von zufällig mitgelauschten Gesprächen in der Mensa. Aber mir ist keine einzige Vision bekannt, die einem Firmenchef im Einzelbüro einfiel. Wo er aufstand, auf die schwere Tischplatte schlug und rief: «Frau Müller, zum Diktat! Ich muss ein Patent anmelden.»

Mir ist keine einzige Vision bekannt, die je einem Firmenchef im Einzelbüro einfiel.

Als ich an diesem Abend nach Hause fuhr, blickte ich doch etwas sehnsüchtig aus dem Fenster. Ich beobachtete die vielen Velo- und Töfffahrer, die dem Sonnenuntergang entgegen- und der schweren Stadtluft davonfuhren. Einer fiel mir besonders auf, weil er mit seinem Velo scheinbar spielend selbst Autos und Roller überholte. Fabian Cancellara? Nein, es war ein ganz gewöhnlicher Fahrer auf einem weissen E-Bike. Ein Stromer. Ich musste schmunzeln. Denn auch dieses Schweizer Gefährt hob ab, weil einer ganz am Boden blieb. Der Berner Bastler und Velofreak Thomas Binggeli pendelte zwischen dem heimischen Bauernhof und dem Silicon Valley – und irgendwo dazwischen, auf einem Rückflug, entstand die Idee: für ein Bike, das so individualisierbar und bedienbar wie das iPhone, aber so verlässlich wie ein Schweizer Chronometer ist. Auch hier: Hätte sich der schon damals erfolgreiche Velounternehmer in den Ledersessel gesetzt statt auf den Sattel geschwungen, es wäre nie so weit gekommen. Sollte ich dieses Jahr noch mal eine Hitzewelle im Büro erleben, werde ich mich genau daran erinnern und wissen: Es ist gut so, dass wir ins Schwitzen kommen.

 

Stefan Nünlist

Leitet die Unternehmenskom­munikation von Swisscom und reflektiert in seiner Kolumne den Alltag eines Topmanagers.

 

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