Mobilitätsstudie

Mobilitätsstudie

Smart City Montreux


Telefondaten zur Planung von Infrastruktur und Verkehrsführung: So optimiert Montreux den Privatverkehr und spart Millionen.


Text: Dino Auciello, 




Das Montreux Jazz Festival ist ein Publikumsmagnet. Zehntausende Besucher strömen in den Veranstaltungsort am Genfersee - 69'000 waren es am 9. Juli 2016, um ganz genau zu sein. Das ist keine Schätzung, sondern eine genaue Zahl, erhoben dank anonymisierter Smartphone-Daten, die über das Swisscom Antennennetz erfasst wurden. «Von Juni bis Ende Juli hat sich die Benutzerdichte im untersuchten Gebiet verdoppelt», stellt Enrico Bergonzo fest, Leiter des Tiefbauamts der Waadtländer Kommune.

 


Unterscheidung der Transportmittel


Heute ist die Unterscheidung der verschiedenen Transportmittel in den Analysekurven noch schwierig, einzige Ausnahme ist der Bahnverkehr. «Zugfahrgäste, die das Untersuchungsgebiet durchqueren, lassen sich schnell identifizieren. Sie erzeugen regelmässige Peaks in den Grafiken», erklärt Raphaël Rollier, Verantwortlich für das Smart-City-Programm bei Swisscom. Schwieriger sei es, zwischen Autos, Velos und Fussgängern zu unterscheiden. «Ein Velo kann sich im Stadtzentrum durchaus schneller als ein Auto bewegen.»


«Von Big Data auf Smart Data – neue Tools für die Entscheidfindung.»



Raphaël Rollier

Leiter Smart City Programm




Bei der Entwicklung ihres Tools plant Swisscom aber, Lernalgorithmen einzusetzen, um künftig besser zwischen den Bewegungsprofilen unterscheiden zu können. Erster Schritt: die Unterscheidung zwischen Bussen und anderen Kraftfahrzeugen. «Dieser Ansatz kann die Kommune unterstützen, beispielsweise wenn die Stadt Montreux ihren öffentlichen Nahverkehr auf Grundlage von Verkehrsmessungen verbessern möchte», fügt Rollier hinzu.


Enrico Bergonzo, Leiter des Tiefbauamts der Waadtländer Kommune


«Unser Ziel ist, die Dynamik unserer Innenstadt zu analysieren und zu verstehen, wie die Verkehrs- und Fussgängerströme funktionieren – und wie wir sie verbessern können.»


Enrico Bergonzo, Leiter des Tiefbauamts der Waadtländer Kommune


Der Mehrwert? Planung

Mit Hilfe der gesammelten Daten ist es möglich, die Wirksamkeit möglicher Stadtplanungsmassnahmen besser einzuschätzen. So konnte die Gemeinde kürzlich den Bau eines Tunnels unter dem Stadtzentrum auf Eis legen. «Auf Grundlage der neuen Daten war klar: Eine Baustelle solch gigantischen Ausmasses ist absolut sinnlos. Der Transitverkehr macht nur 20 % des Verkehrs aus», betont Christian Neukomm, zuständiger Stadtrat von Montreux. «Mit diesem Tool lassen sich faktisch begründete Gegenargumente gegen bestimmte gutgemeinte, aber schlechte Ideen vorbringen. So können schwerwiegende Eingriffe verhindert werden, beispielsweise den Umbau oder die Sperrung einer Strasse.»


«Mit diesem Tool lassen sich faktisch begründete Gegenargumente gegen bestimmte gutgemeinte, aber schlechte Ideen vorbringen.»


Christian Neukomm, zuständiger Stadtrat von Montreux


Messung von Zielvorgaben für ein Park-and-Ride-Projekt

Die Gemeinde Montreux untersuchte zudem den Bau einer Park-and-Ride-Station am Stadtrand. Wie bei dem im Stadtzentrum eingesetzten System lautet auch hier der Ansatz, die unterschiedlichen Nutzungstypen der Park-and-Ride-Station – von der Berufsfahrt bis hin zum Familienausflug am Wochenende – auf Grundlage der Herkunft und des Zielorts zu kategorisieren. «Es ist wichtig, zu ermitteln, welche Plätze kontinuierlich genutzt werden. Wir hatten zunächst über eine zweigeschossige Parkanlage mit bis zu 460 Stellplätzen nachgedacht», führt Christian Neukomm aus. «Nach der Analysephase gehen wir davon aus, dass 160 Stellplätze für die nächsten Jahre ideal ist. Das ursprünglich geplante Budget betrug ungefähr 12 Millionen Franken, heute reden wir nur noch von 2 Millionen.»





Anonymisierte Daten


Die zur Messung des Verkehrsflusses gesammelten Telefoniedaten werfen Fragen zum Thema Datenschutz auf. «Wir müssen garantieren, dass es keinerlei Probleme bei der Anonymisierung der gesammelten Daten gibt», erklärt Christian Neukomm, Stadtrat von Montreux. «Für uns als Kommune ist es ganz einfach unmöglich, Daten bis zu einer individuellen Person zurückzuverfolgen. Im Grossen und Ganzen verfügen wir lediglich über Grafiken und Prozentsätze.» «Wir liefern der Stadt Montreux ausschliesslich anonymisierte und gebündelte Daten», bestätigt Raphaël Rollier, Leiter des Smart City Programms bei Swisscom. Bei diesen Smart-City-Projekten interessiert uns nur die Masse, nicht das Individuum.»




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