Artificial Intelligence

Interview Michael Baeriswyl

«Mensch und Maschine müssen zusammenarbeiten»


Michael Baeriswyl, zuständig für die Entwicklung von Artificial-Intelligence-Lösungen bei Swisscom, weiss, wie man mit Datenabfall Business machen kann. Er sieht Chancen, aber auch Risiken für die Wirtschaft.


Text: Hansjörg Honegger,




Sie entwickeln Artificial-Intelligence-Lösungen für Swisscom. Lassen Sie uns doch erstmal den Begriff etwas klären. Was ist AI?


Michael Baeriswyl: Das ist ein sehr breiter Begriff. Sagen wir es so: Dank AI können Computer heute Arbeiten erledigen, zu denen sie früher mangels Intelligenz nicht fähig waren.


Was früher Menschen erledigten, tun heute Maschinen?


So schwarz-weiss ist es nicht. Heute entstehen viel mehr Daten. Darum brauchen wir intelligente Systeme, welche die riesigen Datenmengen verstehen und den Menschen sagen, was wichtig ist und was nicht.


Machen Sie ein praktisches Beispiel.


Seit mehreren Monaten werden die Call-Center-Mitarbeitenden von Swisscom von einer Artificial Intelligence unterstützt. Die AI versteht die Problembeschreibung des Kunden. Sie analysiert, was er von Swisscom nutzt und welche ähnlichen Probleme andere Kunden hatten. Aufgrund dieser Analyse schlägt das Programm dem Agenten sehr schnell eine Lösung vor.


Erkennt die AI den Inhalt des gesprochenen Worts oder muss der Agent das Problem erfassen?


Die Schweiz hat den Vorteil eines sehr guten Datenschutzgesetzes. Aus diesem Grund werden die Anrufe nicht erfasst. Der Agent erfasst das Problem in Stichworten. Theoretisch wäre die Stimmerkennung problemlos möglich. Swisscom tut das aber ganz bewusst nicht.




Wo steht die Schweiz heute im internationalen Vergleich in Sachen Forschung und Umsetzung von AI-Lösungen?


Der Vergleich ist schwierig. Aber wir haben gegenüber den US-Riesen einen gewaltigen Vorteil: Wir haben reale Firmenkunden, die wir nach ihren Bedürfnissen fragen können.


Wo liegen die Hauptbedürfnisse der Firmen?


Die Firmen müssen zuerst verstehen, dass Daten, die früher Abfall waren, heute genutzt werden können, um das Business zu verbessern.


In welchen Branchen orten Sie die grösste Dynamik?


Die Schweizer Maschinenbauindustrie steht unter einem starken Preisdruck. Jede Effizienzsteigerung ist sehr viel wert. In der Finanzbranche verändert sich im Moment das ganze Geschäftsmodell, auch hier ist die Dynamik sehr gross.


Kann sich eine Branche wie die Maschinenbauindustrie die anstehenden Investitionen überhaupt leisten?


Das ist eine grosse Herausforderung. Wir stehen am Anfang der Entwicklung, die Experten sind rar und entsprechend teuer und die Investitionen sind massiv. Wir werden sehen.




Wie steht es mit entscheidungsfähigen Maschinen, die auch moralische Implikationen berücksichtigen?


Das ist eine wichtige Frage, die wir Spezialisten uns jeden Tag stellen müssen. Fakt ist: Wenn man spezialisierte Software mit einer anderen Aufgabe betraut, versagt sie. Sie kann zwar ein Auto fahren, weiss aber nicht, wie man ein Spiegelei brät.


Adaption ist noch nicht möglich?


Nein, Software lernt und trainiert einen bestimmten Usecase. Mehr geht nicht. Intelligenz ist also bei Maschinen noch immer sehr relativ.


Aber die Entwicklung geht in diese Richtung.


Ja, klar. Wir müssen heute schon darüber reden, wie wir das steuern, damit sich die negativen Entwicklungen in Grenzen halten.

Dr. Michael Baeriswyl

Michael Baeriswyl ist seit Mitte 2016 Head of Artificial Intelligence & Machine Learning Group von Swisscom und mit seinem Team zuständig für die Entwicklung von konkreten AI-Lösungen. Er hat sein Doktorat an der ETH Zürich und am MIT in Boston gemacht.


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«Ein rigider Datenschutz ist für uns zentral.»



Was ist die Antwort?


Für uns – unser Team und auch Swisscom als Firma – ist ein sehr rigider Datenschutz zentral. Nur so kann Missbrauch verhindert werden.


Negativ ist aber auch, dass bis zu 30 Prozent der Büroangestellten wegen Artificial Intelligence ihren Job verlieren werden. Da kann man lange diskutieren, die Firmen werden aus Konkurrenzgründen zu diesen Effizienzsteigerungen greifen.


Das ist eine zu einfache Sicht der Dinge. Man sollte die Rolle des Menschen nicht unterschätzen. Es braucht sehr viel gesunden Menschenverstand im Umgang mit Kunden. Die Maschine muss herausfinden, was in diesem riesigen Datenberg, den wir produzieren, wirklich wichtig ist. Der Kundenkontakt kann aber nicht den Maschinen überlassen werden.


Ihre Tochter ist letztes Jahr zur Welt gekommen. Macht es Ihnen nicht Angst, in welche Zukunft sie hineinwächst?


Nein. Ich glaube, die Welt wird sich verändern. Gewisse Dinge werden sehr viel einfacher sein als heute, andererseits wird es neue kulturelle Probleme geben. Das war aber schon immer so. Mein Urgrossvater war Wagner. Er baute Wagenräder. Diesen Beruf gibt es heute gar nicht mehr. Vor diesem Hintergrund macht es mir keine Angst.


Nun ja, Ihrem Grossvater machte das schon Angst.


Ja, klar. Unsere Aufgabe wird sein, die neuen Technologien bei den Mitarbeitern richtig zu positionieren. Menschen, die Angst haben, nutzen die neuen Technologien nicht und werden von der Entwicklung abgehängt. Sie sollen die Maschinen als sinnvolle und willkommene Ergänzung zu ihrer Arbeit empfinden. Nur in dieser Zusammenarbeit sind die Maschinen wirklich nützlich.




Das tönt alles sehr schön. Tatsache ist, dass für den normalen Nutzer der Einsatz von AI eher etwas unheimlich ist. Man weiss nicht so genau, was eigentlich passiert.


Einverstanden. Viele Firmen haben kein Interesse an Transparenz, zum grossen Teil aus Profitinteressen. Ich finde, das ist nicht der richtige Weg. Der wichtigste Grundsatz ist: Die Entscheidung der Maschine muss immer transparent sein. Der User muss sie verstehen.


Swisscom ist in der Schweiz eine der führenden Firmen im Einsatz von AI. Wie transparent ist das Unternehmen diesbezüglich?


Sehr transparent. Swisscom gehört zum Teil dem Staat und unterliegt einem sehr starken Datenschutzgesetz. Wir haben ein Ethik-Board, das sich intensiv mit diesen Fragen beschäftigt – und zu anderen Schlüssen kommt als beispielsweise grosse US-Firmen.






Was ist KI?


Artificial Intelligence (AI) oder künstliche Intelligenz (KI) steht für Systeme, welche Aufgaben ausführen können, die bisher nur mit menschlicher Intelligenz erledigt werden konnten. Der Begriff AI umfasst dabei Methoden wie Neural Networks, Deep Learning und Machine Learning. Zahlreiche Anwendungen der künstlichen Intelligenz unterstützen Menschen und Unternehmen dabei, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Dabei soll die künstliche Intelligenz u.a. Informationen für Entscheide aufbereiten, komplexe Prozesse vereinfachen und die Kommunikation zwischen Menschen sowie Menschen und Maschinen erleichtern. Dadurch können sich Menschen auf Arbeiten mit hoher Wertschöpfung fokussieren und ihren positiven Einfluss auf Produktivität, Wachstum und Nachhaltigkeit steigern.




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