Elektronisches Patientendossier (EPD)

An der Technik wird's nicht scheitern


Ab Mitte 2018 sollen erste elektronische Patientendossiers (EPD) eröffnet werden können. Die Technik dafür wird bereit sein. Davon gehen die Verantwortlichen beim Bund nach ersten ausgiebigen Tests aus.


Text: Roger Welti, Bild: Raphael Schaller Photography, ©eHealth Suisse,





Es war ein Marathon der anderen Art, der in der letzten Septemberwoche in Köniz bei Bern stattfand. 1500 Meter Kabel, 100 Starter in 16 Teams aus 4 Ländern. Alle in einem einzigen Raum und mit einem gemeinsamen Ziel: Die Technologie für das elektronische Patientendossier (EPD) erstmals auf Herz und Nieren zu testen.


Je mehr Tests, desto mehr Erkenntnisse

"Projectathon" nannten die Veranstalter die vier Tage auf dem Gelände des Bundesamtes für Gesundheit. Die Anlehnung an einen Marathon war durchaus berechtigt. IT-Spezialisten unterschiedlicher Hersteller brauchten während den ausgiebigen Tests einen langen Atem und ihre ganze Konzentration. Pausen gab es zudem nur wenige, da in der verfügbaren Zeit möglichst viele Erkenntnisse gewonnen werden sollten.

«Wir haben die IT-Infrastruktur einer Stammgemeinschaft aufgebaut und betrieben, die künftig die Eröffnung und alle definierten Anwendungsfälle eines EPD ermöglichen wird», erklärt Tino Mahn, der das zehnköpfige Team von Swisscom Health anführte. Mit den Teams anderer Hersteller wurde dann eine Vielzahl von Use Cases durchgespielt. Unter anderem mussten Patienten oder Gesundheitsfachpersonen zweifelsfrei authentifiziert, Dossiers eröffnet und verwaltet, Zugriffsrechte getestet oder Dokumente zwischen Akteuren übertragen werden. Dabei galt es, nach genau definiertem Ablauf vorzugehen. «Ein Team von Schiedsrichtern überwachte die Tests und wertete diese aus», so Tony Schaller, technischer Projektleiter des Projectathons.

Beurteilt wurde dabei, ob die vorgegebenen Normen und so genannten Integrationsprofile eingehalten wurden. Diese IHE-Profile beschreiben Standards für den Datenaustausch im Gesundheitswesen. Weil gewisse Anforderungen des EPD mit den bisher international verfügbaren Standards nicht erfüllt werden konnten, mussten gewisse Profile vor dem Projectathon erst definiert werden. Je nach Erfolg eines Tests wurde dieser von den unabhängigen Schiedsrichtern als «verified», «partially verified» oder «failed» bewertet.

Im Vordergrund stand gemäss Tony Schaller die Interoperabilität der Systeme und der Erfahrungsaustausch unter den Teilnehmenden – nicht die Jagd nach möglichst vielen bestandenen Tests. Die Veranstalter publizieren daher auch keine Rangliste der Teams. Und trotzdem: «Wie viele Tests wir erfolgreich absolviert haben, ist natürlich ein Gradmesser dafür, wie weit unsere Lösungen fürs EPD bereits sind», sagt Tino Mahn.

Die Stammgemeinschaften

Behandlungsrelevante digitale Daten von Patientinnen und Patienten sind dezentral bei Ärzten, in Spitälern und bei anderen Leistungserbringern abgelegt. Über das elektronische Patientendossier (EPD) erhalten die Patienten Zugriff auf diese Daten und bestimmen, wem sie diese zugänglich machen wollen. Die Eröffnung und Verwaltung eines EPD ermöglichen so genannte Stammgemeinschaften, in denen sich Gesundheitsfachpersonen und deren Einrichtungen (z.B. Verbände oder Spitäler) sowie teilweise auch Kantone zusammenschliessen. Swisscom baut als Technologiepartnerin für Stammgemeinschaften in den Kantonen Zürich, Schaffhausen, Bern, Solothurn und Basel sowie für das Fürstentum Lichtenstein die für das EPD notwendige IT-Infrastruktur auf.





Swisscom Health als Know-how-Träger

Die Bilanz von Swisscom Health fällt sehr positiv aus. Die von ihr betriebene eHealth-Plattform für das EPD überzeugte in den insgesamt 29 durchgeführten Tests durch ihre Stabilität und Leistungsfähigkeit. Kleinere Unzulänglichkeiten konnten dank der Agilität des Teams rasch vor Ort behoben und sogleich erneut getestet werden. Insgesamt wurden nicht weniger als 26 Tests von unabhängiger Seite als «verified» beurteilt, drei als «partially verified». Damit war Swisscom Health an einem Sechstel aller erfolgreich absolvierten Tests beteiligt und lag damit bei 16 teilnehmenden Teams weit über dem Durchschnitt. «Die Qualitätssicherung für unsere EPD-Lösung hat ihr Ziel eindeutig erreicht», unterstreicht Thomas Bähler, Leiter eHealth von Swisscom Health. Mehr noch: «Wir wurden während der Tests klar als Know-how-Träger gesehen – und zwar nicht nur von den Veranstaltern, sondern auch von den anderen Teilnehmern.»


Auf gutem Weg zur Zertifizierung

Auch Projektleiter Tony Schaller stellt den Teilnehmern ein gutes Zeugnis aus. Das Niveau sei hoch gewesen, wenn man bedenke, wie wenig Zeit die Entwickler seit Publikation des Ausführungsrechts zum Bundesgesetz über das EPD gehabt hätten. «An der Technik wird die Einführung des EPD im kommenden Jahr ganz bestimmt nicht scheitern», ist Schaller überzeugt.

Bevor es soweit ist, müssen sich die EPD-Stammgemeinschaften aber zuerst vom Bund zertifizieren lassen. Hierfür wurden am Projectathon wichtige Hürden genommen. «Unsere guten Resultate am Projectathon zeigen uns und unseren Kunden, dass wir auf gutem Wege sind zu dieser Zertifizierung», sagt Thomas Bähler von Swisscom Health. In den nächsten Monaten werden alle Teilnehmer weitere Fortschritte in der Entwicklung ihrer Lösungen machen. Und 2018 trifft man sich vielleicht wieder. Denn dann soll es den nächsten Projectathon geben.


Der Projectathon


Das Bundesamt für Gesundheit (BAG), IHE Suisse und eHealth Suisse haben in der letzten Septemberwoche 2017 in Köniz bei Bern den EPD-Projectathon durchgeführt. Alle interessierten Personen und Organisationen konnten dort ihre IT-Systeme untereinander und gegen eine EPD-Referenzumgebung testen. So konnten sie sich auf den Praxiseinsatz für das elektronische Patientendossier vorbereiten, auch im Hinblick auf eine nachfolgende Zertifizierung gemäss EPDG.





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