Gerd Leonhard über die Digitalisierung der Wirtschaft





Interview Gerd Leonhard

«Die totale digitale Transformation ist unvermeidbar»


Wer heute nicht bei der digitalen Transformation mitmacht, wird weggefegt, meint Zukunftsforscher Gerd Leonhard. Warum es sich lohnt, auf menschliche Eigenschaften wie Neugier, emotionale Intelligenz und kritisches Denken zu setzen.


Jörg Rothweiler




Herr Leonhard. Alle Welt redet von der digitalen Transformation. Wann wird diese Realität?


Gerd Leonhard: Sie ist bereits in vollem Gang, wir stehen am Scheitelpunkt. Überall wird transformiert, Technologie explodiert exponentiell. Das Internet der Dinge, Big Data, Fintech, Blockchain, künstliche Intelligenz – die Industrie 4.0 entsteht jetzt, in diesem Moment. Fast jede Bank baut ihren Robo-Advisor, die grossen Mineralölkonzerne seilen sich aus dem Ölbusiness ab, die grossen Branchen stecken mitten im Shift.



Was bedeutet das für die Unternehmen?


Technologie entwickelt sich rasend schnell, immer neue Plattformen schaffen neue Modelle, Regeln und Realitäten. Die Herausforderungen und auch die Gelegenheiten sind riesig. Aktuell dreht sich alles um Effizienz. Alles, was geht, wird automatisiert, roboterisiert und virtualisiert. Der Mensch stört. Er ist langsam und teuer, verhindert höhere Gewinne. Die repetitiven, nicht kognitiven Arbeiten verschwinden als erste.


Wie werden Unternehmen fit für die Zukunft?


Sie müssen neugierig sein und bereit bleiben. Wer schlau ist, denkt und handelt hybrid. Er führt fort, was heute gut ist – und richtet sich parallel dazu neu aus, für das, was kommt. Wer dafür weder Zeit noch Raum schafft, stirbt. Das traditionelle Fernsehen und der Rundfunk verschlafen diese Veränderungen leider immer noch sehr. Und ich denke, auch mindestens eine grosse deutsche Automobilfirma wird den Shift wohl nicht überleben.


Welche Technologien haben in den kommenden Jahren entscheidenden Impact?


Künstlich intelligente Maschinen, die ‚denken’ und lernen können und zu «Natural Language Understanding» fähig sind. Sie lösen die Grenze zwischen Technologie und Mensch auf, werden uns verstehen, komplexe Fragen beantworten und perfekt übersetzen können. Passend dazu wird es ganz neue Interfaces geben wie z.B. Voice-Control und Brain-Computer Interfaces. Auch selbstfahrende Elektrofahrzeuge und die Solarenergie werden sich dramatisch schnell durchsetzen. Zudem wird sogenanntes Predictive Analytics bald perfekt funktionieren. Fragt sich nur, ob wir dran glauben werden –oder sollten

Gerd Leonhard

Gerd Leonhard ist Gründer und CEO der «The Futures Agency Gmbh, Futurist, Strategie-Berater, Keynote-Speaker, Zukunftsberater und Autor. Der Wahlschweizer wurde am 17. April 1961 als Sohn eines Försters in Bonn geboren, lebte viele Jahre als Jazzgitarrist und Internet-Unternehmer in den USA.


«Die digitale Transformation bietet grosse Chancen. Sie wirft aber auch ethische Fragen auf»


Gerd Leonhard, Gründer und CEO der «The Futures Agency Gmbh, Futurist, Strategie-Berater, Keynote-Speaker, Zukunftsberater und Autor



Sollten wir das nicht?


Die totale digitale Transformation ist unvermeidbar. Wer dies nicht realisiert könnte sehr bald irrelevant sein. Es geht hier aber eben nicht nur um Technologie, sondern um Ethik, um Werte, Sinn und Kontext. Eine wichtige Frage wird sein: «Was wollen wir den Maschinen übergeben – und was nicht?» Lügendetektoren mit Gesichts- und Emotionalitätsdetektion funktionieren bereits jetzt perfekt. In den USA sagten Computer bei Tests das Rückfallrisiko von Straftätern, die entlassen werden sollen, genauer vorher als Richter. Und viele HR-Abteilungen vertrauen bei der Kandidatenauswahl heute schon auf Software. Doch alleiniges Vertrauen auf Algorithmen birgt immer mehr Gefahren, z.B. der Diskriminierung. Oder, dass jemand nie mehr eine Chance auf einen Job erhält. In den USA stehen Zigtausende auf No-Flight-Listen – ohne zu wissen, wie sie jemals auf diese kamen.


Davon habe ich noch nie gehört…


Die wenigsten ahnen, welche Blüten die Digitalisierung schon heute treibt. In absehbarer Zukunft werden wir teils mit Haarsträuben erkennen, was schon alles möglich ist. People Analytics, der erste gentechnisch veränderte Mensch, aus Schweineorganen gezüchtete Ersatzteile für Menschen – all das wird ganz sicher kommen. In zehn Jahren werden manche Maschinen einen IQ von 50´000 haben und die Rechenleistung eines Computers wird eine Million Mal grösser sein als heute. Daten sind bereits heute das neue Öl. In der Cloud werden die Datenmengen nicht nur explodieren – sie werden fusioniert und analysiert. Und mit diesem globalen Gehirn wird irgendwann der erste Daten-Fukushima kommen - etwa, wenn die Gesundheitsdaten (samt DNA Analyse) von 100 Millionen Menschen «aus der Cloud fallen».


Was passiert dann?


Spätestens dann werden wir entscheiden müssen, was digitalisiert und automatisiert werden soll – und was nicht, und wer genau dieses Daten-Öl kontrolliert. Diese Regulierung ist längst überfällig. Die Macht der Technologie- und Medienkonzerne, respektive von deren Plattformen, ist riesig – und zum Grossteil unkontrolliert. In den USA agieren die Konzerne unter den nach dem 11. September 2001 erlassenen Notstandsgesetzen, in China unter dem völligen Disrespekt vor Privatsphäre. Beidseits bricht ein immer tieferer Canyon zu Europa auf.


Was muss sich ändern?


Wir sollten uns fragen, wer die zukünftige «Mission Control for Humanity» sein soll – momentan ist sie ja ganz sicher in Silicon Valley! Es ist deswegen die Aufgabe der Politik, aber auch der Unternehmen, für die richtige Balance zwischen Mensch und Technologie und für effektiven Datenschutz in diesem neuen Zeitalter der intelligenten Maschinen zu sorgen. Als Konsumenten und ‚User’ brauchen wir mehr Kontrolle und eine neue «digitale Ethik».


Und wenn diese Regulierung klappt – was bringt die Zukunft dann?


Das ganze Leben transformiert sich, aber nur Effizienz zu wollen, ist auch viel zu kurz gedacht. Nach ihr wird eine neue Stufe erreicht: die «Rehumanisierung». Wir werden hypereffizient und voll vernetzt sein. Datennutzung wird wie Wasser, Hardware zu Software und Software zu Intelligenz. Vieles, was derzeit immer teurer wird – Gesundheit, Ausbildung, Energie – wird dann endlich billiger werden können. Klinische Studien werden zu 90% in der Cloud stattfinden, Solarenergie wird Öl bedeutungslos werden lassen. Auch Ausbildung wird anders, holistischer, nachhaltiger und günstiger.


«Je mehr Aufgaben die Technologie übernimmt, umso wichtiger werden menschliche Skills wie emotionale Intelligenz.»



Und wir werden zu gläsernen Bürgern ohne Job?


Nein. Die Zukunft ist mehr als die lineare Fortsetzung der Gegenwart und Menschen sind eben keine Maschinen. Wir sind zwar ineffizient, langsam und teuer. Aber wir können vieles, was keine Maschine (hoffentlich) jemals können wird. Skills wie soziale und emotionale Intelligenz, Innovationskraft, kritisches Denken, Zweifeln und Kreativität bringen uns voran. Diese Talente müssen wir nutzen. Effizienz ist nicht alles und vieles, was heute als störend empfunden wird, wird in Zukunft entscheidend sein. Unternehmen tun gut daran, schon heute auf solche Fähigkeiten bei ihren Mitarbeitern zu achten und diese zu fördern. Und wir alle sollten überlegen, welche unserer Fähigkeiten nicht automatisiert werden können, und welche nicht Routine sind- denn sie sind essenziell für unsere persönliche Zukunft.


Es wird also alles gut?


Ich sage oft, dass die Zukunft besser ist als wir denken - sofern es gelingt, Technologie zu nutzen ohne selbst zu Maschinen zu werden. Zentral ist der Schutz unserer Menschlichkeit und der Privatsphäre. Ich gehe so weit, zu behaupten, dass wir irgendwann wohl einmal für diese bezahlen werden. So, wie Offline zu sein zum neuen Luxus wird. Privatsphäre ist ein Menschenrecht; nur im Privaten gibt es Geheimnisse, Zufälle, Entdeckungen und den freien Willen. All dies macht den Menschen aus – und erhebt ihn über die Maschinen.





Gerd Leonhard sprach Anfang November an der Swisscom Dialog Arena, dem grössten Grosskundenanlass der Schweiz, über Gelegenheiten und Herausforderungen in den nächsten 5 Jahren für Schweizer Unternehmen.
Video seines Auftritts und Präsentation


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