Digital Detoxing

Online-Entgiftung in 10 Schritten

Detoxing heisst Drogenentzug. Digital Detoxing meint dasselbe, allerdings nicht für Heroin, sondern fürs Handy. Lifestyle-Berater Jeroen van Roojien sagt, wie man mit Stil clean wird.

Jeroen van Rooijen, 18. November 2015

Es gibt einen Schnappschuss aus dem Rijksmuseum Amsterdam, der eine Gruppe Jugendlicher zeigt, die auf einer Bank sitzt und ganz auf Smartphones fixiert ist. Keines der Kids würdigt das Bild, vor dem sie sitzen – die «Nachtwacht» des niederländischen Meisters Rembrandt. Was genau die Jugendlichen auf ihren Geräten tun, bleibt ihr Geheimnis – auch der Fotograf – er heisst Gijsbert van der Wal – kann darüber nur rätseln.

 

Vielleicht googeln sie den Maler? Das Foto beschwört für die meisten Beobachter allerdings das Bild einer Generation herauf, die vor lauter digitaler Verlockungen kein Auge mehr für ihre reale Umwelt hat. Es ist zum Symbol geworden für eine Zeit, in der die Menschen beginnen, nach Gegenstrategien suchen, um der digitalen Permanenz zu entkommen. Digital Detoxing verspricht einen Suchtentzug für gestresste Gadget-Sklaven, die sich nach einer Offline-Auszeit sehnen.

 

 
ZEHN SCHRITTE ZUR ONLINE-ENTGIFTUNG:

 

 

Schritt 1: Gift und Galle entsagen

 

Seien Sie kein Troll. Ein solcher kommentiert böse, hetzt gegen Minderheiten und stänkert, wo es nur geht. Gewöhnen Sie es sich deshalb an, bei Anzeichen von Unmut erst mal an der frischen Luft spazieren zu gehen, statt in die Tastatur zu hämmern. Die Welt ist auch ohne Shitstorms, Dissing und Bashing abartig genug.

 

 

Schritt 2: Facebook in die Schranken weisen

 

Das soziale Netzwerk ist der grösste Zeitfresser unserer Zeit. In der Summe verdaddeln wir viel zu viel Zeit. Glücklicher macht es uns nicht, wie neue Studien anzeigen. Schiessen Sie die App also einfach mal ab. Schluss mit Selfies. Posten sie mal ein paar Tage gar nichts – und ganz gewiss keine alltäglichen Banalitäten.

 

 

Qualität statt Quantität gilt für die Auswahl der Freunde in den sozialen Netzwerken.  

 

 

Schritt 3: sich von falschen Freunden trennen

 

Qualität statt Quantität heisst die Devise – trennen Sie sich in ihren Netzwerken von Zufallsbekanntschaften, stummen Spähern und weit entfernten Satelliten-Freunden-von-Freunden. Misten Sie einmal im Monat rigoros aus und löschen Sie dabei mindestens zwei Prozent der Kontakte. Ihre Timeline wird dadurch attraktiver.

 

 

Schritt 4: Multitasking zurückfahren

 

Die Hirnforschung weiss, dass wir zwar einen Supercomputer unter der Schädeldecke haben, dieser aber – anders als elektronische Betriebssysteme – nicht optimal läuft, wenn gleichzeitig viele Programme geöffnet sind. Versuchen Sie nicht, alle Bälle aufs Mal in der Luft zu halten – das gehört in den Zirkus.

 

 

Schritt 5: Sport ohne digitales «Reporting»

 

Es ist verlockend, seine Jogging-Runden mit einer App aufzuzeichnen und die Heldentat nach dem Workout mit der Community zu teilen. Aber macht es Ihr Training auch besser? Laufen oder radeln Sie mal wieder, ohne Zeit, Kalorienverbrauch und Höhenmeter zu messen. Vielleicht fällt Ihnen dann sogar die prachtvolle Natur auf?

 

 

Joggen geht auch ohne Kilometer, Höhenmeter und Puls zu messen.  

 

 

Schritt 6: keine Gadgets zwischen den Laken

 

Schlafforscher stellen fest, dass es der Nachtruhe nicht zuträglich ist, wenn man kurz vor dem Einschlafen noch das grelle Licht von Computer-, Tablet- und Smartphone-Screens an seine Netzhaut lässt. Der zwischenmenschlichen Spannung tut das elektrische Zeug im Bett auch keinen Gefallen.

 

 

Schritt 7: Mails nicht dauernd checken

 

E-Mails müssen nicht sofort beantwortet werden. Viele erledigen sich auch, wenn man sie eine Weile liegen lässt. Richten Sie sich darum feste Zeitfenster ein, in denen Sie digitale Post bearbeiten. Schliessen Sie das Postfach danach wieder, um nicht dauernd von neu eintreffenden Nachrichten abgelenkt zu sein.

 

 

Schritt 8: Bewahren Sie den Anstand!

 

Ob es nun E-Mails oder SMS sind – nehmen Sie sich vor, Nachrichten nicht in absoluter Kurzform, sondern mit etwas Esprit zu formulieren. Dazu gehören anständige An- und Abreden, bei E-Mails auch Absender. Wenn es stressig oder schwierig wird, besser zum Telefon greifen als mit Groll etwas in die Tasten zu hauen.

 

 

Mit den Händen zu arbeiten, kann stimulierend wirken.  

 

 

Schritt 9: sich ein Handwerk aneignen

 

Je digitaler wir werden, umso stimulierender ist es, etwas Handwerkliches zu tun. Stricken, Häkeln, Nähen, Zeichnen, Malen, Modellieren, Gärtnern, Schreinern, Schnitzen, Bierbrauen oder Kochen – es gibt viele manuelle Tätigkeiten, die sogar ein greifbares Produkt abwerfen. Im besten Falle lässt sich damit dann online prahlen …

 

 

Schritt 10: Aus und weg!

 

Wussten Sie, dass Ihre Mobilgeräte eine Offline-Funktion haben? Sie ist meist gut versteckt, lohnt sich aber, entdeckt zu werden! Nach einer Eingewöhnungsphase die Dauer der Auszeiten steigern. Schliesslich kommt man zur Königsklasse: Tage- oder wochenweise abtauchen, ohne erreichbar zu sein. Der grösste Luxus, den man sich heute denken kann.

 

 

Digitale Stilfragen

Jeroen van Rooijen ist Stil-Kolumnist und Buchautor («Die Stilregeln», «Hat das Stil?»), kleidet sich gerne gut, telefoniert nur widerwillig, macht gerne Selfies und arbeitet regelmässig für die «Neue Zürcher Zeitung».

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