Tagebucheintrag während Corona
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Liebes Corona-Tagebuch…

Zuerst mussten wir wegen Corona von einem Tag auf den anderen unseren Alltag neu definieren, Abstand halten und die Kommunikation digital gestalten. Michael In Albon, unser Medienschutzbeauftragter, macht sich nun auf den Weg zurück in eine neue Normalität. Und freut sich – irgendwie.

Ja, da wären wir also, nach 13 Wochen, seit ich das letzte Mal mit Mitmenschen persönlich interagierte, die nicht zu meinem Stammbaum gehören. Ich erinnere mich noch gut, dass es anfangs auch etwas Lustiges, Spannendes, ja vielleicht sogar Abenteuerliches hatte. Wir spassten über den Ellbogen-Gruss und schlossen Daniel Koch, der Corona-Beauftragte des Bundes, in unsere Herzen. Und ich hatte für meine Kolleginnen und Kollegen sogar Quarantäne-Tipps erstellt. Hach, das waren noch Zeiten.

Homeoffice-Tipp Nr. 1 von unserem Medienschutzbeauftragten Michael In Albon.

Die Arbeit änderte sich aber grundlegend mit diesem 16. März 2020. In der Regel stehe ich täglich mit Kollegen und Partnern ausserhalb von Swisscom in Kontakt. Im gleichen Raum, manchmal stundenlang (Workshop nennt man solche Sitzungen), Küsschen bei der Begrüssung, beim Abschied, sicher aber Händeschütteln und Schulterklopfen. Zwar nutzten wir schon vorher in unserem Alltag sehr oft Video- und Telefonkonferenzen für die Zusammenarbeit. Seit Mitte März aber ausschliesslich.

Neue Situation auch daheim

Meine Kinder lieben es! Mama und Papa stehen eigentlich jederzeit zur Verfügung. Die richtig grossen Projekte («Papa, ich möchte eine Baumhütte bauen.») finden endlich ihren Raum. Zwar ist Mama in der Rolle als Lehrerin definitiv «…viel strenger als Herr Loosli!», aber die Freiheit, die Hausaufgaben dann zu machen, wenn es passt, ist halt doch sehr praktisch. Und als die Kinder dann am 11. Mai wieder in die Schule durften – ein bisschen Neid war dabei.

Die Arbeit im Team ist, sagen wir: herausfordernder. Auch wenn uns mannigfache Kollaborations-Tools zur Verfügung stehen: Irgendwas fehlt. Zunächst hatten wir uns mit virtuellen Feierabend-Bieren via Videoconferencing beholfen. Dann haben wir an Workshops bewusst den Small-Talk Teil verlängert. Doch der direkte Austausch – ohne Vermittlung über ein Medium, quasi mit allen Sinnen und allen Kommunikations-Ebenen – ist bedeutend ergiebiger, als die Beschränkung auf Ton und Bild. Ist so. Die Art, wie ich im Stuhl sitze, wie ich mich zu Wort melde, wo ich im Sitzungsraum sitze – all diese Informationen zu Vertrauen und Vertrautheit gehen in einer Videokonferenz verlustig.

Aber… es funktioniert

Michael In Albon

Medienkompetenzexperte Michael In Albon

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Für Swisscom Magazin schreibt er regelmässig zu aktuellen Medienkompetenzthemen.

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Bei allen Einschränkungen digitaler Medien hat die digitale Fitness es uns erlaubt, auch während des Lockdowns produktiv und mitunter kreativ zu bleiben. Zusammen mit den Kolleginnen und Kollegen haben wir neue Kursangebote (via Internet) entworfen, Schulen mit technischem Equipment versorgt, oder Eltern dazu animiert, möglichst rasch Tagesstrukturen mit den Kindern zu etablieren. All dies war nur möglich dank der Technologie hinter unseren Laptop-Bildschirmen.

Zurück ins Leben

Die Rückkehr in Muster, wie wir sie Anfang dieses Jahres noch kannten, wird uns allen gelingen. Aktuell befinden wir uns in einer Annäherungsphase, die beinahe unangenehmer als der Lockdown selbst ist. Wir bewegen uns zwar wieder, aber irgendwie immer noch mit angezogener Handbremse. Bald werde ich wieder erste Termine ausser Haus wahrnehmen. Der Gedanke daran hinterlässt noch ein mulmiges Gefühl. Zudem bin ich nicht mehr sicher, wie man ein Zugbillet löst und wie man sich begrüssen soll. Man möchte ja nicht so überborden wie unsere Kinder, die sich alle erst mal umarmt haben, nachdem sie sich wiedersehen durften. Aber alle Annäherungen mit einem langen Stecken abwehren, möchte ich ja auch nicht.

Es beginnt wie damals im März eine Phase des sich neu Einlassens auf etwas, das wir damals gar nicht kannten und das wir in den nächsten Wochen wieder neu erkunden müssen. Ich freue mich. Glaube ich.

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