Wo bleibt der Anstand?
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Wo bleibt der Anstand?

Die Kommentarspalten bei Onlinezeitungen verkommen zu Schlangengruben, in denen alles erlaubt zu sein scheint.

Michael In Albon

Medienkompetenzexperte Michael In Albon

Michael In Albon ist Leiter «Schulen ans Internet» und Jugendmedienschutz-Beauftragter bei Swisscom. Er verantwortet das Programm der Swisscom-Medienkurse, bei denen jährlich über 25’000 Personen teilnehmen. Für Swisscom Magazin schreibt er regelmässig zu aktuellen Medienkompetenzthemen.

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Jedes Mal, wenn sich jemand Mut zuspricht und öffentlich eine kontroverse Meinung vertritt, sind die Menschen nicht weit, die bei ihrer Kritik nicht nur kein Blatt vor den Mund nehmen, sondern auch alle Regeln des Anstands über Bord werfen. Sie beleidigen, werden persönlich und machen sich meist nicht mal die Mühe, sich in das Thema zu vertiefen, bevor sie eifrig kommentieren. Ich klage dieses Elend an.

Von Hassrede und Shitstorm sind nicht alle gleichermassen betroffen. Menschen des öffentlichen Lebens wie: Sportler, Politiker oder Künstler sind beliebte Ziele. Und wenn sie dann noch weiblich sind, nicht einer christlichen Religion zugehören, wenn sie als Politikerin Mitte-Links politisieren, spezielle Lebensmodelle oder Liebespraktiken praktizieren, sind sie für die vermeintlich anonyme Hate-Speaker Community gefundenes Fressen.

Gewinnt Hassrede Überhand, dreht meist die Stimmung

Der Ablauf ist meist so: Zunächst spielt man auf die Person nicht auf das Thema (das ist meistens unwichtig), man unterstellt Dummheit, Inkompetenz, zieht das Aussehen ins Lächerliche. Dann werden weitere Hate Speaker angelockt, denn meistens sind diese verärgerten Menschen untereinander vernetzt und sehen, wann einer woanders kommentiert hat. Und die hauen weiter zu. Wenn die Hassrede Überhand gewinnt, dreht meist die Stimmung in der Kommentarspalte zu diesem Artikel vollends. Denn plötzlich wagen andere User und Leser, die zuvor keine Meinung hatten, in dieselbe Bresche zu schlagen und liken, kommentieren in ähnlicher Manier, teilen eventuell sogar. Wie eine Spirale reisst die Hassrede alles mit sich und ein konstruktiver Diskurs ist unmöglich.

Die News-Portale der Zeitungen und online Magazine sind gefordert. Manche Hass-Reden in den Kommentarspalten verstossen gegen das Gesetz oder wenigstens gegen grundlegende Anstandsregeln, und das News-Portal muss sich verantwortlich zeigen, weil sie die Plattform dafür zur Verfügung stellen. Einige Zeitungen haben reagiert, indem Kommentare vor dem Publizieren geprüft werden. Wer sich im Ton vergriffen hat, wird seinen Kommentar nie online sehen. Aber diese Kontrolle ist aufwendig.

Vorbildfunktion gilt auch für das Verhalten im Netz

Abgesehen von der angegriffenen Person birgt Hatespeech eine weitere Gefahr für unsere Kinder. Aus anderen Bereichen wissen wir, wie stark Kinder ihr Verhalten mittels Vorbildern entwickeln. So wie wir ein Glas zum Mund führen, tun es unsere Kinder auch. So, wie wir beim Telefonieren reden, tun es unsere Kinder auch. Und so, wie andere Kommentare unter Zeitungsartikeln kommentieren, gehen die Kinder und Jugendlichen davon aus, dass dies ebenfalls kopierbar ist. Wieso auch nicht? So haben sie seit klein auf gelernt. Deshalb ist es wichtig, dass wir Eltern schon früh diesen Mechanismus unterbrechen und unseren jungen Internauten klarmachen, was gute Beispiele und schlechte Vorbilder sind. Ein einfaches Gedankenspiel wirkt oft schon Wunder: Poste nur das, was Du auch in der Realität sagen würdest, wenn die Person direkt vor Dir steht. Wenn ein Kommentar diesen Test übersteht, darf er auch ins Netz. Und sonst in den Kübel.

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