Interview

Digitalisierung im Gesundheitswesen

«E-Health wird zunehmend als Mehrwert gesehen»


Swisscom hat sich als Partner für Akteure im Schweizer Gesundheitswesen etabliert. Thomas Bachofner, neuer CEO der Swisscom Health AG, erklärt, wie sie die Digitalisierung im Health-Bereich ankurbelt.


Text: Christoph Grau, Netzwoche




Hand aufs Herz: Wussten Sie vor Ihrem Stellenantritt, dass Swisscom auch im Gesundheitswesen aktiv ist?


Thomas Bachofner: Da ich seit 2010 bei Swisscom arbeite, kannte ich unsere Aktivitäten in diesem Bereich aus der Ferne. Ich habe mich jetzt mit vielen Kunden und Partnern getroffen, um die verschiedenen Stakeholder und Sichtweisen im Markt zu verstehen. Ich war positiv überrascht, dass Swisscom Health im Gesundheitswesen ein so grosses Standing und Renommee hat.


Wo steht Swisscom Health in seiner Entwicklung?


Swisscom Health hat nach der ersten Wachstumsphase nun eine gewisse Grösse erreicht, mit der wir die Synergien zwischen den verschiedenen Bereichen optimieren müssen. Vor allem müssen wir die Angebote stärker standardisieren und durchgängiger machen. Das sind die wesentlichen Themen, die wir in der nächsten Wachstumsphase angehen.


Können Sie ein Beispiel dafür geben?


Wir gewannen in verschiedenen Kantonen Ausschreibungen für E-Health-Plattformen. Diese bestehen immer aus zwei Teilen – aus dem elektronischen Patientendossier, EPD, und aus sogenannten Zusatzdiensten. Das EPD ist vom Gesetzgeber geregelt. Die Zusatzdienste beinhalten die B2B-Kommunikation zwischen den Leistungserbringergruppen, zum Beispiel den Austausch von Bilddaten oder anderen medizinischen Informationen. Da unsere Kunden von Synergien im Schweizer Markt profitieren wollen, müssen wir darauf achten, dass wir die verschiedenen Projekte möglichst eng beieinander halten. Das heisst, dass wir das Angebot bei den Zusatzdiensten nicht zu weit auseinanderdriften lassen wollen. In den verschiedenen Kantonen gibt es da durchaus einen gemeinsamen Nenner bei gewissen Lösungen


Fordern das die Kunden aktiv von Ihnen?


Ja, in Gesprächen etwa mit der Zürcher Axana oder der Berner Insel Gruppe stellen wir das fest. Es gibt natürlich kantonale Eigenheiten, da das Gesundheitswesen überwiegend kantonal geregelt ist. Wir wollen aber die Balance zwischen den kantonalen Bedürfnissen und einem möglichst hohen Grad an Standardisierung finden. Das sichert die Interoperabilität und hält die Kosten im Rahmen.

Thomas Bachofner

Thomas Bachofner ist seit Dezember 2016 CEO der Swisscom Health AG, die ein digitales Ökosystem für das Schweizer Gesundheitswesen aufbaut und betreibt. Zuvor hatte Bachofner ab 2010 Führungsfunktionen im KMU-Segment von Swisscom inne. Als Leiter Strategie prägte er die Digitalisierungsstrategie für diesen Bereich, die er anschliessend als Verantwortlicher für Produktmanagement und Vermarktung erfolgreich umsetzte. Vor seiner Tätigkeit für Swisscom war Bachofner im Management von IBM und Consultant bei Accenture. Der 45-jährige Zürcher hat an der Universität Bern Ökonomie und Politikwissenschaften studiert.


«Wir wollen die Balance zwischen den kantonalen Bedürfnissen und einem möglichst hohen Grad an Standardisierung finden.»


Thomas Bachofner, CEO Swisscom Health



Swisscom Health bietet auch Praxissoftware für Ärzte an. Wie geht es mit dem Ende 2016 zugekauften Produkt Triamed weiter?


Triamed ergänzt mit seinen Funktionen unsere eigene Lösung Curaprax. Curaprax war bisher auf Einzelpraxen ausgerichtet. Mit Triamed haben wir ein etabliertes Praxisinformationssystem gekauft, das seit Jahren in Praxisketten und Gruppenpraxen im Einsatz ist. Beide Lösungen ergänzen sich in dieser Hinsicht. Wir werden sie zusammenführen, um das marktführende Praxisinformationssystem anbieten zu können. Es geht zudem darum, dass die nächste Generation des Systems möglichst eng mit unserem Patientendossier verbunden wird.


Wie schätzen Sie die Situation in der Gesundheitsbranche ein, gerade im Hinblick auf die Umsetzung des elektronischen Patientendossiers?


Sie ist sehr heterogen. Ausser den regionalen Unterschieden gibt es auch innerhalb einzelner Regionen eine Diskrepanz zwischen den verschiedenen Leistungserbringern. Vor allem die Kantone mit Unispitälern gehen voran. Sie wollen eine Vorreiterrolle spielen. Andere Versorgungsregionen oder Kantone warten eher etwas zu und planen, in einer zweiten Welle einzusteigen. Bei den niedergelassenen Ärzten sind die Reaktionen unterschiedlich. Insbesondere für jene, die noch keine digitalen Patientenakten haben, bedeutet das elektronische Patientendossier eine grosse Umstellung im ganzen Arbeitsprozess. Für diejenigen Praxen, die schon voll digitalisiert sind und die Vorteile daraus nutzen, ist die elektronische Integration in eine E-Health-Plattform kein grosser Schritt.


Der Markt entwickelt sich also in Ihre Richtung?


Ja, E-Health wird zunehmend als Mehrwert gesehen. Dies bei administrativen und medizinischen Prozessen wie auch zur Steigerung der Versorgungsqualität für Patienten. Je nach Leistungserbringer braucht es meiner Meinung nach schon noch ein paar Jahre, bis diese in die Arbeitsabläufe integriert sind. Dadurch, dass das Ganze aufseiten der Patienten und der niedergelassenen Ärzte auf Freiwilligkeit beruht, wird der Prozess der digitalen Integration sicherlich Schritt für Schritt erfolgen. Der erkennbare Mehrwert der Services wird es aber ermöglichen, die Adaption voranzutreiben.


Wie grenzt sich Swisscom Health von den Wettbewerbern im Schweizer Markt ab?


Wir wollen mittels E-Health die umfassende Vernetzung der verschiedenen Leistungserbringer vorantreiben – also neben dem EPD auch die B2B-Kommunikation zwischen den Leistungserbringern: angefangen bei den Spitälern über die Ärzte bis hin zu den Privatpersonen. Darum haben wir uns so aufgestellt, dass wir in allen Bereichen über Kompetenzen verfügen. Wir haben die Vernetzungsinfrastruktur in den Spitälern, die Patienteninformationssysteme in den Praxen und die entsprechenden Systeme im Gesundheitsmanagement für die Konsumenten. Wir wollen also mit unserer Expertise und unseren Angeboten die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Dies unterscheidet uns von den Wettbewerbern.


Sie haben das Gesundheitsmanagement erwähnt. Welche Rolle spielt da die Digitalisierung?


Firmen und auch Konsumenten stellen wir zum Beispiel unsere Gesundheitsplattform Healthi zur Verfügung. Diese integriert Aspekte des betrieblichen und persönlichen Gesundheitsmanagements. Sie spricht Mitarbeiter sowohl mit Tipps als auch mit gesundheitsrelevanten Inhalten, mit spielerischen Elementen und dem Quantified-Self-Ansatz an. Bei Swisscom ist die Gesundheitsplattform intern in Betrieb. Wir stellen sie aber auch anderen Firmen zur Verfügung.


«Der Schutz der Patienten- und Kundendaten hat höchste Priorität.»


Thomas Bachofner



Wie gehen Sie auf dem Weg in eine zunehmend digitalisierte Welt mit der Sicherheit um?


Sicherheit ist das A und O und eines der zentralen Themen für uns wie auch generell für Swisscom. Alle unsere Lösungen werden entsprechend in hochsicheren Umgebungen gehostet. Der Schutz der Patienten- und Kundendaten hat höchste Priorität. Ansonsten würden wir umgehend das Vertrauen unserer Kunden verlieren. Wir nehmen auch keine Auswertung der Kundendaten vor, wie uns manchmal unterstellt wird. Die Daten sind und bleiben in jedem Fall Eigentum des Kunden beziehungsweise des Patienten.





In voller Länge


Dieses Interview ist ursprünglich in der Beilage "IT for Health" des Schweizer ICT-Magazins "Netzwoche" erschienen. Die ungekürzte Fassung finden Sie hier.

Zum Interview




Mehr zum Thema