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Portrait: Start-up

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Herz und Seele der Schweizer Start-up-Szene


Er ist das Herz und die Seele der Schweizer Start-up-Szene: Beat Schillig. Keiner tat in den letzten 25 Jahren so viel für Firmengründer wie er, Zehntausende profitierten von seiner Arbeit


Hansjörg Honegger




Start-ups, das sind die neuen Popstars der Medien. Erfolgreiche junge Menschen, die mit Ideen und Elan die Welt erobern. Der bullige, etwas untersetzte Mann in seinem kleinen Büro im dritten Stock einer St. Galler Büroliegenschaft hat nichts von einem Popstar und ist doch Herz und Seele der Schweizer Startup-Szene. Seit 25 Jahren engagiert sich Beat Schillig in seinem Institut für Jungunternehmen (IFJ) für Schweizer Start-ups, im Rahmen von etablierten Förderprogrammen wie venturelab oder Venture Kick. In der Szene kennt ihn jeder, er ist eine Grösse. Als Business Angel verdiente er Millionen mit seinem Spürsinn, seiner Menschenkenntnis und seiner unerschöpflichen Energie. Und er investierte den Gewinn umgehend wieder in Start-ups.


Glück? Eher nicht

«Vieles war schlicht Glück». Lakonisch verweist er seine Erfolge in die Ecke des Schicksals, als ob das alles nichts mit seinen Talenten und seiner Hartnäckigkeit zu tun hätte. Menschen, die ihn näher kennen, zeichnen ein anderes Bild: hartnäckig, inspirierend, engagiert. «Beat Schillig hat die Start-up-Szene in der Schweiz stark geprägt und mit aufgebaut. Er hat Kapital und Know-how in Start-ups investiert, als es noch nicht en vogue war», ist Nicole Herzog, Mitgründerin der Haufe-umantis AG, überzeugt.

 

Unternehmertum war Schillig nicht in die Wiege gelegt. Als ältester von vier Söhnen wuchs er zwischen St. Gallen und dem Bodensee auf, der Vater war Melker, die Familie hatte nicht viel Geld. So hat er schon als kleines Kind sein eigenes verdient, indem er Bauern bei der Ernte aushalf: Kirschen pflücken, Äpfel auflesen. «Mit 14 hätte ich einen Beruf wählen sollen. Ich hatte aber eigentlich keinen Plan, was ich werden wollte. Doch ich ging gern zur Schule und entschied, die Matur zu machen.» Das ist typisch Schillig: Er fragte Vater Max und Mutter Rita nicht, ob er das tun dürfe. Er informierte seine Eltern über seinen Entschluss.


Die Top 5 Start-ups der Schweiz aus Sicht von Beat Schillig


1/5 L.E.S.S.: Die welschen Physiker Simon Rivier und Yann Tissot wollen mit «Light Efficient System S» (L.E.S.S.) den Lampenmarkt revolutionieren. LED ist gestern, L.E.S.S. ist morgen. Mit der neuartigen Lichtquelle auf Glasfaserbasis könnten auch Notebooks, Tablets und Fernseher ausgerüstet werden. Die Firma steht an der Schwelle zur industriellen Produktion.

2/5 Abionic: Iwan Märki und Nicolas Durand haben mit ihrer Medtech-Firma Abionic einen Meilenstein geschafft: Sie bekamen die Zulassung für ihren Allergietest. Das «Lab on Chip» macht Bluttests in Apotheken oder beim Hausarzt günstiger, einfacher und schneller. Nach 20 Minuten stehen Resultate zur Verfügung, die ebenso genau sind wie die Tests grosser Labors.

3/5 Flyability: Drohnen sind heikle Fluggeräte, die Propeller sind anfällig für Zusammenstösse. Hier setzen Adrien Briod und Patrick Thévoz mit ihrem Start-up Flyability an: Der Flugroboter Gimball ist von einer sphärischen Struktur umgeben, der die Drohnen vor Beschädigungen schützt. Das eröffnet neue Einsatzmöglichkeiten, wie Kontrollflüge in Kraftwerkskessel.

4/5 Bcomp: Autohersteller haben – zumindest in den USA – ein Problem: Die Autos sind zu schwer und stossen zu viel CO2 aus. Christian Fischer und Cyrille Boinay bieten mit dem Startup Bcomp eine Lösung: Ihre mit Flachsfasern verstärkten Polymerbauteile sind sehr leicht und eignen sich bestens für den Autobau. Die Verhandlungen mit der Autoindustrie laufen.

5/5 Sophia Genetics: Die Gründerzeit hat CEO Jurgi Camblong mit seinem Start-up Sophia Genetics bereits hinter sich. Mit 50 Mitarbeitern und 10 neuen Vertragsabschlüssen pro Monat befindet sich das Jungunternehmen auf Wachstumskurs. Kunden sind Spitäler aus aller Welt, angeboten wird die standardisierte Analyse genetischer Patientendaten.

1/5 L.E.S.S.: Die welschen Physiker Simon Rivier und Yann Tissot wollen mit «Light Efficient System S» (L.E.S.S.) den Lampenmarkt revolutionieren. LED ist gestern, L.E.S.S. ist morgen. Mit der neuartigen Lichtquelle auf Glasfaserbasis könnten auch Notebooks, Tablets und Fernseher ausgerüstet werden. Die Firma steht an der Schwelle zur industriellen Produktion.

Planlos – aber zielstrebig

Ein Kind in der Mittelschule: keine einfache Sache für einen Melker mit einem kleinen Einkommen und vier Kindern. «Für mich war klar: Ich wollte mit meiner Entscheidung meinen Eltern nicht auf der Tasche liegen und selber für die Kosten aufkommen», erinnert sich Schillig. In den Ferien arbeitete er als Friedhofsgärtner oder als Metallbohrer, am Samstag packte er bei einem Grosshändler Gemüse und Früchte ab. «Morgens um fünf war Arbeitsbeginn, das war kein Zuckerschlecken.» Erholt hat er sich am Sonntag in einem Landgasthof, wo er zuweilen als Kellner anzutreffen war. Er grinst, als er das sagt, erinnert sich an die Maloche, heute noch stolz, das gepackt zu haben.


«Geld ist Mittel zum Zweck, bei meiner Arbeit geht’s nicht ums Geld, sondern um Emotionen»


Beat Schillig, Gründer des IFJ


Nach der Matur: noch immer keinen Plan. Architekt hätte ihn gereizt, aber doch zu wenig. In St. Gallen geht man zur HSG, also Wirtschaft, «obwohl ich keinen Schimmer hatte, was die da so machen». Dass er bei den Eltern wohnen und so Geld sparen konnte, sprach ebenfalls für die HSG. Schillig betrieb sein Studium im Nebenamt und konzentrierte sich auf die Prüfungen. Daneben lernte er Spanisch und unternahm monatelange Reisen durch Kuba, Argentinien und Brasilien. Um die Reisen und seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, sammelte er weitere Jobs: Securitas-Nachtwächter, Nachtschichten bei der Bahnpost, Barkeeper, Bademeister im Tessin, Marktforschung, Werkstudent bei der IBM oder zuletzt Skipper auf griechischen Segeljachten. Hauptsache, es garantierte ihm seine Unabhängigkeit.


Ganz schlimm: Hierarchien

Die für einen HSG-Absolventen klassische Karriere in einem internationalen Konzern oder bei einem renommierten Beratungsunternehmen kam für ihn nicht infrage. «Ich merkte im Militär sehr schnell, dass Hierarchien für mich ein Gräuel sind. Mich von Leuten herumkommandieren zu lassen, die keine Ahnung haben, war ein Ding der Unmöglichkeit.» Nach drei Wochen hatte er den Vorschlag für die Unteroffiziersschule auf dem Tisch. Er musste kreativ werden – wieder mal. «Ich begann einen eigentlichen Kleinkrieg mit dem Zugsführer. Ich führte alle Befehle wortwörtlich aus», erinnert sich Schillig, mit einem breiten Lachen im Gesicht. Das sah dann so aus: Wenn er den Befehl erhielt, das Licht in der Garage zu löschen, tat er das. Schlief dann aber in der Garage, weil ihm niemand befohlen hatte, zurückzukommen. Sein Vorgesetzter resignierte, per Handschlag wurde abgemacht: Schillig kommt zur Vernunft, muss dafür nicht weitermachen.


«Beat Schillig tut alles mit einer ansteckenden Leidenschaft, auf ihn kann man sich verlassen und mit ihm hat man Spass.»


Rinaldo Dieziger, Gründer von Supertext


Am letzten Tag an der HSG hat eine Anzeige am Anschlagbrett seine Neugier geweckt: «Gesucht Projektleiter für Strategie-Implementation. Codewort: Rolls-Royce. Telefonnummer.» Dort hat Schillig angerufen. Und kurz darauf seinen ersten Job bei einem führenden Unternehmen der Textilindustrie angetreten: «Ich durfte die Geschäftsleitung unterstützen bei der Entwicklung und Umsetzung der neuen Strategie. Das war herausfordernd und spannend. Und der CEO liess mir freie Hand.» Freie Hand! Das war es, was Schillig brauchte. Nachdem der Strategiewechsel erfolgreich geschafft war, zog es ihn wieder in die weite Welt. Er war für ein KMU im Telekommunikationsumfeld zuständig für das Business Development in Südamerika, koordinierte die Produktion in Irland und verkaufte ein Projekt bei der Börse Prag.


Zufall Start-ups

Start-ups kamen im nächsten Job zufällig in sein Leben, bei einem Beratungsunternehmen, das für die UBS einen Kurs für Jungunternehmer aufbauen sollte. Der Inhaber lud das auf Schilligs Schultern. Und den packte das Fieber: «Genau das hatte ich gesucht, maximale Unabhängigkeit, mit Leuten zusammenarbeiten, die ähnlich ticken.» Das Institut für Jungunternehmen fand hier seinen Anfang. Schillig stürzte sich in den Aufbau, dozierte daneben an Hochschulen und begleitete die ersten Start-ups durch die schwierige Aufbauphase. Unter anderem war er hautnah an der Gründung von Jobs.ch beteiligt. Und wurde praktisch zu seinem ersten Investment als Business Angel gezwungen: «Die UBS war bereit, das Unternehmen zu finanzieren – sofern ich mich am Aktienkapital mit meinem Geld beteiligen würde.» Schillig kratzte 100‘000 Franken zusammen, seine gesamten Ersparnisse, und stieg ein. Einige Jahre später wurde das Unternehmen für einen dreistelligen Millionenvertrag übernommen. Schillig war jetzt finanziell unabhängig. Er konnte seinen Gewinn in weitere Start-up-Projekte investieren und sich als Business Angel beim Firmenaufbau engagieren.


Aber was ist schon Geld? «Geld ist Mittel zum Zweck, bei meiner Arbeit geht’s nicht ums Geld, sondern um Emotionen.» Ein Spruch, den nicht jeder glaubwürdig rüberbringt. Schillig schon. Ihm geht das Herz auf, wenn er zu einem Firmenjubiläum eingeladen wird, wenn er sieht, welche Früchte seine Arbeit getragen hat, wenn er mit Stolz auf die Jungunternehmer blicken kann, die er begleitet hat. Sein Engagement kommt zurück. So sagt Kai Glatt, ehemaliger IFJ-Mitarbeiter und jetzt EY Entrepreneur of the Year und Chef des Startups The Rokker Company: «Beat Schillig hat mich geprägt, er ist fordernd und zielstrebig. Aber er hat mir geholfen, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.»


Eine einmalige Bilanz

Heute ist Beat Schillig nicht mehr aus der Schweizer Start-up-Szene wegzudenken: Tausende hat er in den letzten 25 Jahren persönlich trainiert und gecoacht. Rechnet man sein ganzes Team von 25 Mitstreitern, so sind es weit über 100‘000 Firmengründer, die von Workshops und Networking-Events des IFJ profitiert haben. Und er inspiriert noch immer: «Beat Schillig tut alles mit einer ansteckenden Leidenschaft, auf ihn kann man sich verlassen und mit ihm hat man Spass», meint Rinaldo Dieziger, Gründer von Supertext und ebenfalls ehemaliger IFJ-Mitarbeiter. Aktuell zieht es Schillig wieder in die Welt hinaus. 2015 war er mit «venture leaders» – der Schweizer Start-up-Nationalmannschaft – in China und den USA und trainierte die besten Hightech-Start-ups in Südafrika.


Zurücklehnen und ausruhen? Eher nicht. Schillig wurde in diesem Jahr 50, was ihn schon kurz nachdenklich werden liess. Als ihm sein jüngerer Bruder erzählte, er sei im letzten Jahr 400 Kilometer geschwommen, kam ihm das gerade recht: Man muss schliesslich was tun für seinen Körper. Also schwimmen. 500 Kilometer im Jahr, war sein erster Impuls. Aber was ist das schon, keine richtige Herausforderung. Also 1000 Kilometer oder 200 Einheiten à fünf Kilometer. Und das, wenn man die Hälfte des Jahres unterwegs ist. «Es erschien mir praktisch unmöglich», erinnert er sich und da ist wieder dieses Lachen. Weniger als unmöglich ist langweilig. Mitte November stand der Zähler auf 891 Kilometer. War ja klar.




Das Institut für Jungunternehmen (IFJ)


Das IFJ unterstützt seit 25 Jahren Jungunternehmen mit Kursen, Weiterbildungen, Events und fachlichem Rat. Aus dem IFJ entwickelte sich das Accelerator-Programm venturelab für die besten Schweizer Start-up-Talente. 2007 wurde das IFJ mandatiert mit der Geschäftsführung von Venture Kick, welches rund 400 Spin-off-Projekte mit rund 16 Millionen Franken Startkapital ausgestattet hat. IFJ operiert mit einem Team von 25 Start-up Supporters in St. Gallen, Zürich und Lausanne.


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