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Digitales Livemusik-Experiment

Switzerland Connected: Welche Technik hinter dem prominenten Experiment stand

Am 13. Januar 2021 schrieben Bligg, Marc Sway und Band, Flavie Léa und sieben weitere Nachwuchsmusikerinnen und -musiker von der blue-Musiktalentshow Sing It Your Way Geschichte. Zum ersten Mal überhaupt gelang gemeinsames Musizieren auf Distanz – etwas, das bisher als technisch unmöglich galt.
Michael Lieberherr
Michael Lieberherr, Communication Consultant
26. Januar 2021

Mittwoch, 13. Januar 18.29 Uhr. Überall fliessen Tränen – im Schloss Chillon, über den Dächern von Bern, im Teatro Sociale in Bellinzona, in einer Skihütte in Klosters, im Zürcher Volkshaus und in der blue TV-Regie in Volketswil. Denn soeben ist gelungen, was technisch bislang weltweit als unmöglich galt: 15 Musiker sangen live von sechs verschiedenen Standorten. Getrennt und doch vereint. Ausgerechnet an dem Tag, an dem die Schweiz mit dem zweiten Lockdown erneut vor dem Corona-Virus kapitulieren muss.

 

Das Risiko, mit dem Experiment zu scheitern, war jedoch real. Jürgen Lochbrunner, Projektleiter Technik, erklärt: «Wir haben uns lange den Kopf zerbrochen wie das Vorhaben funktionieren könnte. Wir haben viel recherchiert und gelernt, dass in jüngster Vergangenheit bereits einige sehr ähnliche Vorhaben gescheitert sind» Die grosse Herausforderung an dem Vorhaben sind die unterschiedlichen Latenzzeiten – und das über mehrere Ebenen. Latenzzeiten beschreiben, wie lange es dauert, bis ein Signal von Startpunkt bis zum Endpunkt braucht.

Im Takt bleiben

Wenn also im Teatro Sociale in Bellinzona die Musik bereits beginnt, kommt sie im Studio einige Millisekunden verzögert an. Beim Sprechen ist das kaum hörbar, aber wenn Teile der Musik von sechs Standorten zu einem Ganzen zusammenkommen, hören auch Laien geringste Taktverschiebungen. Wo immer Signale übertragen werden, gibt es leichte Verzögerungen und genau diese machen es so schwer, ein Konzert über Distanz in Echtzeit zu synchronisieren. Darum ist es beispielsweise nicht möglich, über einen Videocall zu singen. Und darum sind bisher alle uns bekannten Versuche gescheitert.

 

Diese Ausgangslage war vor dem Experimentstart bekannt und daran sollten die Technikerinnen und Techniker noch einige Male erinnert werden. Die Bildverarbeitung ist viel daten- und rechnungsintensiver als die Tonverarbeitung, daher wird hier die Latenzzeit nochmals grösser. Darüber hinaus ist das Ohr bei Verzögerungen viel empfindlicher als das Auge, welches bei mehr 25 Bildern pro Sekunde kaum mehr einen Unterschied wahrnimmt. Audiodaten werden in Millisekunden, Videodaten hingegen in Bildern pro Sekunde (fps, Frame per Second) gemessen.

 

  • Probe Switzerland Connected

  • Probe Bern

  • Regiepult Volketswil

  • Probe Chillon

  • Regie Volketschwil

Im Experiment trennten die Techniker daher Ton und Bild, um bei der Tonübertragung eine absolute Synchronität zu erreichen. Das hat, bildlich gesprochen, wie folgt funktioniert: Alle Läufer sind gleichzeitig losgerannt. Sie haben dann kurz vor dem Ziel «gewartet» bis alle da waren, und sind erst dann gemeinsam synchron über die Ziellinie gelaufen. Nur wenn alle synchron über die Ziellinie laufen, merkt niemand im Ziel, dass sie unterschiedlich schnell waren. In diesem Fall betragen die Abstände der Läufer nur wenige Millisekunden.

 

Genau das haben die Techniker gemacht, indem sie mit einer Software namens Sonobus den Musiktakt, quasi das Startsignal, an die Standorte schickten. Sonobus sorgte dafür, dass der Takt in die verschiedenen Landesteile und über die verschiedenen Zugangsnetze wie 5G, 4G, Glasfaser oder Kupfer synchron gesendet wurde. Somit war der Startschuss gegeben. Die kombinierten Audio- und Videosignale gingen von den unterschiedlichen Orten aus ins Rennen und kamen je nach Route etwas früher oder später auf der Zielgeraden, sprich im Studio, an. Dort wurden Bild und Ton wie erwähnt aufgetrennt, auf den langsamsten Läufer gewartet und der Ton perfekt synchronisiert, als er von allen Standorten eingetroffen war. Erst dann wurde das Bild wieder eingefügt, um dann als Ton- und Bildteam gemeinsam über die Ziellinie zu schreiten.

Ton und Bild als Gesamtwerk

Der Ton war das eine, das Bild das andere. Die Bildkomposition für den Song «Denkmal» sollte auch die Geschichte von Switzerland Connected erzählen – ikonische Standorte wie das Schloss Chillon, eine Dachterrasse in Bern, das Teatro Sociale in Bellinzona, das Volkshaus oder die Bergstation Madrisa. Zudem wurden auch die Videos von Hobbysängern, die Zuhause im Vorfeld mitsangen und ihre Videos einschickten, integriert. Die ganze Szenerie wurde vorausgedacht, in der Regie Blue Studio (früher bekannt als Teleclub) in 90 Knöpfen vorprogrammiert und dann von einem virtuosen Bildregisseur in Echtzeit abgemischt – lippensynchron.

 

Klaus Liechti, Projektkoordination seitens Netzinfrastruktur, sagt: «Die grösste technische Herausforderung war, dass wir das Ganze nicht 1:1 vorher üben konnten. Erst einen Tag vorher kamen alle Puzzlestücke zusammen» Und auch erst einen Tag zuvor spielten die Musiker erstmals gemeinsam den neuen Song «Denkmal» mit vier Sprachvarianten. Sie spielten, ohne sich in Angesicht zu Angesicht zu sehen. David Sievers, der Audio Director fasst die Projektstimmung treffend zusammen: «Zweifel daran, dass es klappen kann, hatte ich nie. Das es klappen wird, war jedoch nie sicher. Es gab zu viele Dinge, die schief gehen konnten». Das war beispielsweise der heftige Regen, der am Standort Bern für einen Stromausfall sorgte, ein Router, der über seine Backupfunktion den Latenzabgleich torpedierte oder eine erste Probe, die kurz für Zweifel sorgte.

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Standardprodukte im Einsatz

Übrigens kamen beim Experiment keine besonders priorisierten oder direkte Verbindungen zum Einsatz, sondern Verbindungen über 5G, 4G, Glasfaser und Kupfer, wie sie die Kunden von Swisscom auch nutzen. Klaus Liechti erklärt weiter: «Wir haben für dieses Experiment nichts an unserm Mobil- und Festnetz geändert. Unser Netz kann diese Bandbreiten und Latenzen bereits heute»

 

Switzerland Connected ist aber mehr als nur Musik. Florian Maag, Projektinitiant/Co-Projektleiter beschreibt: «Jedes einzelne Element der Netzinfrastruktur, Anschlüsse, Sync-Software, Live-Kameras, Live-Regie, Song, Musiker, Streaming waren als Einzelteile vorhanden. Sie sind aber nie so konkret in einem solchen Experiment kombiniert worden. Alles musste ineinandergreifen und zusammenkommen, damit das Experiment gelingt» Für Katia Reinhardt, Beteiligte am Standort Bern und Co-Kommunikationsleiterin bei Swisscom, zeigt das Experiment: «Dass wir mehr zeigen sollten, was wir mit unseren Infrastrukturen und Services für die Gesellschaft und Menschen in den jetzigen Zeiten bieten können: Erlebnisse, Emotionen und das Menschsein ins Zentrum stellen»

 

Switzerland Connected ist viel Technik, aber noch viel mehr ein Beispiel dafür, was Organisationen erreichen können, wenn sie auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Jürgen Lochbrunner, Projektleiter Technik, erörtert: «Im Unternehmen existiert im Sinne der «Schwarmintelligenz» ein geradezu unglaubliches Potential, um Dinge zu realisieren, welche für den Einzelnen unmöglich erscheinen» David Sievers, der Audio Director, resümiert: «Es fühlte sich ein wenig wie ein Raketenstart an. Keiner wusste, ob das am Ende gut geht. But it did!»

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