Neue Management-Modelle





Neue Management-Modelle

Führung für das digitale Zeitalter


Jeff Eggers ist Senior Fellow beim Think Tank «New America» und unabhängiger Berater. Am WORLDWEBFORUM 2017 spricht Eggers über neue Modelle für Leadership und Organizational Performance.


Urs Binder, 8. November 2016




Zu den Stationen der aussergewöhnlichen Karriere von Jeff Eggers gehören über 20 Jahre ausgedehnte Kampferfahrung als Navy SEAL sowie Positionen als Hauptberater von Präsident Barack Obama, Senior Director für nationale Sicherheit in Afghanistan und Pakistan und Anti-Terror-Spezialist im Weissen Haus. Heute ist er mit seiner Firma Eggers Group als Berater für strategische Führung aktiv. Wir hatten Gelegenheit, ihm vor seinem Auftritt am WORLDWEBFORUM einige Fragen zu stellen.


Jeff, zunächst vielen Dank, dass Sie uns noch vor dem WORLDWEBFORUM einen Einblick in Ihre Ideen rund um Leadership geben. Beginnen wir mit etwas Persönlichem: Wie kamen Sie zum Militär?


Durch meinen Vater habe ich mich schon früh für die Militärfliegerei interessiert – er flog für die Air Force und brachte mir das Fliegen bei. Ich entschied mich dann, der Navy beizutreten, weil ich lieber von Flugzeugträgern als von kilometerlangen Pisten aus starten wollte.


Aber mit der Zeit war das Fliegen offenbar nicht mehr genug…


Richtig, mir wurde rasch klar, dass Fliegen zwar Spass macht, aber nicht viel mit Führung zu tun hat. Ich trat also den SEALs bei.




Was trug Ihr Dienst bei der Navy zu Ihrer Karriere im Bereich Sicherheitspolitik und Führungsberatung bei?


Strategische Analyse hat mich schon immer interessiert. Meine Militärlaufbahn bewegte sich deshalb relativ früh weg von der Führung von Special-Operations-Teams und Kampfeinheiten hin zur strategischen Beratung von Führungspersönlichkeiten der nationalen Sicherheit. Ich entwickelte mich gewissermassen vom operativen Anführer zum Berater der strategischen Führung. Trotzdem: Die Felderfahrung aus der anfänglichen operativen Phase war eine entscheidende Grundlage für meine weitere Karriere.


Muss eine herausragende Führungspersönlichkeit Ihrer Erfahrung nach bestimmte Charakterzüge aufweisen?


Es ist verlockend, bekannte Führerfiguren zu beobachten, gemeinsame Merkmale zu suchen und daraus eine Checkliste der benötigten Eigenschaften zu destillieren. Das macht die Sache begreifbar und markttauglich. So einfach ist es aber nicht. Ich glaube nicht, dass es eine charakterbasierte Formel gibt. Erfolgreiche Menschenführung trifft man bei den unterschiedlichsten Persönlichkeiten an.


Trotzdem gibt es Anführer, die wir mehr als andere bewundern und respektieren. Haben die nicht doch etwas gemeinsam?


Falls es überhaupt Gemeinsamkeiten gibt – dann sind solche Anführer von Natur aus emotional und strahlen nicht in erster Linie Intelligenz und technische Kompetenz aus. Selbstbewusstsein würde ich auch ziemlich weit oben auf die Liste setzen.


Gibt auf den ersten Blick positive Charaktereigenschaften, die für erfolgreiche Führung aber eher hinderlich sind?


Menschen neigen dazu, starken und selbstsicheren Persönlichkeiten zu folgen. Vor allem in schweren Zeiten, weil wir uns nach einem Helden sehnen, der die Dinge ins Lot bringen kann. Dies verschafft selbstinszenierenden Narzissten einen Vorsprung. Bescheidene Anführer liefern jedoch oft eine bessere Leistung ab. Es gibt also ein Spannungsverhältnis zwischen dem, was beim Aufstieg in die Führungsebene eine Rolle spielt und was wir in einem Anführer suchen und dem, was wir wirklich brauchen und was für die tatsächliche Performance wichtig ist.


Wie unterscheidet sich Führung im 21. Jahrhundert von der Vergangenheit?


Im 20. Jahrhundert bedeutete Führung Management – eine relativ exakte Wissenschaft, die Prozesse und Menschen als Variablen zur Steigerung der Produktivität sieht. Der Job der Manager war es, diejenigen zu leiten, die diese Gleichung lösen und verbessern. Heute geht es nach wie vor darum, Wettbewerbsvorteile zu finden, um die Performance der Organisation zu stärken. Dabei spielen Psychologie und Kognitionswissenschaft eine zunehmende Rolle – und letztere macht rasante Fortschritte.


Was kann die Wissenschaft denn zur Verbesserung von Führungsmodellen beitragen?


Das menschliche Gehirn ist immer noch der höchstentwickelte Prozessor. Wir wissen aber sehr wenig über das Gehirn, während wir Computer gut verstehen. Das muss sich ändern. Die Kognitiv- und Verhaltenswissenschaften liefern Erklärungen zu Kreativität, Motivation und Entscheidungsfindung – lauter Bereiche, die für die Wettbewerbsfähigkeit und Leistungsfähigkeit einer Organisation entscheidend sind.



Eine der meistzitierten Eigenschaften der Digitalisierung ist die «Geschwindigkeit von allem». Was hat das für Führung und Organisation für Konsequenzen?


Ja, das ständig zunehmende Veränderungstempo gilt gemeinhin als der bedeutendste Wechsel im digitalen Zeitalter. Ich finde eher, dass sich das Tempo der Veränderungen zwar generell beschleunigt, aber nicht überall gleich stark. Die Wirtschaftslandschaft wird immer komplexer, Veränderungen sind schlechter voraussehbar und wirken sich disruptiver aus. Während Führungsmodelle im 20. Jahrhundert Produktivität und Effizienz würdigten, liegt das Interesse heute vermehrt auf der Fähigkeit, erfolgreich auf Veränderungen zu reagieren.


Mit Hilfe digitaler Technologien können Mitarbeitende müheloser Wissen erwerben und mit mehr Sicherheit Entscheidungen treffen. Wie wirkt sich das digitale Self-Empowerment auf die Bedeutung von Führung aus?


Es hängt von der Branche ab, aber manches von dem, was die heutige Generation von Top-Managern vor 20, 30 Jahren über Führung gelernt hat, ist nun viel weniger relevant als damals. Der Paradigmenwechsel fällt nicht allen leicht. Aber sogar das Militär, das wohl gute Gründe hat, das klassische «Command and Control»-Führungsmodell beizubehalten, experimentiert mit dezentralisierteren und anpassungsfähigeren Führungsansätzen.


Direkt gefragt: Braucht es heute überhaupt noch Führung im herkömmlichen Stil?


Viele Anführer betrachten sich als Herrscher oder Machtbefugte über eine hierarchische Struktur unter ihnen. Vor allem deshalb, weil wir so ausgebildet wurden. Daraus ergibt sich jedoch auch Ordnung und Stabilität für die Organisation, und das wirkt beruhigend. Dennoch – die Führungspersönlichkeiten von morgen tun gut daran, Ihre Meinung zu revidieren, was Macht bedeutet und wo sie herkommt. Sie sollten sich zunehmend als Teil eines komplexen Netzwerks sehen, das sie befähigen und stärken.



Erleben Sie Eggers im Business Campus

Ein ganz besonderes Highlight erwartet Sie am 25. Januar 2017 im Swisscom Business Campus in Zürich: Wir begrüssen Jeff Eggers als Key-Speaker bei Experts Live on Stage.

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