TAG Heuer lanciert eine intelligente Uhr

«Wir sind eine Vernunftehe eingegangen»

Ab und zu holt uns die Zeit ein. Genau das passierte im April 2015 mit dem Erscheinen der Apple Watch am damals noch blauen Himmel der Schweizer Uhrenindustrie. Storys hat sich mit Guy Sémon, Generaldirektor von TAG Heuer, über die vernetzte Welt von morgen unterhalten.

Laurent Seematter (Text), Eveline Perroud (Fotos), 22. Juni 2016

Im März 2015 verkündete TAG Heuer seine Partnerschaft mit Intel und Google, um eine Premium-Smartwatch zu kreieren. Bereits acht Monate später stellte TAG Heuer in New York ihre erste intelligente Uhr der Öffentlichkeit vor.

Herr Sémon, werden wir in zehn Jahren noch Uhren tragen?
Ja, wir werden noch Uhren tragen – und natürlich auch Schweizer Uhren! Die Frage ist, was für Uhren. Wir können den Fortschritt nicht bestimmen. Uhren werden in Zukunft mit Technologien ausgestattet sein. Und diese unausweichliche Entwicklung ist sogar vereinbar mit den Begriffen Luxus und traditionelle Uhrmacherkunst.

«Die anstehende Revolution wird viel tiefer sein als die Quarzeinführung.»

Wird die intelligente Uhr zum Massenphänomen oder bleibt sie ein Nischenprodukt für Geeks?
Die intelligente Uhr wird sich selbstverständlich zum Massenphänomen entwickeln. Im Moment stellen wir uns noch eine Smartwatch vor, die einem Computer am Handgelenk gleicht. Morgen aber wird sie etwas viel Delikateres und Subtileres darstellen. Wir haben eine verzerrte Vorstellung der Zukunft.



«Wir haben eine verzerrte Vorstellung der Zukunft.» (Guy Sémon)

 

 

Können Sie diese Idee ausführen?
Die anstehende Revolution wird viel tiefer sein als die Quarzeinführung. Wir wechseln nicht nur das Uhrwerk, sondern das Gesellschaftsmodell. Diese Änderung nicht sehen zu wollen, ist schon fast eine Form von Obskurantismus. In einer relativ nahen Zukunft wird die Uhr nur eines von zahlreichen vernetzten Geräten sein, die uns durchs Leben begleiten.

«Die grosse Schwierigkeit liegt darin, die emotionale Ebene des Handwerks mit der rationalen Ebene der Technologie zu vereinbaren.»

Bedeutet das, dass durch die digitale Revolution mechanische Uhren definitiv obsolet werden?
Die Uhrmacherkunst ist eine der wenigen Industrien, die eine jahrhundertealte Technik fortführt. Mit der mechanischen Uhr befinden wir uns näher an der Kunst und am Handwerk als an der Industrie. Aber das heisst noch lange nicht, dass vernetzte Uhren die mechanischen Uhren ersetzen werden. Die grosse Schwierigkeit liegt darin, die emotionale Ebene des Handwerks mit der rationalen Ebene der Technologie zu vereinbaren.

 

 

Besteht also für das traditionelle Uhrmacherhandwerk ein Risiko?
Ja, wir werden wahrscheinlich erleben, wie sich gewisse Berufe unter dem Einfluss der Elektronik verändern. Deshalb haben wir entschieden, uns auf dieses Abenteuer einzulassen und hier in La Chaux-de-Fonds unsere vernetzten Uhren zusammenzubauen. Diese neuen Uhrengenerationen werden auch neues Know-how verlangen, wie zum Beispiel in den Bereichen der Elektronik, der Software und des Webdesigns.

 

 

Guy Sémon mit der ersten vernetzten Uhr, die von der Uhrenmanufaktur TAG Heuer hergestellt wird.

 

 

In Bezug auf Ihre Kooperation mit Intel und Google hat Jean-Claude Biver, Verantwortlicher Uhrengeschäft bei LVMH, von einer Ehe zwischen der Schweiz und Kalifornien gesprochen. Wie läuft diese Dreiecksbeziehung?
Es gibt Liebes-Ehen und Vernunftehen. Wir sind eine Vernunftehe eingegangen, denn unsere kalifornischen Partner und wir haben ein gemeinsames Ziel: Die Schaffung des zukünftigen vernetzten Geräts für das Handgelenk. Es war am Anfang gar nicht so einfach, die richtigen Partner zu finden. Wir werden sehen wie sich der Markt entwickelt.

«Alle grossen Projekte sind sowieso grenzüberschreitend. Es ist nicht nötig, alles selber herstellen zu wollen.»

Aufgrund dieser Kooperation haben Ihnen einige Ihrer Konkurrenten vorgeworfen, Sie hätten in Kalifornien Technologien geholt, die eigentlich in der Schweiz vorhanden sind (CSEM, EM Microelectronic Marin).
Die Schweiz verfügt über Technologie-Kompetenzen, die sie in der Welt der vernetzten Geräte einsetzen kann. Aber es wird für sie schwierig sein, eine globale Elektronik-Industrie aufzubauen, die bereits jetzt von Playern wie Samsung, Sony, LG oder Apple dominiert wird. Alle grossen Projekte sind sowieso grenzüberschreitend. Es ist nicht nötig, alles selber herstellen zu wollen.

 

 

Für Guy Sémon ist es denkbar, dass die vernetzte Uhr das Smartphone ablöst.

 

Ist es nicht riskant, auf die Verknüpfung der vernetzten Uhr mit dem Smartphone zu setzen? Immerhin haben gewisse Experten das baldige Verschwinden des Smartphones schon angekündigt.
Die vernetzte Uhr von morgen könnte das Mobiltelefon tatsächlich ablösen und direkt mit Datenbanken und Servern in der Cloud kommunizieren. Die Telekomanbieter haben eine enorme Macht auf dem Markt – und es ist durchaus möglich, dass sie in Zukunft versuchen, Dienstleistungen für ein Gerät am Handgelenk zu verkaufen. Hingegen werden wir wahrscheinlich immer ein Tablet mit einem grösseren Bildschirm benötigen, um Informationen abzurufen.

 

 

 

 

Guy Sémon

1963 geboren in Pontarlier in der Region Franche-Comté, hat der Mathematik-Ingenieur und ehemalige Pilot der französischen Luftwaffe während mehr als sechs Jahren die Abteilung F+E von TAG Heuer geführt, bevor er Ende 2014 die Gesamtleitung der Firma übernahm.

 

 

TAG Heuer

Die 1860 gegründete Schweizer Uhrenmanufaktur verdankt ihren Ruf der Erfindung von hochpräzisen Chronographen. Sie gehört seit 1999 der französischen Gruppe LVMH, die im Luxusgeschäft tätig ist.

tagheuer.com

 

 

 

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