Vernetzungsplattform für Datenaustausch im Gesundheitswesen





Digitalisiertes Gesundheitswesen

eHealth: Zürich, Bern und Basel machen vorwärts


Die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran. Zürich und Bern bauen die grösste eHealth-Plattform der Schweiz für den effizienten Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern. Und auch die Nordwestschweiz geht selbstbewusst voran.


Urs Binder, , aktualisiert am 25. Januar 2018




Zürcher Oberland, Juli 2027: Ich leide an Diabetes Typ 2, hohem Blutdruck und erhöhten Blutfettwerten. Mein Hausarzt verschreibt mir Medikamente und gibt die dringliche Empfehlung, meinen Lebensstil zu ändern. Abnehmen, mehr Bewegung, gesünder essen. Zuckerwerte und Blutdruck müssen regelmässig überwacht werden, ebenso meine Fitnessbemühungen. Mein Leben wird aber nicht durch Blutentnahmen und Kontrollbesuche beeinträchtigt: Ein in die Kontaktlinse implantierter Sensor misst laufend die Blutzuckerwerte und warnt mich vor drohender Unterzuckerung. Ein Wearable motiviert mich zu mehr Bewegung. Alle Daten werden automatisch ins elektronische Patientendossier übermittelt und stehen dem Arzt sofort zur Verfügung.



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Noch Zukunftsmusik

So oder ähnlich könnte eine Patientengeschichte in zehn Jahren aussehen. Das Gesundheitswesen wird durch die Digitalisierung umgekrempelt. Für jeden Patienten, der dies wünscht, gibt es ein elektronisches Patientendossier (EPD). Der Hausarzt führt die Krankengeschichte elektronisch. Auf die Daten können dank einer zentralen Kommunikationsplattform alle Leistungserbringer zugreifen, vom Spital bis zur Spitex – sofern der Patient sie dazu ermächtigt hat. Denn er ist der Datenherr und bestimmt, wer welche Daten sehen kann. Richtig eingesetzt, bringt die Digitalisierung echten Nutzen:

  • Medienbruchfreier Datenaustausch zwischen den Leistungserbringern.
  • Vermeiden von Erfassungsfehlern.
  • Effizientere Prozesse, sowohl intern in Praxis und Spital als auch übergreifend über alle Leistungserbringer kein Zeitverlust aufgrund des Postwegs.
  • Bessere Behandlungsqualität über die gesamte Behandlungskette


Gerade der letzte Punkt ist von grösster Wichtigkeit: Bei einer Fehlmedikation aufgrund mangelhafter Absprache drohen gefährliche Wechselwirkungen, wie Thomas Bähler, Leiter eHealth bei Swisscom Health, weiss: «Die Folgen können tödlich sein. Es gibt in der Schweiz jedes Jahr mehr Todesfälle wegen Fehlmedikation als durch den Strassenverkehr, die Grippe und HIV zusammen.»

Fast am wichtigsten ist aber dies: «Mit dem EPD erhält der Bürger erstmals in der Geschichte die Möglichkeit, sein Recht auf seine eigenen medizinischen Daten wirklich auszuüben». Das hält Dr. Samuel Eglin fest, Geschäftsführer der Axsana AG, der Betriebsgesellschaft für die Einführung des EPD im Kanton Zürich. Das genannte Recht hat der Patient zwar schon heute. Aber es ist mühsam, die Daten überall separat einzufordern und zum einem Gesamtbild zusammenzustellen – und was man erhält, kommt meist auf Papier.


Grösste eHealth-Plattform der Schweiz

Zürich hat sich schon vor längerer Zeit entschieden, eine einheitliche Kommunikationsinfrastruktur für das Gesundheitswesen aufzubauen. Unter Federführung der Gesundheitsdirektion haben sich die Verbände der Leistungserbringer zum Trägerverein Zurich Affinity Domain (ZAD) zusammengeschlossen. Er soll eine kantonsweite Stammgemeinschaft gemäss der eHealth-Strategie des Bundes aufbauen (siehe Box). «Die Initialzündung war ein eHealth-Forum im Jahr 2011», schildert Samuel Eglin die Vorgeschichte. «Danach haben wir zwei Jahre lang intensive Gespräch mit den Leistungserbringern geführt. Das war ein langer Prozess. Aber jetzt haben wir eine stabile Trägerschaft mit hoher Akzeptanz.»


«Der Patient will nicht zweimal untersucht werden, nur weil der Hausarzt sich nicht an der elektronischen Kommunikation beteiligt.»


Dr. Samuel Eglin, Geschäftsführer der Axsana AG


Einige Kantone beginnen mit einem kleinen Pilotprojekt – Zürich geht gleich in die Vollen. «Den Bottom-Up-Weg sind wir bewusst nicht gegangen. Dass die Technik funktioniert, wissen wir. Wir wollten von Anfang an alle Nutzer im Boot haben und eine flächendeckende Vernetzungslösung anbieten».

Mit der technischen Umsetzung wurde im Rahmen einer WTO-Ausschreibung Swisscom Health beauftragt. Als Basis dient die bewährte Plattform Swisscom Health Connect. Für eine sichere Kommunikation kommen die neuesten Verschlüsselungs- und Authentifizierungsmethoden zum Einsatz. Die Patienten können über das Evita-Portal auf ihr Dossier zugreifen.

Seit Frühling 2017 geht der Kanton Zürich seinen ambitionierten Weg nicht mehr alleine. Der Kanton Bern hat sich ihm angeschlossen. Gemeinsam mit Swisscom Health bauen die zwei bevölkerungsreichsten Kantone die grösste eHealth-Plattform des Landes – zum Nutzen von rund 2.5 Millionen Menschen. Angestrebt wird dabei eine gleichberechtigte, partnerschaftliche Lösung, die auch anderen Kantonen offensteht. Damit soll das Potential des EPD voll zur Entfaltung kommen und die integrierte Versorgung im Gesundheitswesen gefördert werden.


Betrieb ohne staatliche Subvention

Warum fiel die Wahl des Technologiepartners auf Swisscom? «Wir wollten einen Partner, der sichere und grossvolumige ICT-Lösungen anbieten kann. Und er sollte zu unserer Strategie passen und mit uns zusammen ein Geschäftsmodell erarbeiten», so Eglin. Im Kanton Zürich soll der Betrieb der Plattform und des EPD nämlich ohne staatliche Subventionen auskommen. «Das ist schweizweit einzigartig und auch das Einzige, das langfristig Sinn macht».

Zur Finanzierung des Betriebs werden den Leistungserbringern Zusatzdienste im Abonnement angeboten, die über das EPD hinausgehen. «Diese Pakete müssen preislich attraktiv sein und einen echten Nutzen bringen. Wir können ja niemanden zwingen, mitzumachen», hält Samuel Eglin fest. Für Ärzte, Spitex-Organisationen, Apotheken und andere Akteure sind unterschiedliche Pakete geplant. . Diese werden Alltagsprozesse digitalisieren und damit effizienter machen. Diese Vernetzungs- und Kommunikationsdienstleistungen werden zusammen mit den Nutzern (Spitälern, Heimen, Ärzteschaft, Apotheken, Spitex) entwickelt und umgesetzt – es werden also Lösungen von Leistungserbringern für Leistungserbringer erarbeitet.

Eine zentrale Rolle bei der Unterstützung des Projekts und der Begleitung der übrigen Leistungserbringer wird das Universitätsspital Zürich einnehmen. Den Spitälern kommt überhaupt eine grosse Bedeutung zu: Sie sind gesetzlich als Erste verpflichtet, ein EPD anzubieten, und nehmen so eine Vorreiterrolle ein.


Basel mit gross angelegtem EPD-Pilotprojekt

Auch in der Nordwestschweiz laufen die Vorbereitungen für die Einführung des EPD auf Hochtouren. Einige Leistungserbringer des Kantons Basel-Stadt führen bereits seit ein paar Jahren einen eHealth-Modellversuch mit einer eingeschränkten Anzahl von Anwendungsfällen durch. Der im Januar 2017 gegründete Trägerverein eHealth Nordwestschweiz hat diesen Modellversuch in eine neue Projektphase überführt, den sogenannten «EPD-Pilot Nordwestschweiz». Am Pilot beteiligen sich die Leistungserbringer der drei Kantone Basel-Stadt, Basel-Land und Solothurn. Das Ziel: 2018 wird auf kantonalrechtlicher Basis und in Abstimmung mit den kantonalen Datenschutzbeauftragten das EPD vorwirkend umgesetzt und pilotiert. 2019 wird der EPD-Pilot Nordwestschweiz in eine zertifizierte Stammgemeinschaft und somit in einen Regelbetrieb überführt.


Die Hausärzte sind skeptisch

Eine Mehrheit der Hausärzte steht den Themen eHealth und EPD noch skeptisch gegenüber. Erst eine Minderheit dokumentiert heute digital, je nach Quelle sind es zwischen 20 und 40 Prozent. Fax, in anderen Branchen praktisch verschwunden, ist im Gesundheitswesen nach wie vor allgegenwärtig. Mit fatalen Folgen für die Sicherheit der Daten: Laut Thomas Bähler erreichen ein bis zwei Prozent der Faxmeldungen nicht den richtigen Empfänger. «Hochgerechnet auf mehrere hunderttausend Faxe, geht so jedes Jahr eine substanzielle Menge an medizinischen Daten an den falschen Ort.»


«Viele Faxmeldungen mit medizinischen Angaben gehen an den falschen Empfänger.»


Thomas Bähler, Leiter eHealth, Swisscom Health AG


Vom Prinzip her hat kaum jemand etwas gegen elektronische Dokumentation, digitale Kommunikation und EPD, ausser dass einige Ärzte die vermehrte Transparenz wohl etwas ungemütlich finden – Stichwort «gläserner Arzt». Teils hitzige Diskussionen in Hausärzteverbänden zeigen, dass die Ärzteschaft vor allem Kostenbedenken hat. Praxissoftware sei teuer in der Anschaffung. Das Erfassen der Daten sei mit Aufwand verbunden und es gebe in TARMED dafür keinen Abrechnungsposten. «Im Gesundheitswesen gibt es keine intrinsische Motivation für Veränderungen. Es leben alle gut, man ist überrannt von Kunden und muss sich eigentlich nicht bewegen», zeigt Prof. Andréa Belliger, eHealth-Expertin am Institut für Kommunikation und Führung und Prorektorin der PH Luzern, einen weiteren Aspekt auf.

In einem sind sich die Experten einig: Die Ärzteskepsis ist auch ein Generationenproblem. Viele Hausärzte, die noch auf Papier dokumentieren, stehen wenige Jahre vor der Pensionierung und wollen ihre Praxis nicht mehr umstellen. Für junge Ärzte, die heute im Spital lernen, ist die elektronische Dokumentation dagegen selbstverständlich. Auch die meisten Gemeinschaftspraxen arbeiten von Anfang an mit der elektronischen Krankengeschichte.


Digitalisierung wird kommen

Abonnierbare Cloud-Lösungen ermöglichen es heute, die Kosten für die Praxissoftware langfristig zu verteilen, statt einmal gross zu investieren. Um die Digitalisierung werden die Arztpraxen jedenfalls nicht herumkommen. Denn ohne digitalisierte Praxis mit automatischer Datenübergabe ist ein EPD nur mit enormem Aufwand zu pflegen. Die Patienten aber wünschen zunehmend elektronischen Zugriff auf ihre Daten, wie Samuel Eglin betont: «Der entscheidende Druck wird letztlich über den Patienten kommen. Er will nicht zweimal untersucht werden, nur weil der Hausarzt nicht bereit ist, sich an der elektronischen Kommunikation zu beteiligen.»

Andréa Belliger ergänzt: «Die Leute möchten selbst partizipieren, offener kommunizieren und Transparenz haben. eHealth ist viel mehr als digitale Kommunikation und EPD. Der Hintergrund ist die zunehmende Organisation unserer Welt in Netzwerken.» Dazu gehören für Belliger zum Beispiel webbasierte Communities wie patientslikeme.com, wo sich Patienten mit bestimmten Krankheitsbildern austauschen «und so vielleicht zu einem besseren Resultat kommen, als wenn sie sich nur mit einem Arzt unterhalten».





Die eHealth-Strategie des Bundes


Bereits 2007 formulierte das Eidgenössische Departement des Inneren eine «Strategie eHealth Schweiz». eHealth soll gemäss dem Bundesrat dazu beitragen, der Bevölkerung den Zugang zu einem bezüglich Qualität, Effizienz und Sicherheit hochstehenden und kostengünstigen Gesundheitswesen zu gewährleisten. Der Begriff steht demnach für den integrierten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien zur Unterstützung aller Teilnehmer und Prozesse im Gesundheitswesen.

Im März 2017 ist das Bundesgesetz über das elektronische Patientendossier (EPDG) in Kraft getreten, das die Einführung des EPD anstösst. Spätestens drei Jahre nach Inkrafttreten müssen Spitäler ein EPD anbieten, nach fünf Jahren auch Heime. Für Ärzte, andere ambulante Leistungserbringer und Patienten ist die Teilnahme fakultativ – das Prinzip nennt sich «doppelte Freiwilligkeit».




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