Banking Trends

Diese Digitalisierungs-Trends werden 2022 das Schweizer Banking beschäftigen

«Die rasante Digitalisierung der Wirtschaft und der Gesellschaft fordert Banken auf unterschiedliche Weise heraus: Sie müssen nicht nur ihre Kernbereiche inklusive Zinsdifferenzgeschäft verteidigen, sondern auch für neue Themen im Payment, bei speziellen Kreditvarianten und bei nachhaltigen bzw. digitalen Geldanlagen nutzerfreundliche Lösungen entwickeln.»

Text: Marco Zollinger, Bilder: Swisscom, Unsplash,

Lieferdienste, kassenlose Geschäfte, Boom beim e-Commerce, medizinische Auskunft über App und geschäftliche Meetings über Zoom – in vielen Bereichen der Wirtschaft und Gesellschaft hat die Covid-19-Pandemie eine deutliche Beschleunigung der Digitalisierung bewirkt. Im breiteren Finanzdienstleistungsbereich dagegen waren die Auswirkungen vor allem bei mobilen Bezahlverfahren sichtbar: Twint gewinnt laufend neue Kundinnen und Kunden hinzu. Der Blick auf weitere Bereiche des digitalen Bankings zeigt hingegen eine uneinheitliche und teilweise überraschende Entwicklung:

Neobanken: Für diese sind die Rahmenbedingungen eigentlich sehr günstig, zumal direkte menschliche Kontakte in den vergangenen zwei Jahren teilweise stark eingeschränkt waren. Allerdings stellte sich hier der erhoffte Boom bisher nicht ein, und selbst grosse Banken lassen sich Zeit mit der Überarbeitung ihrer mobilen Services. Das zögerliche Wachstum im Neobanking hat eine Reihe von Gründen: Sie sind bisher lediglich eine unzureichend in digitale Ökosysteme eingebundene Sammlung von mobil gemachten konventionellen Diensten. Die Breite und Tiefe der Features reicht nicht an das bestehende e-Banking heran. Die Preisstrukturen alleine bilden kaum einen Anreiz zum Wechseln. Und eine sehr wichtige Funktion, das Bezahlen, haben Banken an das Gemeinschaftsprojekt Twint ausgelagert. Deshalb haben erst weniger User ihre Hauptbankenbeziehung auf eine Neobank umgestellt.

 

Für ambitiöse Finanzdienstleister bildet das ein ideales Umfeld für die Lancierung einer eigenen mobilen Bank, selbst wenn sie nicht die ersten sind. Wir erwarten hierzu in den kommenden zwei Jahren einige Neuigkeiten.

Crypto Finance: Was vor drei, vier Jahren viele Banken kategorisch ausgeschlossen hatten, drängt auf einem unerwarteten Weg in das schweizerische Banking: Es sind nicht die vielen Retailkunden, die über digitale Wallets bereits erste Erfahrungen mit Bitcoin & Co. gesammelt haben, welche die Branche in Bewegung gebracht haben, sondern die vermögenden Private-Banking-Klienten. Die Privatbanken, die hier früh aktiv wurden, berichteten von hohen Margen und ebenso hohen neu zufliessenden Kundengeldern – und sie brachten (und bringen) damit alle anderen unter Zugzwang. Inzwischen differenziert sich das Thema aus: Nach den ersten Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether sah man 2021 den Durchbruch bei Non Fungible Token (NFTs), mit denen Kunst und vieles weitere Mögliche digitalisiert und handelbar gemacht wird. Auch das ist ein Privatbanken-Thema.

 

Parallel dazu wird die Blockchain-Technologie, die den Kryptowährungen zugrunde liegt, immer wichtiger. Zentralbanken bereiten die Einführung von Geldsystemen vor, die darauf basieren, und teilweise soll auch das Notengeld in den kommenden Jahren auf die neuen Systeme umgestellt werden. Jüngstes Beispiel dafür ist China, das im Hinblick auf die olympischen Spiele in Beijing den digitalen Yuan eingeführt hat und diesen an den Spielen als digitales Zahlungsmittel für alle verbreiten will.

 

Die Entwicklung ist hier soweit gediehen, dass selbst ein Crash des Bitcoins diese neuen Projekte nicht mehr aufhalten würde. Das Problem bei Kryptowährungen liegt aus Sicht des traditionellen Bankings auf einer anderen Ebene: Die Fans haben viel zu hohe Anteile davon in ihren Portfolios, die Skeptiker viel zu niedrige – und damit verfehlen beide die optimale Anteilshöhe, mit der die Diversifizierung von Risiken gut funktioniert und Kryptowährungen ihre Qualitäten voll entfalten können.

Marco Zollinger, Head e.foresight

Nachhaltigkeit: In den vergangenen Jahren hat das Thema eine rasante Beschleunigung erlebt. Der vergleichsweise wenig Primärenergie verschlingende Finanzsektor gilt als Schlüssel für die Umgestaltung der Wirtschaft in Richtung der Netto-Null-Ziele bis Mitte dieses Jahrhunderts. Denn dieser Umbau erfordert sehr viel Geld – und das soll ganz massgeblich von institutionellen und privaten Investoren kommen.

 

Das Thema Nachhaltigkeit ist von Innovationen und der Digitalisierung nicht zu trennen: Denn zur breiten Definition der Nachhaltigkeit zählen Transparenz bei der Verwendung der angelegten Gelder, bei den Gebühren und bei der Umweltbilanz. Diese Transparenz lässt sich effizient nur mit digitalen Mitteln herstellen – und das wiederum macht das Thema Nachhaltigkeit (auch) zum Banken-Technologie- und Digitalisierungsthema.

 

Damit zeigt sich, dass es für eine Bank bei Weitem nicht genügt, lediglich ein paar nachhaltige Fonds und ETFs für die Kundschaft bereit zu halten, die explizit danach fragt. «Grüne» Kredite für die Energiesanierung von Gebäuden und für die Umstellung von Autoflotten auf e-Fahrzeuge sind Beispiele, wo Banken in ihren Kerngeschäften ihre Verantwortung beim Thema Nachhaltigkeit zeigen und leben können. Und als Energieverbraucher könnten sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und den Energiebedarf mit erneuerbaren Quellen decken.

BNPL: Das Kürzel steht für «Buy-now-Pay-later» und ist bei näherer Betrachtung die Wiedererfindung der Ratenzahlung, diesmal in einer digitalen Form. Diese spezielle Form des Kurzzeitkredits konkurriert auf den ersten Blick mit dem Kreditkartengeschäft.

 

Bisher bilden solche Kredite in der Schweiz ein Nischengeschäft. Allerdings zeigen Umfragen, dass und wie stark verbreitet Kredite ausserhalb des Hypothekenbereichs in der Schweiz sind: Home-Elektronik, Autos und Möbel werden gemäss «Moneyland»-Umfrage vom Oktober 2021 von 56% der Konsumierenden gerne kreditfinanziert.

 

BNPL ist für Banken aus mehreren Gründen eine Herausforderung: Es wird aus dem Payment-Bereich heraus vorangetrieben und als Feature in Bezahlprozesse integriert. Der Grund für die Nutzung ist dabei vor allem auch die Anwenderfreundlichkeit bei der Integration im Zahlprozess. Banken verlieren hier nicht nur einen potenziell attraktiven Zinsdifferenzpool, sondern auch die direkte Kundenbeziehung, wenn Klarna & Co. hier ihre Positionen ausbauen. BNPL ist auch ein wichtiges digitales Ökosystem-Thema, bei dem Banken herausgefordert sind. Hier liegt denn auch die Lösung für Banken, die bei BNPL dabei sein möchten: Die Komplexität zwingt zu branchenübergreifenden Kooperationen. Und diese sind auch bei vielen weiteren Digitalisierungsthemen der Schlüssel zum Erfolg.

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