«Du hast aber geile Brüste!» – sexuelle Belästigungen im Netz
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«Du hast aber geile Brüste!» – sexuelle Belästigungen im Netz

Die Zahlen von sexuellen Belästigungen bei Jugendlichen im Internet haben stark zugenommen, das zeigt die JAMES-Studie 2020. Wir müssen genauer hinschauen und die Kinder stärken.

Michael In Albon

Medienkompetenzexperte Michael In Albon

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Für Swisscom Magazin schreibt er regelmässig zu aktuellen Medienkompetenzthemen.

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Beinahe die Hälfte aller rund 1000 befragten Jugendlichen (44%) geben in der Online-Umfrage an, bereits einmal von einer fremden Person im Internet mit unerwünschten sexuellen Absichten kontaktiert worden zu sein. Mehr als doppelt so viele seit 2014, als sich die Werte noch bei knapp einem Fünftel (19%) bewegten. Mädchen sind davon doppelt so häufig betroffen als Knaben (55%/28%).

Nicht verharmlosen, sondern sensibilisieren und hinschauen

Natürlich ist nicht jeder schlüpfrige Witz gleich zu werten und natürlich kommt es immer auch auf den Zusammenhang an. Aber so billig können wir diese Entwicklung nicht wegwischen. Es geht hier um Werte und die Unantastbarkeit der Würde eines jeden Menschen. Wir müssen diese Tendenzen ernst nehmen und uns als Eltern und Lehrpersonen mit dem Thema stärker auseinandersetzen als bisher.

Mit zunehmendem Alter steigt bei Jugendlichen das Interesse an sexuellen Inhalten. Das gehört auch zur Pubertät. Es ist aber ein grosser Unterschied, ob man sich nur interessiert, oder ob man direkt und ungewollt damit konfrontiert wird.

Wie kann man diese Zunahme erklären?

Zum einen, dass sexuelle Inhalte im Netz zu stark verharmlost werden. Jeder im Netz buhlt um Aufmerksamkeit und wir wissen, dass nackte Haut dafür sehr gut geeignet ist. Eigentlich gute online Zeitungsportale lassen aber auch sexualisierende Werbung, freizügige Bildchen und Videos, etc. zu, und schon finden wir diese Inhalte nicht mehr nur auf einschlägigen Sites, sondern eben beim täglichen Surfen. Vergessen wir nicht: Jugendliche sind erst dabei zu lernen, eine gesunde Einstellung zum eigenen Körper und ihrer Sexualität zu entwickeln. Und sie sollten nicht als erstes mit dem Stereotypen aus vergangenen Jahrhunderten konfrontiert werden.

Der zweite Erklärungsgrund ist ein positiver. Nicht erst seit der Me-Too-Bewegung, die vor drei Jahren in den USA begonnen hatte, sind wir als Gesellschaft bedeutend aufmerksamer bei sexualisierten Inhalten. Und diese Einstellung wird auch unsere Kinder sensibler gemacht haben. Es ist naheliegend, dass die befragten Jugendlichen bei der Befragung im Rahmen der JAMES-Studie auch bewusster auf diese Frage geantwortet haben. Gut so!

Im Dialog aufklären, bestärken und Anlaufstelle sein

Kinder und Jugendliche sind dankbar, wenn sie von uns Erwachsenen einen Werkzeug-Kasten an die Hand bekommen, der ihnen hilft, in solchen Situationen gut zu reagieren. Was können wir also tun?

  • Bleiben Sie wachsam und bauen Sie eine Vertrauensbasis auf, auf der ihr Kind jederzeit über derartige Ereignisse sprechen kann. Geben Sie den Kindern und Jugendlichen zu spüren, dass Sie jederzeit für sie da sind und sie unterstützen.
  • Stärken Sie das Selbstvertrauen, insbesondere Ihrer Töchter, klar und unmissverständlich NEIN zu sagen.
  • Zeigen Sie Ihrem Kind, wie man Absender solcher Inhalte sperrt.
  • Wird es Ihnen zu viel und will es nicht aufhören: Wagen Sie den Weg zur Polizei und erstatten Sie Anzeige.

James Studie 2020

Die JAMES-Studie bildet den Medienumgang von Jugendlichen in der Schweiz ab. JAMES steht für «Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz» und wird alle zwei Jahre durchgeführt. In der repräsentativen Studie werden seit 2010 von der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften im Auftrag von Swisscom über 1000 Jugendliche im Alter von 12 bis 19 in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz zu ihrem Medien- und Freizeitverhalten befragt.

Die diesjährige JAMES-Befragung erfolgte zu Beginn der Corona-Pandemie und musste aufgrund der Schulschliessungen auf eine Online-Befragung umgestellt werden. Die Ergebnisse sind in diesem Zusammenhang zu interpretieren.
Mehr zu den Ergebnissen aus der JAMES-Studie 2020

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