Interview mit Ivan Büchi, Leiter Digital Banking Platforms

«Abwarten ist keine Option»


Der Finanzplatz steht stark unter Druck, adäquat mit der Digitalisierung umzugehen. Ivan Büchi, Leiter Digital Banking Platforms bei Swisscom Enterprise Customers, identifiziert fünf Optionen, wie Schweizer Banken auf die Herausforderungen reagieren können.


Text: Hansjörg Honegger, Bilder: Daniel Brühlmann, 19. Dezember 2017




Sind die Schweizer Banken bereit für die Digitalisierung?


Jein. Eigentlich stecken sie schon mitten drin, man sieht aber noch immer mehrheitlich traditionelle Geschäftsmodelle und keine Versuche, sich auf neue digitale Geschäftsmodelle einzulassen. Auch an der Kunden-Bank-Schnittstelle hat sich sehr wenig getan. Nehmen Sie nur mal das E-Banking, das kann heute nicht essenziell mehr als 1996.



Ivan Büchi

Immerhin gibt’s Mobile-Banking.


Klar, ich kann auf einem Mobile Device Zahlungen machen, Börsenaufträge aufgeben und meine Saldi abfragen. Das reicht aber bei weitem nicht mehr, um sich damit zu differenzieren oder dies als Digitalisierungsstrategie zu bezeichnen.


Was braucht es in Ihrem Verständnis für eine wirkliche Digitalisierung der Banken?


Die Digitalisierung soll die Kunden in den verschiedensten Bereichen befähigen. Befähigen bezieht sich ausdrücklich nicht nur auf die operative (Self-Service), sondern auch auf die Wissens- und Entscheidungsebene. Des Weiteren muss man sich von den traditionellen Geschäftsmodellen lösen und sich für die neuen Möglichkeiten öffnen, um damit zukunftsorientierte Geschäftsmodelle zu entwickeln.

Zur Person

Ivan Büchi arbeitete in den letzten Jahren bei Finanzunternehmen im Banken- sowie Versicherungsumfeld, bei Software-Unternehmen und bei einem Internet-Start-up. Bis Ende Juli 2017 war er als Leiter des Digital Office bei der Glarner Kantonalbank tätig. Zusammen mit einem innovativen Team arbeitet er daran, Finanzlösungen einfacher und bequemer zugänglich zu machen. Heute arbeitet er als Leiter Digital Banking Platforms bei Swisscom und treibt die Digitalisierung in der Finanzindustrie mit Produkten wie dem Beratertool eVoja, der digitalen Identifikation und Signatur und vielen anderen spannenden Ideen weiter voran.


Und bankenintern?


Digitalisierung heisst innerhalb der Bank traditionellerweise Prozessoptimierung und Automatisierung. Heute muss die Digitalisierung bankintern aber vermehrt Richtung Unterstützung bzw. Befähigung von Bankmitarbeitenden gehen. Beispielsweise bei der Datenanalyse, der Überwachung von Compliance-Regeln und generell bei der Übernahme von nicht wertschöpfenden Arbeitsschritten. Dabei ist es sehr wichtig, nicht einfach die alten Prozesse digital abzubilden, sondern sich immer die gesamten Abläufe vor Augen zu führen und sich zu überlegen, ob diese heute in dieser Art und Weise noch Sinn machen.


Reden wir von künstlicher Intelligenz?


Eher von regelbasierten Systemen. Künstliche Intelligenz ist noch recht weit weg.


Das Swisscom-Whitepaper «Digitalisierung: Rasche Entscheidungen sind gefragt» referenziert sehr stark auf China und zeigt Beispiele, wie sich die Finanzbranche da entwickelt. Ist China wirklich eine Blaupause für die Schweiz?


Nein. Aber in China sieht man sehr eindrücklich, wie schnell eine durch die Digitalisierung getriebene Entwicklung in der Finanzbranche verlaufen kann. Zum Beispiel ist der Fonds von Ant Financials (Alibaba) innert vier Jahren nach dem Launch bereits auf über 160 Milliarden USD angestiegen. Auch in Sachen Payment zeigen uns die Chinesen, wo die Reise in Europa hinführen könnte. Mobile Payment ist in China beispielsweise auf einem völlig anderen Level als bei uns. Heute werden dort bereits über 40% der Zahlungen im Onlinehandel bargeldlos abgewickelt und das spannende bzw. beängstigende für Banken ist, dass über 90% dieser bargeldlosen Zahlungen durch Alibabas Alipay und Tencents TenPay und nicht durch die traditionellen Banken abgewickelt werden.



Ivan Büchi im Interview


Wo liegen die Unterschiede zu China?


Die Digitalisierung erschliesst vielen Chinesen einen einfachen Zugang zu Finanzdienstleistungen. Als Beschleuniger kommt neben der digitalen Affinität der Chinesen dazu, dass chinesische Unternehmen sowie Banken dank dem grossen Binnenmarkt sehr stark skalieren können.


Im bereits angesprochenen Whitepaper zeigen Sie fünf Handlungsoptionen für die Digitalisierung der Banken. Die erste Option ist Nichtstun. Im Ernst jetzt?


Es gibt Unternehmen, die so entscheiden. Man setzt auf die Nische und die bestehende Kundschaft, die keine Veränderung möchte. Wir werten diese Option nicht, sie steht einfach im Raum.


Wer soll nicht handeln?


Niemand. Es wird wohl auch die Ausnahme bleiben, dass eine Bank gar nichts macht. Heute wird gern gesagt, man wolle schauen, wohin sich der Markt entwickelt, bevor man aktiv werde. Das ist aber nicht wirklich eine Option. Man sollte heute auf jeden Fall aktiv werden, auch wenn es nur kleine Schritte sind. Dank denen kann man aber einiges lernen und sich damit Wissen für zukünftige Projekte aneignen.


«Heute muss die Digitalisierung bankintern aber vermehrt Richtung Unterstützung bzw. Befähigung von Bankmitarbeitenden gehen»


Ist eine App schon handeln oder noch abwarten?


Es kommt darauf an, was die App kann. Aber Mobile-Banking ist heute ein Hygienefaktor und kein Schritt in die Digitalisierung.


Die zweite Option für eine Bank ist die Infrastruktur-Option. Banken sollen für andere Banken Infrastruktur zur Verfügung stellen. Es ist doch heute schlicht eine Illusion, an eine solche Zusammenarbeit zu denken.


Gar nicht. Es gibt sogar bereits interessante Ansätze: Beispielsweise betreiben die Hypothekarbank Lenzburg oder die Glarner Kantonalbank, wenn auch in unterschiedlichem Kontext, eigene Lösungen auch für andere Banken. Beim Börsenhandel ist dieses Modell sogar schon recht weit verbreitet, da direkte Zugänge zur Börse heute noch sehr kostspielig sind.


Banken können auch Aggregatoren werden, empfiehlt das Whitepaper. Was ist darunter zu verstehen?


Die Finanzbranche bietet ein extrem breites Spektrum an Produkten und Dienstleistungen. Die Vielfalt dieses Produktangebots wächst durch die Digitalisierung zusätzlich sehr stark. Es gibt Finanzinstitute, für die es aufgrund ihrer Grösse keinen Sinn macht, ein möglichst komplettes und meist kostspieliges eigenes Angebot zu offerieren. Diese Institute können sich so auf wenige eigene Produkte fokussieren und ihren Kunden alle anderen Angebote zumindest zugänglich machen. In dieselbe Kerbe schlägt auch Option drei, die Boutique-Bank. Diese konzentriert sich auf wenige Kern-Services mit spezialisierten Beratern und die restlichen Produkte sowie Dienstleistungen werden eingekauft bzw. eingebunden.


Dazu müssten Banken die Schnittstellen zu den Angeboten öffnen.


Darauf zielt PSD2 (Payment Services Directive) ab. Die Direktive muss innerhalb der EU auf Beginn 2018 in nationales Recht umgesetzt werden. Damit werden Banken gezwungen Schnittstellen zu ihren Systemen, gegenüber von Drittanbietern (sog. Third Party Payment Service Provider), zu öffnen. Dies ermöglicht es Aggregatoren, ihre Dienstleistungen mit den Angeboten anderer Banken anzureichern. Natürlich ist das ein guter Moment, das eigene Angebot zu konsolidieren und so Kosten zu sparen, aber sich zeitgleich auch Gedanken über eine kundennutzenstiftende Anreicherung externer Produkte und Dienstleistungen zu machen.


Wie sieht es bezüglich PSD2 in der Schweiz aus?


Bei uns gibt es für die Banken keine Verpflichtung, die PSD2 Richtlinien der EU umzusetzen und aufgrund der Stellungnahme der Bankiervereinigung ist nicht davon auszugehen, dass es in der Schweiz zeitgleich eine ähnliche aber freiwillige Umsetzung geben wird.



Ivan Büchi über Banking der Zukunft


Die letzte Option für Banken im digitalen Wandel, die Swisscom vorschlägt, ist die Plattform. Ein Trend, der auch in anderen Branchen sehr engagiert diskutiert wird. Wie muss man sich das bei einer Bank vorstellen?


Das ist ein Zusammenzug aus den Optionen zwei, drei und vier: Infrastruktur-, Aggregator- und auch Boutique-Bank. Die Plattform-Bank bietet nur noch Beratung, der ganze Rest ist in der Cloud beziehungsweise bei anderen Banken oder man bietet selber die eigenen Produkte und Dienstleistungen auf anderen Plattformen an.


Hat eine Plattform eine Chance in der Schweiz?


Heute und morgen sicher noch nicht, mittelfristig kann ich mir das aber sehr gut vorstellen. Mit dieser Lösung kann man sich die hohen Kosten teilen und über andere Plattformen die eigene Vertriebsreichweite vergrössern. Beides gewichtige Argumente.


«Der kulturelle Wandel wird in Digitalisierungsprojekten leider oft vergessen.»


Egal für welche Option sich eine Bank entscheidet beim Weg in die Digitalisierung: Sie muss sich verändern…


… ausser sie wählt Option 1…


…die, wie wir gesehen haben eigentlich gar nicht in Frage kommt. Sind die Banken – traditionellerweise eher in einem konservativen Umfeld angesiedelt – fähig, das kulturell zu verarbeiten?


Der kulturelle Wandel wird in Digitalisierungsprojekten leider oft vergessen. Es geht ja nicht nur um die Digitalisierung der Kundenerlebnisse, der Prozesse und der Produkte, sondern auch um die Mitarbeitenden, die dahinterstehen. Wichtig ist, dass das Management transparent und nachvollziehbar aufzeigt, wo die Reise des Unternehmens hingehen soll und wie sich die Aufgaben der einzelnen Mitarbeitenden dadurch verändern werden. Zu Beginn einer solchen Umstellungen ist es empfehlenswert, ein Kulturprojekt zu initiieren, das diese Themen aufnimmt und klärt, um allfälligen Ängsten entgegenzuwirken.


Wie nimmt man die Kunden mit auf diese Reise?


Das ist abhängig von der Bank und der jeweiligen Digitalisierungsstrategie. Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Wenn die Strategie relevanten Kundennutzen stiftet, darf man davon ausgehen, dass die Kunden das Angebot automatisch annehmen werden.


«Wenn die Strategie relevanten Kundennutzen stiftet, darf man davon ausgehen, dass die Kunden das Angebot automatisch annehmen werden.»


Na gut, und wie findet man die richtige Strategie?


Jedes Unternehmen muss basierend auf seiner individuellen Ausgangslage seinen Weg selbst finden. Es gibt aber Spezialisten, die helfen. Swisscom beispielsweise beobachtet weltweit mit dem Think Tank e-foresight die Finanzbranche und die entsprechenden Trends und Entwicklungen in der Branche sowie Start-ups sehr genau. Auf dieser Basis beraten wir Banken, die Unterstützung zu Strategiethemen suchen.


Im schon mehrmals angesprochenen Whitepaper kommt das Wort «schnell» recht oft vor. Wie lange dauert «schnell»?


Schnell hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung wie noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Welt ändert sich heute in fünf Jahren bedeutend stärker als damals. Die Zeiten, als das Management eine 5-Jahres-Strategie definierte und diese danach akribisch umsetzte, sind definitiv vorbei. Wenn sich die Voraussetzungen bzw. die Kundenbedürfnisse verändern, muss man heute flexibel, agil – und schnell – reagieren können.




Die 5 Optionen für Schweizer Banken


Die Nichtstun-Option:
Das bisherige Geschäftsmodell war erfolgreich, warum etwas ändern?


Die Infrastruktur-Option

Die Bank vermietet die über Jahrzehnte aufgebaute eigene Infrastruktur an Fintechs, Quereinsteiger, soziale Netzwerke oder ehemalige Konkurrenten.

Die Aggregatoren-Option

Die Bank konzentriert sich auf ganz wenige Kernservices und bezieht den Rest von anderen.

Die Boutique-Option

Die Bank hat eigene Spezialisten für einige hoch spezialisierte Services. Alles Weitere wird eingekauft bzw. lizenziert.

Die Marktplatz-Option

Eine Kombination aus Aggregatoren- und Infrastruktur-Option.



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