Innovationsstrategien

Interview Christophe Lienhard

Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, weitergehen


Erfolgreiche Unternehmen sind innovative Unternehmen. Denn im Zeitalter der Digitalisierung fallen viele bewährte Geschäftsmodelle weg, die mit neuen ersetzt werden wollen. Wie aber wird man als Unternehmen innovativ?


Text: Ladina Camenisch,




Im Augenblick scheint sich jede Firma mit dem Thema Innovation auseinanderzusetzen. Ist das der Hype der Stunde?


Es ist mehr als ein Hype – es ist eine Notwendigkeit. Die Zeiten haben sich geändert: Neue Konkurrenten drängen sich auf den Markt, die Kundenbedürfnisse verändern sich, Margen sinken und Unternehmen geraten zunehmend unter finanziellen Druck. Wer heute noch bestehen will, muss sich um neue Geschäftsfelder bemühen. Mit anderen Worten: Man muss innovativ sein.


Wie gelingt das?


Indem man anfängt, wie ein Start-up zu denken. Nehmen wir ein etabliertes Unternehmen wie Swisscom. Wir kennen den Markt gut, wir sind Experten auf unserem Gebiet. Doch unser langsames, konstantes Wachstum reicht nicht mehr. Um mehr Business zu kreieren, müssen wir Neues wagen. Wir müssen lernen, ganz anders zu denken. Wir müssen in einen Markt eintauchen, den wir noch nicht kennen, wo wir Anfänger sind. Dazu braucht es eine Start-up-Mentalität und nicht die Denkweise von klassischen Managern. Sie sind der Treibsand, indem Innovationen auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Doch mit Besitzstandswahrung wird kein neuer Erfolg geboren.


Wie aber bringe ich so eine Mentalität in eine traditionelle Firma?


Genau das ist der Knackpunkt. Oft wird jahrelang an einem Produkt gearbeitet – da will man es natürlich zu einem Erfolg machen. Schliesslich steht auch das Ansehen der Beteiligten auf dem Spiel. Mit dem Fettpölsterchen der Firma im Rücken forciert man das Produkt, auch wenn es neutral betrachtet ein Rohrkrepierer ist. Am Schluss scheitert es unweigerlich und der Schaden könnte gross sein. Bei Start-ups ist das anders. Dort sind Erfolg und Misserfolg viel unmittelbarer. Damit ein Start-up funktioniert, braucht es schnelle, iterative Prozesse. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es sofort angepasst. Setzt sich der Markt in Bewegung, kontert man zügig. Wenn sich nach einigen Monaten kein Erfolg abzeichnet, ist das Start-up zum Scheitern verurteilt. Diese Form von Denken sollten sich auch grosse Firmen aneignen.


Ist das nicht utopisch?


Nein, Swisscom ist der Beweis, dass es funktioniert. Bei Swisscom Digital Enterprise Solutions haben wir eine Einheit, die innovative Geschäftsideen mit einem Start-up-Ansatz prüft und weiterverfolgt. Wenn sie sich bewähren, dann nehmen wir sie ins Portfolio auf. Wenn nicht, dann brechen wir die Übung ab und starten an einem anderen, innovativen Projekt. Selbst wenn wir scheitern, scheitern wir nicht wirklich. Denn das Gelernte nehmen wir ins nächste Projekt mit. Ich glaube, dass eine moderne Firma noch viel mehr mit Intrapreneurs arbeiten sollte, also mit Entrepreneurs aus den eigenen Reihen. So kommen innovative Projekte zum Fliegen – oder wenigstens zu einem schnellen Absturz.




Welche Fähigkeiten sollten Mitarbeitende mitbringen, die so arbeiten?


Im Grunde sind es die gleichen Skills, die ein Entrepreneur braucht: Visionäre Ideen, eine gewisse Risikobereitschaft und Hartnäckigkeit. Diese Leute arbeiten oft interdisziplinär mit Kollegen aus anderen Abteilungen zusammen, sie kümmern sich weniger um Kürzel und Hierarchien als um Resultate. Eine grundsätzliche Offenheit gegenüber neuen Tools und Methoden sowie eine schier unendliche Neugier sind ebenfalls wichtige Bestandteile für den Erfolg.


Braucht es nicht ebenfalls Inputs von aussen?


Doch. Es braucht Mitarbeiter, die das interne Geschäft sehr gut kennen und es mit der richtigen Denkweise weiterentwickeln. Anderseits braucht es Reibung von aussen: Leute, die kritische Fragen stellen, Firmen, die mit ihrem Geschäftsmodell zu einer potentiellen Gefahr werden und uns aufrütteln. Deshalb arbeiten wir bei Swisscom eng mit diversen Start-ups zusammen oder prüfen die Zusammenarbeit mit bestimmten Firmen. Vergangenes Jahr haben wir beispielsweise ein Joint Venture mit Open Web Technology gegründet, das nun Swisscom Digital Technology (SDT) heisst. Die Kollegen von SDT sind sehr stark in der Beratung digitaler Business Transformation. Die Frage nach innovativen, neuen Geschäftsfeldern ist eines ihrer zentralen Themen.


Dennoch machen die meisten Firmen ihr grosses Geld noch immer mit ihrem Kerngeschäft. Ist es da nicht überspannt, wenn Firmen so viel Geld und Energie in Innovation investieren?


Die Tatsache, dass sich selbst Big Player so sehr mit innovativen Projekten beschäftigen, sollte alle anderen Firmen aufhorchen lassen. Erfolg ist immer nur ein Erfolg auf Zeit. Wir strampeln alle im gleichen Hamsterrad: Wenn wir uns nicht permanent weiterentwickeln, ziehen andere Firmen an uns vorbei. Am Ende ist die Rechnung einfach: Je mehr innovative Projekte man ausprobiert, umso grösser ist die Chance, dass einige von ihnen erfolgreich sind. Deshalb bleibt einer wahrhaft innovativen Firma nur eines: Hinfallen, Aufstehen, Krone richten, weitergehen.





Swisscom Digital Technology


Das Joint Venture mit Swisscom hilft Unternehmen, dank digitaler Technologien neue Produkte zu entwickeln oder ihre Organisation zu optimieren. Swisscom Digital Technology – ebenfalls als Open Web Technology bekannt – arbeitet mit ihren Kunden Hand in Hand, um Ziele und Bedürfnisse zu definieren, geeignete Lösungen vorzuschlagen und die Transformation umzusetzen.

Kontakt: Markus Eberhard




Mehr zum Thema